Kritik von Michael Gasch – erstmals zu lesen am 28. August 2025, gesehen im Rahmen der 82. Filmfestspiele von Venedig 2025.

Das 4. gemeinsame Projekt mit Emma Stone: Bugonia von Yorgos Lanthimos
Zu Yorgos Lanthimos letztem Film Kinds of Kindness schrieb ich einst: „Jeder, der Poor Things als abgefahren, skurril, bizarr, eigenartig und sonderbar bezeichnete, muss sich bei Kinds of Kindness echt anstrengen, noch passendere Worte zu finden.“ Nun legt der griechische Regisseur bei den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig nach – mit Bugonia, einem Titel, der so unscheinbar wie harmlos klingt. Doch wer Lanthimos kennt, weiß: Harmlosigkeit ist bei ihm ein trügerisches Versprechen.
Erneut umfasst der Cast dabei Emma Stone und Jesse Plemons, erneut handelt es sich um ein Werk symbolischer Inversionen: Während Kinds of Kindness eine seltsame Aufassung von Nettigkeiten präsentierte, ist der titelgebende Begriff nicht minder irreführend. Eigentlich bezeichnet Bugonia den mythischen Glauben, wonach Bienen aus den Kadavern toter Ochsen entstehen. Einmal mehr macht Lanthimos jedoch ganz klar: Titelsemantik – also die Erwartung, aus einem Filmtitel direkte Rückschlüsse auf die Narrative ziehen zu können – ist ihm immer noch recht egal.
Es ist jedoch nicht nur der Titel, der für Verwirrung sorgt, sondern auch die Narrative – es handelt sich um ein Remake der südkoreanischen Science-Fiction-Komödie Save the Green Planet! von Jang Joon-hwan.Der Angestellte eines dubiosen Pharmaunternehmens, Teddy (Jesse Plemons), entführt seine Chefin (Emma Stone), weil er überzeugt ist, dass sie ein Alien ist. So landet das Wesen in seinem Folterkeller – denn nur so könnte ein Deal mit den außerirdischen Fremden ausgehandelt werden.
So oder so müssen die Aliens aber von der Erde verschwinden. Mit der Hilfe seines kognitiv beeinträchtigen Cousins Don (Aidan Delbis) schmiedet er Pläne, um das Alien zu brechen – erst lingustisch, später mit Gewalt. So transformiert sich die Ausgangssituation in ein Kammerspiel epistemischer Auseinandersetzungen, in dem Fragen nach der Genese, der Logik und den sozialen Bedingungen von Verschwörungsdenken verhandelt werden.
„The workers gather pollen for the queen. But the bees, they’re dying.“
Wie kommen Verschwörungsdenken zustande? Wie funktionieren diese überhaupt? Und was lässt sie besonders aufkeimen? Fragen wie diese werden hierbei verhandelt, wobei Lanthimos zuerst einfache, im späteren Verlauf komplexe Modalitäten unter die Lupe nimmt. Zu Beginn klingt das nämlich noch alles ziemlich hanebüchen, was der Entführer der mächtigen CEO vorwirft. Doch nach ihm ist es eben nicht alles so einfach – ihre körperliche Fassade sei nur Schein, ihre Ziele unscheinbar, aber in jedem Fall böswillig.
Eben jenes platte Feindbild lässt Zweifel aufkommen – denn Bugonia erzählt auch über den aktuellen Zeitgeist. Fakten und Beweise sind eben doch wichtig (obgleich in manchen Kreisen immer wieder von einem postfaktischen Zeitalter die Rede ist) und so entbrennt zwischen beiden Parteien eine hitzige Diskussion. Ist sie tasächlich ein Alien oder ist das alles nur „Bullshit“ (wie der deutsche Philosoph und Schriftsteller Philipp Hübl (hier) dazu sagen würde)?
Das präzise Argumentieren gegen verschwörungstheoretisches Denken und der kritische Umgang mit nicht belegbaren Aussagen stehen dabei im Mittelpunkt. Lanthimos hat dabei seine Hausaufgaben gemacht, wenn er die semantischen Fehlschlüsse des Verschwörungstheoretikers entlarvt und sogar der Fachbegriff „Echo Chamber“ fällt. Mit Bugonia legt der unberechenbare Regisseur einen weiteren Film vor, der mehr bietet als die Bizarrheit, die längst zu seiner filmischen Handschrift geworden ist – denn hinter ihr verbirgt sich jedes Mal weit mehr.
So entfaltet Bugonia eine bemerkenswerte Komplexitätssteigerung: Was zunächst wie eine simple Kritik an Eliten, Unternehmen und Systemlogiken wirkt, transformiert sich in ein Spiel mit Ungewissheit. Nicht nur erscheinen die Argumente des Entführers immer schwerer zu widerlegen, ebenso lassen seine akribischen „Recherchen“ die Grenze zwischen Fiktion und Möglichkeit verschwimmen. Gerade dieser Perspektivwechsel – die Transformation des „offensichtlichen Unsinns“ in ein hypothetisches „Vielleicht“ – macht Bugonia so vielschichtig und spannend. Und darüber hinaus: Lanthimos lädt für eine dialektische Betrachtung ein: Bugonia attackiert nicht einfach, sondern verkompliziert. Am Ende ist es wieder ein Film, mit dem Lanthimos mehr tut, als nur seine typische Bizarrheit fortzuführen – er schlägt erneut eine neue Richtung abseits seines bisherigen Werks ein.
Bugonia ist bei Plaion Pictures am 29. Januar 2026 auf 4K Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD erschienen. Hat euch die Kritik gefallen? Dann unterstützt CinemaForever.net gerne bei eurer nächsten Filmbestellung, indem ihr über diese Verlinkung bei Amazon.de* bestellt.
Kinostart: 30. Oktober 2025
Heimkino-Release: 29. Januar 2026
Regie: Yorgos Lanthimos
Darsteller: u.a. mit Emma Stone und Jesse Plemons
FSK-Freigabe: ab 16
Verleih Kino: Universal Pictures
Verleih Heimkino: Plaion Pictures
Laufzeit: 2 St. 00 Min.
★★★★★★★☆
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