Kritik zu „Cruising“: Erstmals restauriert in der originalen Kinoversion

Kritik von Marc Trappendreher

Erstmals restauriert auf Blu-ray in der originalen Kinofassung – William Friedkins Cruising

Es gibt Filme, deren Geschichte nicht mit dem Abspann endet. Sie verändern sich mit jeder Generation, mit jedem neuen Blick, mit jeder gesellschaftlichen Verschiebung. Was einst als Provokation galt, wird Jahrzehnte später zum Zeitdokument. Was zunächst als Skandal in Erinnerung blieb, offenbart sich nach und nach als vielschichtige Momentaufnahme einer Epoche, deren Widersprüche sich im Kino mit besonderer Intensität eingeschrieben haben. William Friedkins Cruising gehört zu diesen seltenen Werken. Kaum ein anderer amerikanischer Studiofilm der 1980er wurde derart heftig diskutiert, bekämpft, missverstanden und schließlich wiederentdeckt. Heute erscheint der Thriller als faszinierendes Dokument eines verschwindenden New York, als filmische Erkundung männlicher Identität und als Werk, dessen Ambivalenz sich konsequent einfachen Antworten entzieht.

Gerade deshalb besitzt jede neue Veröffentlichung dieses Films eine Verantwortung, die über die übliche Restaurierung eines Katalogtitels hinausgeht. Wer Cruising veröffentlicht, veröffentlicht zugleich ein Stück Filmgeschichte, ein Kapitel queerer Kulturgeschichte, einen Brennpunkt der amerikanischen Autorenfilmbewegung und einen jener Titel, deren Rezeption beinahe ebenso spannend geworden ist wie das Werk selbst.

Mit ihrer neuen Collector’s Edition (auf Blu-ray basierend auf dem 4K-Master von Arrow Video aus dem Jahr 2025) nähert sich PLAION Pictures diesem Erbe mit einer Achtsamkeit, die bereits beim ersten Kontakt spürbar wird. Noch bevor eine Disc eingelegt wird, vermittelt die Edition den Eindruck eines kuratierten Objekts. Das in dunkel schimmerndes Leinen eingeschlagene Hardcover erinnert weniger an eine gewöhnliche Heimkinoveröffentlichung als an einen bibliophilen Kunstband. Die fein strukturierte Oberfläche nimmt das Licht nur zurückhaltend auf, wodurch das Titelmotiv beinahe aus dem Material selbst hervorzutreten scheint. Al Pacinos Gesicht liegt halb im Schatten, durchzogen von den roten und violetten Reflexen jener Neonwelt, in der Friedkins Film seinen nächtlichen Sog entwickelt. Bereits dieses Cover verzichtet auf plakative Dramatik. Es sucht keine Sensation. Es lädt zur Betrachtung ein. Diese gestalterische Ruhe überrascht gerade deshalb, weil Cruising über Jahrzehnte fast ausschließlich über seinen Skandal definiert wurde. Die Proteste während der Dreharbeiten, die heftigen Reaktionen der Presse und die politischen Debatten rund um die Darstellung homosexueller Subkulturen überlagerten lange Zeit die eigentliche filmische Qualität. Genau diese Multiperspektivität bestimmt bis heute jede ernsthafte Auseinandersetzung mit Cruising.

Zwischen Beobachtung und Vereinnahmung

William Friedkin befand sich Anfang der achtziger Jahre selbst an einem Wendepunkt seiner Karriere. Nachdem Brennpunkt Brooklyn (The French Connection) und Der Exorzist seinen Ruf als einer der bedeutendsten Regisseure des New Hollywood begründet hatten, traf ihn das Scheitern von Atemlos vor Angst (Sorcerer) besonders hart. Das Selbstverständnis einer ganzen Regiegeneration begann zu bröckeln. Jene Freiheit, die Ende der sechziger Jahre das amerikanische Kino revolutioniert hatte, geriet zunehmend unter den wirtschaftlichen Druck eines sich wandelnden Studiosystems. Die Autoren Eugenio Ercolani und Marcus Stiglegger beschreiben Cruising deshalb treffend als einen bitteren Abschied von den siebziger Jahren und ihrem Kino.

Dabei scheint Cruising auf den ersten Blick einem vertrauten Muster zu folgen: Ein Serienmörder versetzt New York in Angst und Schrecken. Seine Opfer sind Männer aus der homosexuellen Lederszene, die Polizei tappt im Dunkeln, ein junger Beamter soll verdeckt ermitteln und den Täter entlarven. Steve Burns (Al Pacino) übernimmt diesen Auftrag, verändert sein Äußeres, bewegt sich Nacht für Nacht durch Bars, Clubs und Hinterzimmer, gewinnt das Vertrauen einer Gemeinschaft, deren Codes ihm zunächst fremd erscheinen. Je tiefer seine Ermittlungen führen, desto schwerer lässt sich jedoch zwischen gespielter Rolle und tatsächlicher Erfahrung unterscheiden. Aus der kriminalistischen Mission wird eine existenzielle Reise, an deren Ende weniger die Identität des Täters als jene des Ermittlers selbst zur Disposition steht.

Bereits diese Konstellation unterscheidet Cruising von den meisten Polizeithrillern seiner Zeit. Die Ermittlungen liefern lediglich den narrativen Rahmen. Friedkin interessiert sich wesentlich stärker für den Prozess der Veränderung. Steve Burns beginnt den Film als Beobachter, überzeugt davon, zwischen sich und der Welt, die er infiltrieren soll, eine professionelle Distanz aufrechterhalten zu können. Doch genau diese Distanz löst sich Szene für Szene auf. Kleidung, Sprache, Gesten und schließlich sogar sein Blick auf die eigene Beziehung verändern sich unmerklich. Friedkin zeigt diesen Wandel fragmentarisch, widersprüchlich und gerade dadurch verstörend. Marcus Stiglegger und Eugenio Ercolani beschreiben diese Konstruktion treffend als ein „deliberately fractured labyrinth“, als ein bewusst gebrochenes Labyrinth, das den Zuschauer ebenso orientierungslos zurücklässt wie seinen Protagonisten. Diese Beobachtung trifft den Kern des Films. Cruising verweigert, ja negiert geradezu die klassische Ordnung des Kriminalfilms. Hinweise verlieren ihre Eindeutigkeit, Begegnungen bleiben rätselhaft, selbst scheinbar nebensächliche Einstellungen erhalten im Rückblick eine neue Bedeutung. Friedkin baut kein Rätsel auf, das am Ende vollständig gelöst werden soll. Er konstruiert einen Erfahrungsraum, dessen Unsicherheit selbst zum Thema wird.

Ein Zustand permanenter Verunsicherung

Gerade hierin liegt bis heute eine Stärke des Films, die bei seiner Veröffentlichung kaum wahrgenommen wurde. Zeitgenössische Kritiken verlangten nach eindeutigen Aussagen: Ist der Film homophob? Ist er dokumentarisch? Ist Burns am Ende verändert oder gar selbst zum Täter geworden? Friedkin beantwortet keine dieser Fragen. Seine Bilder arbeiten gegen jede abschließende Interpretation. Sie erzeugen Ambivalenz, ohne Beliebigkeit zuzulassen. Diese Ambivalenz beschreibt Al Pacino selbst erstaunlich präzise. Für ihn war Cruising „partly like Pinter, partly like Hitchcock, partly a mystery, partly an adventure story“ und zugleich ein Film über Identität – darüber, wer der Mensch neben uns oder im Spiegel eigentlich ist.

William Friedkin entwickelt diese Fragestellung weniger über Dialoge als über Räume. Seine Kamera registriert Bewegungen mit beinahe dokumentarischer Geduld. Clubs, Bars, Lagerhallen und dunkle Straßen werden nicht bloß Kulissen einer Kriminalhandlung. Sie besitzen eine physische Präsenz, die den Zuschauer förmlich in diese nächtliche Welt hineinzieht. Leder reflektiert Neonlicht, Metall glänzt feucht, Musik überlagert Gespräche, Gesichter verschwinden immer wieder im Halbdunkel. Das nächtliche Manhattan erscheint als eigener Organismus, dessen Rhythmus unabhängig von den Figuren existiert – einem realistischen Traum ähnlich, dessen dokumentarische Genauigkeit allmählich in einen Zustand permanenter Verunsicherung übergeht. Tatsächlich wirkt Cruising häufig wie ein Film zwischen zwei Aggregatzuständen. Einerseits dokumentiert Friedkin eine Subkultur mit bemerkenswerter Detailtreue. Andererseits entzieht dieselbe Inszenierung dem Zuschauer jede Sicherheit darüber, wie zuverlässig diese Wahrnehmung überhaupt ist.

Das Sounddesign hat an dieser atmosphärischen Untermalung erheblichen Anteil: Es bestimmt den Rhythmus der Bilder, verschluckt Gespräche, erzeugt Orientierungslosigkeit und strukturiert Räume, lange bevor die Kamera sie vollständig erschließt. Stimmen gehen im Lärm unter, Motorengeräusche vermischen sich mit Clubmusik, Schritte hallen durch leere Straßen. Friedkin erschafft eine akustische Topographie New Yorks, die ebenso entscheidend für die Wirkung des Films ist wie Robby Müllers Kameraarbeit.

Die Edition

Hier nun entfaltet die restaurierte Fassung ihre ganz eigene Qualität. Das feine Filmkorn und die Atmosphäre der originalen Kinofassung sind wieder da und bewahren jene haptische Materialität, die den amerikanischen Autorenfilm der siebziger Jahre auszeichnet. Neonfarben leuchten mit neuer Intensität, ohne ihre Natürlichkeit einzubüßen. Schwarztöne gewinnen an Tiefe, während Hauttöne ihre differenzierte Farbigkeit zurückerhalten. Gerade in den Innenräumen der Clubs zeigt sich, wie präzise Friedkin und Kameramann James A. Contner mit Lichtquellen gearbeitet haben. Statt flächiger Ausleuchtung entstehen Inseln des Sehens. Der Blick tastet sich förmlich durch das Bild. Diese ästhetische Präzision findet in der Gestaltung der PLAION-Edition eine bemerkenswerte Entsprechung. Bereits das Hardcover greift die Farbdramaturgie des Films auf. Das fein strukturierte Material erinnert an einen hochwertigen Bildband, während das reduzierte Titelmotiv Al Pacinos Gesicht aus einem Geflecht roter und violetter Lichtreflexe hervortreten lässt. Dieselbe Gestaltung setzt sich im Inneren konsequent fort. Großformatige Szenenfotografien breiten sich über die Innenseiten aus, das Discdesign übernimmt die körnigen Rot-Schwarz-Verläufe der Covergestaltung, wodurch sämtliche Bestandteile der Edition einer gemeinsamen visuellen Idee folgen. Man hält keine beliebige Verpackung in den Händen, sondern ein sorgfältig gestaltetes Objekt, dessen Form den Charakter des Films aufnimmt.

Besonders eindrucksvoll gelingt dies beim Aufschlagen des Hardcovers. Hinter den transparenten Disc-Trays setzen sich die Motive fort, sodass Bild und Verpackung ineinander übergehen. Die großflächigen Fotografien wirken beinahe wie Standbilder aus einer Ausstellung über Friedkins New York. Selbst die Discs greifen mit ihrer reduzierten Gestaltung die nächtliche Farbpalette des Films auf. Diese gestalterische Konsequenz mag auf den ersten Blick nebensächlich erscheinen. Tatsächlich beeinflusst sie jedoch die gesamte Wahrnehmung der Edition. Noch bevor der Film beginnt, entsteht der Eindruck einer kuratorischen Arbeit, die sich ernsthaft mit ihrer Vorlage auseinandersetzt. Eine ähnliche Präzision prägt das 28-seitige Booklet. Marcus Stiglegger bündelt darin Erkenntnisse aus seiner gemeinsamen Forschungsarbeit mit Eugenio Ercolani und entwickelt sie für diese Ausgabe weiter. Dadurch begleitet der Text den Film nicht lediglich mit Produktionsdaten oder biografischen Notizen, sondern verortet ihn innerhalb der Geschichte des New Hollywood, der Debatten um Repräsentation sowie der wechselvollen Rezeptionsgeschichte. Das Booklet erweitert den Blick auf Cruising und macht deutlich, weshalb sich die Wahrnehmung des Films seit 1980 so grundlegend verändert hat.

Diese Verbindung aus restauriertem Film, editorischer Gestaltung und wissenschaftlicher Einordnung verleiht der Veröffentlichung ihren besonderen Wert. Auch wenn an dieser Stelle die Frage aufkommen mag, warum diese Edition zunächst nur auf Blu-ray und nicht direkt inklusive einer 4K-UHD-Blu-ray erscheint, obwohl PLAION auf das 4K-Master von Arrow Video zurückgegriffen hat. Die Vermutung liegt daher nahe, dass eine entsprechende 4K-UHD-Veröffentlichung in absehbarer Zeit nachgereicht wird. Die aktuelle Edition lädt nichtsdestotrotz dazu ein, Cruising als vielschichtiges Werk eines Regisseurs zu lesen, der „Genremechanismen in radikale Kunstwerke“ transformierte und damit zu den prägnantesten Stimmen des New Hollywood zählt. Friedkin vertraute darauf, dass seine Bilder Fragen stellen dürfen, ohne sie vollständig beantworten zu müssen. Mehr als vier Jahrzehnte später besitzt diese Offenheit eine größere Faszination denn je. PLAION Pictures beweist mit dieser Veröffentlichung, dass eine Edition weit mehr sein kann als ein Trägermedium – sie wird zur kuratorischen Einladung, einen Film neu zu sehen, neu zu verstehen und dauerhaft im kulturellen Gedächtnis zu verankern.

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Weiterführend:

Ercolani, Eugenio / Stiglegger, Marcus (2020): Cruising. (Devil’s Advocates). Liverpool: Auteur Publishing / Liverpool University Press.

Friedkin, William (2013): The Friedkin Connection. A Memoir. New York: Harper.

Stiglegger, Marcus (2023): New Hollywood Maverick – William Friedkin. In: filmdienst, 9. August 2023 (Hier online abrufbar)

Dt. Kinostart: 25. August 1980
 Neue Blu-ray erhältlich ab: 9. Juli 2026
Verleih: PLAION Pictures
Regie: William Friedkin
Darsteller: u.a. mit Al Pacino, Karen Allen und Paul Sorvino
FSK-Freigabe: ab 16
Laufzeit: 1 St. 40 Min.

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