Kritik zu „Decoder“: Der Underground-Klassiker neu auf Blu-ray!

Kritik von Marc Trappendreher

Wenn Klang zur Waffe wird: Decoder (1984) erstmals auf Blu-ray

Es gibt Filme, die mehr sind als bloße unterhaltsame Erzählungen – sie wirken wie Botschaften aus einem bestimmten Moment der Geschichte, so tief im Zeitgeist verwurzelt, dass man sie kaum vom gesellschaftlichen Klima trennen kann, aus dem sie entstanden sind. Der deutsche Underground-Film Decoder aus dem Jahr 1984 ist ein einzigartiges Dokument seiner Zeit – ein audiovisueller Ausdruck einer Subkultur, die sich zwischen Punk, Industrial und der Neuen Deutschen Welle bewegte. Regie führte der Düsseldorfer Muscha (Jürgen Muschalek), das Drehbuch entstand in enger Zusammenarbeit mit Künstlern und Aktivisten der Szene, unter anderem Klaus Maeck und Trini Trimpop. Decoder erzählt die Geschichte des Fast-Food-Angestellten F.M. (gespielt von FM Einheit, Mitglied der Band Einstürzende Neubauten), der erkennt, dass sogenannte „Muzak“ – beruhigende Hintergrundmusik in Schnellrestaurants – ein Mittel zur Kontrolle und Ruhigstellung der Bevölkerung ist.

In einem Akt des Widerstands beginnt er, Störgeräusche und aggressive Klänge, den Noise, einzusetzen, um die Menschen zu wecken und das System zu unterwandern. Seine Interventionen lösen Unruhe aus – nicht nur bei den Gästen des Restaurants, sondern auch bei den staatlichen Überwachungsorganen, die in der Klangmanipulation eine Bedrohung erkennen. Eine dunkle amtliche Gegenseite, vertreten durch undurchsichtige Abhör- und Kontrollinstanzen, setzt sich in der Gestalt des Regierungsagenten Jäger (William Rice) in Bewegung, um den Ursprung der akustischen Störung zu finden und zu neutralisieren. Bei Camera Obscura, einem auf liebevoll restaurierte und hochwertig ausgestattete Veröffentlichungen von ebenso sperrigen, wie zunehmend populären Genre- und Kultfilmen spezialisierten Label, ist der Film jetzt erstmals in Deutschland auf Blu-ray erschienen.

Mit seinem Themenkomplex aus Konsumkritik, medialer Kontrolle und subkulturellem Widerstand begriff sich Decoder selbst als audiovisuelles Manifest und reagierte auf ein zunehmendes Gefühl der Durchdringung des westdeutschen Alltags durch politische Unruhen, die er mit einer frühen, ansatzweisen Vorwegnahme dystopischer Cyberpunk-Ästhetik in nahezu traumartige Bilder und Klänge hüllt. Der Film greift damit ein zentrales Motiv der 1980er-Jahre auf: die Manipulation durch Medien, Musik und Sprache. In diesem Zusammenhang lassen sich auch die Einflüsse des Autors William S. Burroughs erkennen, der in einem kurzen Gastauftritt im Film zu sehen ist. Burroughs’ Ideen über Informationskontrolle, „cut-up“-Techniken und Medienkritik durchziehen den Film wie ein roter Faden. Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger ordnet Decoder kulturhistorisch ein:

«Decoder muss als einer dieser deutschen Underground Filme gesehen werden, die mit Punkkultur, mit Industrial Culture und mit der Neuen Deutschen Welle verbunden sind. Die Abgrenzung vom Neuen Deutschen Film der 70er-Jahre und diese verschiedenen Strömungen der Popkultur spielen in diesen Film hinein, Decoder repräsentiert das. In dem Spannungsfeld zwischen 1980 und 1984 entstanden in Deutschland einzigartige Filme und Musik – oft zusammenhängend – in dieser Zeit haben wir Popkultur auf allen Bereichen. Es beginnen die Musikvideos. Und es gibt Spielfilmversionen von deutscher Popmusik, wie zum Beispiel Gib Gas, ich will Spaß von 1983.»

Our job, your job, is to rob the bank – to go out there and destroy everyone who keeps and hides all the information.

Im Gegensatz zu den kommerzielleren Pop-Filmen dieser Ära bleibt Decoder ein raues, experimentelles Werk, tief verankert in der Gegenkultur. Der Film verweigert sich klassischen Erzählmustern und setzt stattdessen auf dichte Atmosphäre, eindringliche Bildsprache, geprägt von einer Auflösung der Zentralperspektive hin zu verkanteten Einstellungen, oftmals aus Ober- und Untersicht, dazu die Kraft eklektischer Musik. Der Soundtrack – mit Beiträgen von Einstürzende Neubauten, Soft Cell, The The und Psychic TV – werden begleitend als integraler Bestandteil des subversiven Inhalts eingesetzt. Musik als Waffe gegen gesellschaftliche Kontrolle. In seinem Misstrauen gegenüber Mainstream-Kultur und der Ablehnung von Autoritäten ist Decoder für Marcus Stiglegger neben Filmen wie Kalt wie Eis (1981) von Carl Schenkel oder Eckhard Schmidts Der Fan (1982) zu situieren, die einen klaren Bruch mit dem Neuen Deutschen Film der 1970er markieren – und versuchten neue Wege zu gehen. Ein Kino der Reibung, der Rebellion und der Medienkritik, das auch heute noch relevant erscheint in einer Welt, in der Informations- und Klanglandschaften zunehmend reguliert und manipuliert werden, so Stiglegger: «Der wesentlichste Punkt von Decoder ist der Information War, der Kampf um Information. Das ist etwas, was heute aktueller ist denn je. Heute sehen wir uns konfrontiert mit KI-Phänomenen, mit extrem viel Fake News, gefälschten Bildern oder quasi-fiktiven Bildern.»

Die Heimkinoveröffentlichung bei Camera Obscura im Mediabook-Format (Cover B) übernimmt das Original-Filmplakat und präsentiert sich in grellen Neonfarben: Eine riesige Kröte dominiert die Bildfläche, vor einem pulsierenden Hintergrund aus rot-blauen Strahlen – ein surrealer Blickfang, der den Film programmatisch ankündigt. Die Edition ist äußerst reichhaltig ausgestattet an Bonusmaterialien. Darunter ein Audiokommentar von Drehbuchautor und Produzent Klaus Maeck, F.M. Einheit und Alexander Hacke, eine Bildergalerie, der originale Kinotrailer, eine Mini-Dokumentation über das „Decoder Collective“, sowie der Kurzfilm „Denn sie wissen nicht, was sie tun sollen“. Ein Video-Essay von Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger stellt den Film im Kontext der Industrial-Culture vor und ergänzt das Bild einer künstlerischen Bewegung, die weit über den Film selbst hinausreicht.

Das Buchteil mit originalem Decoder-Handbuch funktioniert dabei als ein essenzieller Schlüssel. Neben neuen Texten von Klaus Maeck und Hendrik Otremba finden sich darin Beiträge, die u.a. die Weltsicht von Genesis P. Orridge wiedergeben. Die so von Camera Obscura sorgfältig zusammengetragenen Quellen gehen weit über klassische Bonusmaterialien hinaus, sie sind unabdingbare Paratexte: Decoder lässt sich erst in der Gesamtschau all dieser Quellen der Blu-ray-Veröffentlichung gewinnbringend erleben, da das umfangreiche Bonusmaterial aus Interviews, Featurettes, Videoessay und dem abgedruckten Manifest ein tieferes Verständnis und eine bessere Erschließung des Films ermöglicht. Diese aufwändige Veröffentlichung auf Blu-ray stellt nicht nur eine wertvolle Wiederentdeckung eines filmhistorischen Schlüsselmoments der deutschen Underground- und Subkultur dar, sie füllt eine Lücke im Heimkino und unterstreicht die bleibende kulturelle Relevanz von Decoder.

Weiterführend:
Stiglegger, Marcus (2021): Schwarz. Die dunkle Seite der Popkultur. Berlin: Martin Schmitz.
Vale, V.; Juno, Andrea (1983): Industrial Culture Handbook. San Francisco: RE/Search Publications.

Dt. Kinostart: 5. Oktober 1984
Release Blu-ray: 28. Juli 2025
Verleih Blu-ray: Camera Obscura Filmdistribution
Regie: Jürgen “Muscha” Muschalek
Darsteller: u.a. mit FM Einheit und William S. Burroughs
FSK-Freigabe: ab 16
Laufzeit: 1 St. 29 Min.


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