Kritik von Marc Trappendreher

Der süße Geruch der Verwesung – Alexander Mackendricks Dein Schicksal in meiner Hand erstmals auf Blu-ray
Mit Dein Schicksal in meiner Hand (Sweet Smell of Success) schuf Alexander Mackendrick 1957 einen der schärfsten und zugleich elegantesten Abgesänge auf die amerikanische Nachkriegsgesellschaft. Kaum ein anderer Film seiner Zeit blickt mit vergleichbarer Präzision auf die Mechanismen medialer Macht, gesellschaftlicher Abhängigkeit und moralischer Korruption. Heute wirkt dieses Werk weniger wie ein klassischer Hollywoodfilm als vielmehr wie eine düstere Prophezeiung der Gegenwart – einer Welt, in der Öffentlichkeit zur eigentlichen Währung geworden ist und Rufmord effizienter funktioniert als jede physische Gewalt.
Tony Curtis verkörpert Sidney Falco, einen ehrgeizigen Presseagenten, der sich durch die nächtliche Medienlandschaft New Yorks bewegt wie ein Getriebener. Sein gesamtes Dasein kreist um die Gunst des mächtigen Zeitungskolumnisten J.J. Hunsecker, den Burt Lancaster mit erschreckender Kälte und aristokratischer Selbstgewissheit spielt. Hunsecker verfügt über Karrieren wie ein absolutistischer Herrscher über seine Untertanen. Als er die Beziehung seiner Schwester Susan zu dem Jazzmusiker Steve Dallas unterbinden will, zwingt er Sidney dazu, den jungen Mann gesellschaftlich zu vernichten. Aus dieser vergleichsweise schlichten Ausgangslage entwickelt Dein Schicksal in meiner Hand ein geradezu beklemmendes Panorama moralischer Selbstzerstörung.
Innerhalb des klassischen Film noir nimmt Mackendricks Film dabei eine Sonderstellung ein. Gewiss besitzt der Film nahezu sämtliche charakteristischen Merkmale der Strömung: die nächtliche Großstadt als Labyrinth, die expressive Schwarzweißfotografie, die von Zynismus durchdrungenen Dialoge und Figuren, deren moralische Integrität längst erodiert ist. James Wong Howe taucht Manhattan in ein fiebriges Wechselspiel aus Neonlicht, Rauchschwaden und tiefen Schatten; die Stadt erscheint nicht als Ort urbaner Verheißung, sondern als kalter Organismus permanenter Konkurrenz. Die Inszenierung übersetzt Hunseckers Macht konsequent in visuelle Dominanz. Wiederholt erfasst James Wong Howe Burt Lancaster aus niedriger Kameraperspektive; seine Figur füllt den Bildraum mit beinahe einschüchternder Präsenz.
Und doch unterscheidet sich Dein Schicksal in meiner Hand fundamental von vielen klassischen Noir-Kriminalfilmen der vierziger und fünfziger Jahre. Es gibt keinen Mordfall, keinen Detektiv, keine eigentliche kriminalistische Struktur. Die Gewalt manifestiert sich nicht in Schusswaffen oder Verfolgungsjagden, sondern in Sprache, Einfluss und öffentlicher Demütigung. Zeitungskolumnen ersetzen Revolver; Gerüchte und gesellschaftliche Diffamierung werden zu den eigentlichen Instrumenten der Vernichtung. Der Film verlagert den Noir damit aus den dunklen Randzonen des Verbrechens mitten hinein in das Zentrum gesellschaftlicher Macht. Das eigentlich Verstörende liegt gerade darin, dass hier keine Außenseiter agieren, sondern etablierte Vertreter einer respektablen Öffentlichkeit.
„Lie for it…cheat for it…drink to it…the sweet, sweet smell of success!“
Besonders bemerkenswert erscheint zudem die Figur Susan Hunseckers, die von Susan Harrison mit großer Verletzlichkeit und zugleich bemerkenswerter innerer Entschlossenheit verkörpert wird. Zunächst scheint sie lediglich Objekt männlicher Kontrolle zu sein – ein Besitz, über den verfügt und verhandelt wird. Sowohl ihr Bruder J.J. als auch Sidney Falco behandeln sie weniger als eigenständige Persönlichkeit denn als Mittel innerhalb ihrer Machtspiele. Bezeichnenderweise ist es Sidney Falco selbst, der Susan herablassend als bloßes ‚Gefühlspaket‘ beschreibt, das sich dem ‚Lebenskampf‘ nicht stellen könne. In dieser Formulierung verdichtet sich das zynische Menschenbild des Films: Emotionalität erscheint nur noch als Schwäche innerhalb einer Gesellschaft, deren gesamte Ordnung auf Konkurrenz, Anpassung und öffentlicher Demütigung beruht. Doch gerade diese scheinbar passive Figur erweist sich zunehmend als moralisches Zentrum des Films. Während nahezu sämtliche Männer ihre Integrität längst preisgegeben haben, bewahrt Susan die Fähigkeit zu Loyalität, Empathie und aufrichtiger Liebe. Ihre Verzweiflung offenbart erst das ganze Ausmaß der emotionalen Verwüstung, die die männlichen Machtstrukturen hervorgebracht haben. Inmitten einer Welt allgemeiner Korruption erscheint ausgerechnet die vermeintlich Schwächste als letzte Trägerin menschlicher Wahrhaftigkeit.
Zur anhaltenden Größe des Films trägt nicht zuletzt seine audiovisuelle Gestaltung bei. James Wong Howes Kameraarbeit zählt zu den bedeutendsten Leistungen des amerikanischen Schwarzweißkinos der fünfziger Jahre. Jede Einstellung scheint von nervöser Unruhe durchzogen; die Bilder besitzen eine beinahe dokumentarische Härte und zugleich eine stilisierte Eleganz. Dazu tritt Elmer Bernsteins pulsierender Jazzscore, der den Film wie ein fieberhafter Herzschlag antreibt. Die Dialoge – brillant geschrieben und von den Darstellern mit messerscharfem Timing vorgetragen – wirken oftmals weniger wie Gespräche als wie präzise gesetzte Angriffe.
Dass Dein Schicksal in meiner Hand nun durch Plaion Pictures erstmals regulär auf Blu-ray im deutschen Handel erscheint, ist daher weit mehr als eine bloße Repertoire-Veröffentlichung. Mackendricks Film gehört zu jenen Werken, deren Bedeutung mit den Jahrzehnten eher gewachsen ist. Was 1957 als außergewöhnlich zynische Medienstudie erschien, wirkt heute beinahe erschreckend aktuell. Die Öffentlichkeit, so zeigt dieser Film mit unerbittlicher Klarheit, besitzt längst ihre eigene Form organisierter Gewalt. Am Ende bleibt Dein Schicksal in meiner Hand einer der großen amerikanischen Nachtfilme: ein Werk von kalter Eleganz, intellektueller Schärfe und moralischer Trostlosigkeit – bitter, brillant und von einer Modernität, die auch nach beinahe sieben Jahrzehnten nichts von ihrer verstörenden Kraft verloren hat.
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Dt. Kinostart: 25. April 1958
Erstmals auf Blu-ray: 7. Mai 2026
Verleih Blu-ray: Plaion Pictures
Regie: Alexander Mackendrick
Darsteller: u.a. mit Burt Lancaster und Tony Curtis
FSK-Freigabe: ab 16
Laufzeit: 1 St. 36 Min.
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