Kritik zu „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“: Eine Liebeserklärung an Wahlfamilien

Kritik von Margarita Eliseeva, gesehen im Rahmen des Brussels International Film Festival 2025.

Eine Liebeserklärung an alle (queeren) Wahlfamilien: Der geheimnisvolle Blick des Flamingos von Diego Cespedes

Gebirge, Sand und eine graue, nur teils asphaltierte Straße ohne Ende. Hier und da stehen einzelne Holzhäuser, ganz einsam und schäbig – sie wirken fast vernachlässigt. Das Jahr ist 1982 und wir befinden uns in der tiefsten chilenischen Wüste. Die einzelnen Häuser gehören zu einem kleinen Bergarbeiterdorf, in dem aber nicht viel los ist. Diejenigen, die es schaffen, gehen lieber in die Großstadt, und die Verbliebenen müssen mit dem monotonen Alltag klarkommen. So könnte der Beginn eines sozialen Arbeiterdramas aussehen, doch La misteriosa mirada del flamenco, auf Deutsch Der geheimnisvolle Blick des Flamingos, hat etwas anderes im Gepäck. Denn am Ende des tristen Dorfes steht ein “besonderes” Haus – die Bar von der Besitzerin Mama Boa und ihrer Wahlfamilie.

“Besonders” heißt in diesem Fall, Mama Boa und die Familie sind queere Personen, die im Haus gemeinsam leben und abends Unterhaltung für die Bergarbeiter anbieten. Unter ihnen Flamenco (Flamingo), sich selbst bezeichnend als Mann am Tag und wunderschöne Frau bei Nacht. Mit ihnen wohnt noch eine weitere Person, die man an einem solchen Ort wahrscheinlich eher weniger erwarten würde – die 12-jährige Lidia, für die Flamenco die liebevolle Mutterfigur ist. Trotz der Perspektivlosigkeit vor Ort will Lidia nicht weg. Sie genießt das Leben in der queeren Kommune, mag die Wüste und wächst dort gerne auf, auch wenn die einheimischen Jungs sie mobben.

Doch das gemeinsame Leben der ungewöhnlichen Familie ist zerbrechlich. Im Dorf wütet eine unbekannte Krankheit, die bereits einige Leben mit sich genommen hat. Auch Flamenco ist erkrankt, leidet unter starken Schmerzen und kann kaum noch aktiv sein: Die Krankheit raubt Energie. Die Dorfbewohner (und ich gendere hier absichtlich nicht), unwissend und wütend, greifen die queere Kommune an, verbal und physisch, was den gewohnten Frieden zerstört. Viele der Bergarbeiter glauben, dass die Krankheit über einen einzigen Blick von Flamenco weitergegeben wird, und werden noch brutaler in ihren Angriffen. Denn 1982 wusste noch keiner, was AIDS bedeutet und wie man sich davor schützt.

„Ich will nicht mit dir reden, du Monster.“

Für den Regisseur Diego Céspedes, wie er mir in einem Gespräch auf dem Filmfest Hamburg verraten hat, war es sehr wichtig, in seinem Debütfilm eine marginalisierte Gruppe zu zeigen, die dennoch viel Schönheit und Liebe in sich hat. Als queerer Mensch ist Diego seit der Kindheit vielen anderen queeren Menschen in Chile begegnet; oft waren es Friseure, die er getroffen hat. Diese Perspektive hat der junge Regisseur mit seinem Film letzten Mai für die Weltpremiere nach Cannes mitgebracht. Mit Erfolg: Nach dem Hauptpreis der Sektion Un certain regard folgten viele weitere Auszeichnungen und schlussendlich die Nominierung als chilenischer Beitrag für den Oscar in der Sektion Bester internationaler Film. Queerness ist nach wie vor ein marginalisiertes Thema in Chile, auch wenn die Lage der queeren Community zu den progressivsten in Lateinamerika und sogar auf der ganzen Welt gehört. Mit dem Aufstieg der rechten Narrativen, die im Land aktuell dominieren, droht auch die Lage der queeren Community wieder wesentlich schlechter zu werden. Diego Céspedes denkt in seinem Film darüber nach, was wäre, wenn Hass und Diskriminierung doch in einem Dialog überwunden werden könnten.

Der Film macht aber viel mehr als nur ein queeres Drama zu zeigen. Es ist die Magie des Blickes, sei es der eindrucksvolle kinematografische Blick durch die Kamera oder der liebevolle Blick der jungen Lidia auf ihre Wahlfamilie. Denn eine Wahlfamilie kann manchmal viel mehr bedeuten als die gebürtige Familie, die eigene Kinder schlecht behandelt. Im kleinen Bergdorf, umgeben von der queeren Kommune, ist Lidia zu Hause. Nur muss sie sich bereits als Kind mit den harten Fragen beschäftigen, warum Gewalt und Hass oft eine größere Rolle spielen als Liebe und Respekt zu den Mitmenschen. Und warum es ausgerechnet die liebsten Menschen sind, die wegen Gewalt und Krankheiten gehen müssen. Diese Fragen kann zwar kein Film richtig beantworten, jedoch kommt nach dem Kinobesuch von Der geheimnisvolle Blick des Flamingos der große Wunsch auf, den wichtigsten Menschen im eigenen Leben zu sagen, wie sehr man sie schätzt.

Kinostart: 4. Dezember 2025
Regie: Diego Céspedes
Darsteller:
u.a. mit Tamara Cortes und Matías Catalán
Originaltitel: La misteriosa mirada del flamenco
FSK-Freigabe: k.A.
Verleih: Filmreederei
Laufzeit: 1 St. 44 Min.

★★★★★★★☆

 

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