Kritik zu „The Keep“: Die unheimliche Macht von Michael Mann in 4K

Kritik von Marc Trappendreher

Schön scheitern: Michael Manns verlorene Festung The Keep jetzt in 4K

Wir sehen einen zerklüfteten Gebirgspass. Eine lange Kolonne schwerer Militärfahrzeuge quält sich langsam zur Musik von Tangerine Dream den Berg hinauf – ein unheilvoll pulsierendes Klanggewebe aus Synthesizer, das die Szenerie mit einer fast gespenstischen Spannung füllt. Elektronische Wellen werden zu einer trommelnden Mischung aus Bedrohung und Mystik, die die schwerfällige Wagenkolonne umhüllt, während sie unaufhaltsam weiter in das düstere Herz des Gebirges vordringt.

Die ersten Bilder lassen keinen Zweifel: Die unheimliche Macht (Original: The Keep) ist kein gewöhnlicher Kriegs- oder Horrorfilm. 1983 unter der Regie von Michael Mann entstanden und basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von F. Paul Wilson von 1981 wird hier vielmehr ein historisches Setting mit okkultem Horror und metaphysischer Allegorie verwoben. Die Geschichte spielt im Jahr 1941: Eine deutsche Wehrmachtseinheit unter Hauptmann Klaus Woermann (Jürgen Prochnow) besetzt eine alte Festung in einem abgelegenen rumänischen Dorf. Der Ort ist von unheilvoller Architektur und merkwürdigen, silbern schimmernden Kreuzen geprägt, die in den Mauern eingelassen sind. Kurz nach dem Einzug kommt es zu mysteriösen Todesfällen, woraufhin die SS unter Major Kaempffer (Gabriel Byrne) das Kommando übernimmt. Gemeinsam lassen sie den todkranken jüdischen Historiker Dr. Cuza (Ian McKellen) kommen, um die rätselhaften Inschriften zu entschlüsseln. Dabei wird unwissentlich das uralte Wesen Molasar befreit, das Cuza Heilung verspricht – im Gegenzug für seine Hilfe bei der Flucht aus der Festung. Während das Grauen wächst, nähert sich der geheimnisvolle Glaeken Trismegestus (Scott Glenn), der als einziger in der Lage ist, Molasar aufzuhalten. Die Auseinandersetzung gipfelt in einem Duell zwischen Licht und Dunkelheit, das über das Schicksal aller Beteiligten entscheidet.

In den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren erlebte das Horrorgenre durch Filme wie Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt (1979), Shining (1980) oder Das Ding aus einer anderen Welt (1982) eine Renaissance, wobei der Horror zunehmend mit Science-Fiction, Mystik und surrealen Elementen vermischt wurde. In dieser Zeit war es nicht ungewöhnlich, dass Studios in ambitionierte Genreprojekte investierten – insbesondere wenn diese eine literarische Vorlage hatten. Paramount Pictures erwarb schnell die Rechte an Wilsons Roman. Die märchenhafte Struktur der Erzählung war kein Zufall. In einem Interview von 1996 erklärte Michael Mann, dass er Die unheimliche Macht als „eine Art Märchen für Erwachsene“ konzipieren wollte. Er betonte, dass Märchen im Gegensatz zu Mythen nicht nur klare Helden und tragische Enden bieten, sondern vielmehr universelle, moralisch aufgeladene Geschichten mit oft positiven Ausgängen sind. Mann sagte: „Ich wollte einen Film über die psychologischen Ursprünge des Faschismus machen, seine Natur und die Anziehungskraft, die er auf viele Menschen ausüben kann.“

Eine wichtige Bezugsquelle war ihm da The Uses of Enchantment: The Meaning and Importance of Fairy Tales, ein Buch von Bruno Bettelheim von 1976. Bettelheims Werk analysiert, wie Märchen Kindern helfen, reale Ängste und Konflikte zu bewältigen, indem sie symbolische Erzählstrukturen nutzen. Mann übernahm diese Perspektive und integrierte sie in die Erzählung von Die unheimliche Macht, wo das Unheimliche in Form des Monsters Molasar erscheint und die Charaktere vor existenzielle Prüfungen stellt. Dabei geht es weniger um einfache Gut-gegen-Böse-Dichotomien, sondern um die Auseinandersetzung mit inneren Dämonen und die Frage, wie Macht korrumpiert.

Michael Mann war zu diesem Zeitpunkt vor allem für seinen Debütfilm Der Einzelgänger (Thief, 1981) bekannt, einem stilisierten Kriminalfilm mit starker visueller Handschrift. Sein zweiter Spielfilm stellte für ihn eine Gelegenheit dar, sich von rein urbanen Themen zu entfernen und in mythischere, stilistisch noch gewagtere Gefilde vorzudringen. Die unheimliche Macht zählt zu einer der unvollkommeneren Arbeiten des Regisseurs und ist bis heute immer noch eines seiner größten kommerziellen Desaster.

Allein die Kurzfassung der Handlung wirkt für diesen Filmemacher der Megalopolen und der obsessiven professionals, der men at work, eher befremdlich, begibt er sich hier doch auf das Terrain des Horrorfilms. Der Wechsel des Genres bietet ihm nun die Möglichkeit, seine Reverenz an den deutschen Expressionismus der 20er Jahre zu formulieren, dessen Filme ihn zu seiner Studienzeit so sehr beeindruckten: Die düsteren, symmetrischen Bildkompositionen, das Spiel mit Schatten und Nebel, sowie das minimalistische, zugleich surreale Bühnenbild der Festung weisen in diese Richtung. Mann warf sich indes nicht den Vorgaben von Werktreue unter, sondern adaptiert den literarischen Stoff auf seine Weise, der symbolische und moralisch aufgeladene Einsichten bieten sollte.

In diesem Rahmen offenbart sich die ideologische Blindheit der Nazi-Soldaten: Sie leben in romantisierten Vorstellungen von Tapferkeit und heldenhaftem Mut, praktizieren aber antisemitische Gewalt, Hass und Machtgier. Molasar spiegelt diese inneren Bosheiten: Er ist keine fremde Macht, sondern eine Manifestation des urtümlichen „Es“ des NS-Regimes, das durch ihre Selbsttäuschungen und ihre ideologische Verblendung Gestalt annimmt. Manns Film zeigt so eindringlich, wie ideologische Blindheit und die Verdrängung eigener Schuld das Böse erst zur monströsen Realität werden lassen – eine düstere, psychoanalytische Parabel auf den Faschismus.

Man kann die Geschichte von Die unheimliche Macht nicht erzählen, ohne die chaotische und problemgeladene Produktionsgeschichte in den Blick zu nehmen – sie ist untrennbar mit dem Film selbst verwoben. Gedreht wurde unter anderem in Wales und an verschiedenen weiteren europäischen Schauplätzen. Die ursprüngliche Fassung des Films hatte eine Laufzeit von über drei Stunden und entsprach Manns Vision eines epischen, fast opernhaften Horrorfilms. Paramount jedoch war mit dieser Richtung unzufrieden. Nach zahlreichen Eingriffen des Studios, Budgetüberschreitungen und technischen Schwierigkeiten – unter anderem mit den Spezialeffekten – wurde der Film auf etwa 96 Minuten gekürzt. Viele narrative Elemente wurden dabei entfernt oder stark verkürzt, was zu einer fragmentierten Handlung führte.

Ein weiterer Rückschlag während der Postproduktion war der Tod des Special-Effects-Supervisors Wally Veevers, ein Umstand, der den Abschluss der visuellen Effekte stark beeinträchtigte. Die finale Fassung wurde von Kritikern als visuell eindrucksvoll, aber erzählerisch unzusammenhängend aufgenommen. Dennoch entwickelte sich der Film über die Jahre zu einem Kultklassiker, insbesondere wegen seiner akzentuierten Bildgestaltung, des ungewöhnlichen Soundtracks von Tangerine Dream und der allumfassend düsteren Ästhetik. Die spirituelle Verbindung zwischen Molasar und Glaeken lässt sich zudem als frühe Variation von Manns wiederkehrendem Motiv der dualen Gegenspieler lesen, wie es später in Heat (1995) ikonisch wurde.

Michael Mann selbst distanzierte sich weitgehend von dem Film, da er ihn als ein nicht abgeschlossenes Werk betrachtet – Gerüchten zufolge stünde ein Director’s Cut theoretisch zur Debatte, doch der Regisseur selbst verhindere ihn. Gleichwohl bleibt Die unheimliche Macht ein faszinierendes Beispiel für ein ambitioniertes Genreprojekt, das zwischen künstlerischem Anspruch und Produktionsrealität zerrieben wurde – so sehr, dass daraus wieder etwas nahezu Sublimes und Erhabenes entstand. Ein Film mit heutigem Kultstatus, der sich unauslöschlich ins Gedächtnis brennt.

Die neue 4K-Heimkino-Edition

Die unheimliche Macht ist mit deutschem Ton bisher nur als Spanien-Import* auf Blu-ray erhältlich. Mit der beim australischen Label Via Vision / Imprint Films erschienenen Cross Replica Limited Edition erfährt Die unheimliche Macht nun eine Ausstattung, die dem filmischen Mythos in seiner ganzen Ambivalenz gerecht wird. Die Veröffentlichung basiert auf der jüngst von Vinegar Syndrome angefertigten 4K-Restaurierung vom 35-mm-Material, nun in UHD Dolby Vision (region-free) und zusätzlich auf Blu-ray (Region B) verfügbar. Das Ergebnis bleibt – trotz der altersbedingten und produktionstechnisch bedingten Einschränkungen – die bisher bestmögliche Präsentation des Films: Etwa siebzig Prozent des Materials erscheinen in bemerkenswerter Klarheit, während die verbleibenden Szenen Spuren der problematischen Nachbearbeitung erkennen lassen. Der originale englische Stereoton (2.0) liegt unverändert vor; eine Mehrkanal-Abmischung existiert nicht, was jedoch der Intimität und Räumlichkeit der Musik von Tangerine Dream zugutekommt. Deren Score, längst ein eigenes Werk, erklingt hier in der vom „Pilots of Purple Twilight“-Boxset bekannten Fassung und liegt der Edition zusätzlich als CD bei.

Besonderes Gewicht erhält das umfangreiche Bonusmaterial, das die Edition über den Status einer reinen Wiederveröffentlichung hinaushebt. Vier neue Audiokommentare beleuchten den Film aus unterschiedlichen Perspektiven: filmhistorisch (Troy Howarth, Eugenio Ercolani, Nathaniel Thompson), literarisch (Autor F. Paul Wilson, Douglas E. Winter, David J. Schow) sowie produktions- und designbezogen (unter anderem Alan Tomkins und Graham Attwood). Hinzu kommt eine kommentierte Tonspur, die Archivstimmen von Cast & Crew zu einem neuen akustischen Essay montiert. Der Videobonus verteilt sich auf zwei Discs und vereint ältere und neue Materialien: ausgewählte Featurettes von Vinegar Syndrome, darunter Beiträge zur Musik und zu den Make-up-Effekten, sowie mehrere Neuproduktionen. Hervorzuheben ist Recover the Mindset, ein analytischer Videoessay von Blake Howard, der Manns Bildsprache in den Kontext seines Gesamtwerks stellt. Ebenso bemerkenswert ist das alternative VHS-Ende – rund vier Minuten zusammengesetztes, ursprünglich fertiggestelltes Material mit Musik und Effekten – sowie eine umfangreiche Fotogalerie, die Produktionsdesign und Set-Architektur dokumentiert.

Zentraler Bestandteil der Edition ist die erstmals veröffentlichte, neunzigminütige Dokumentation A World War II Fairytale, die über mehr als ein Jahrzehnt hinweg entstand und Interviews mit Michael Mann, dem verstorbenen Effekt-Designer Wally Veevers und zahlreichen Beteiligten zusammenführt. Ergänzend dazu finden sich Exklusivgespräche, darunter ein halbstündiges Interview mit Jürgen Prochnow durch Marcus Stiglegger, sowie drei Zusatzfeatures zu Drehorten und thematischen Aspekten des Films. Das beiliegende Hardcover-Booklet enthält Essays, Produktionsnotizen und die vollständigen Music Cue Sheets, die akribisch aufführen, an welcher Stelle welche Komposition im Film erklingt – ein seltenes, musikarchivalisches Detail, das die enge Verflechtung von Bild und Ton sichtbar macht.

Die physische Präsentation zielt auf eine Annäherung an den sakral-archäologischen Charakter des Films: ein schweres, geprägtes Nickelkreuz auf dem Cover, Reprints des Original-Drehbuchs, der Graphic-Novel-Adaption von F. Paul Wilson, Artcards, Poster und das rekonstruierte Paramount-Presskit. Die Box hat spürbares Gewicht und vermittelt – jenseits des Sammelwerts – die Materialität eines Erinnerungsstücks. So verwandelt diese Edition die „verlorene Festung“ in ein filmhistorisches Artefakt, das weniger restauriert als reanimiert scheint: eine Annäherung an das, was Die unheimliche Macht einst hätte sein können, und zugleich ein Monument seines fragmentarischen, unvollendeten Charakters.

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Weiterführende Literatur

Feeney, F.X. / Duncan, Paul (Hrsg.): Michael Mann. London: Taschen, 2006.

Rybin, Steven: The Cinema of Michael Mann. Lanham: Lexington, 2007.

Sanders, Steven / Palmer, R. Barton (Hrsg.): Michael Mann: Cinema and Television – Interviews 1980–2012. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2012.

Stiglegger, Marcus: „Verführung zur Finsternis. Eine seduktionstheoretische Analyse von Michael Manns The Keep“. In: Schumacher, Holger (Hrsg.): Michael Mann: Kino zwischen Zorn und Einsamkeit. Wiesbaden: Springer, 2023, S. 9–26.

Thoret, Jean-Baptiste: Michael Mann: Mirages du contemporain. Paris: Flammarion, 2021.

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