Kritik von Michael Gasch – gesehen im Rahmen der 79. Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

Jugendschutz als Kollision ideologischer, religiöser und kultureller Überzeugungen: Fjord von Cristian Mungio
Mit 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage gelang Cristian Mungiu 2007 ein großer Cannes-Hit, der auch die Goldene Palme für sich beanspruchen konnte. Nun ist er auf den diesjährigen Filmfestspielen wieder mit von der Partie. Sein neuer Film mit dem erst einmal unscheinbaren Titel Fjord lädt zum Nachdenken ein: Es geht um Erziehungsfragen, Moral und Kinderschutz, alles gerahmt im Setting einer norwegischen Kleinstadt. Die Gheorghius sind dabei multikulturell aufgestellt: Krankenpflegerin Lisbet (Renate Reinsve) ist Norwegerin, der christlich gläubige Luftfahrtingenieur Mihai (Sebastian Stan) hingegen stammt aus Rumänien. Die vier Kinder werden dementsprechend großgezogen: humanistisch, aber doch recht traditionell. Plötzlich stehen Vorwürfe im Raum, dass die Eltern gewalttätig sind. Es folgt eine Ermittlung durch das Jugendamt, um ganz genau festzustellen, was passiert ist.
Diverse filmische Eindrücke sind festzuhalten: Angefangen von der kalten Atmosphäre, der Narrative, die symbolisch immer wieder aus dem Ruder läuft, eine nicht ganz greifbare Ungewissheit bei den thematisierten Erziehungsfragen, die den gesamten Film durchziehen. Doch Fjord ist einer dieser Filme, für die streng genommen nur eine minutiöse kulturelle wie zivilisatorische Analyse adäquat erscheint. Viel weniger geht es hier um Filmnarrative und selbst die eisige Atmosphäre im norwegischen Setting ist austauschbar – vielmehr stehen realpolitische Fragen im Raum, mit denen Familien, Jugendämter, schlichtweg ganze Gesellschaften auch noch im Jahr 2026 konfrontiert werden. Es ist ein Thesenfilm, jedoch ohne klare Positionierung über pädagogische wie philosophische Fragen. Stattdessen lädt er zum internationalen Gespräch ein: Obgleich er in Norwegen spielt, sind seine Themen universell und gehen über Ländergrenzen hinaus.
Alles beginnt in einer Schule, in der eine Lehrerin ein paar blaue Flecken an einem Kind feststellt. Unmittelbar wird der Jugendschutz eingeschaltet, alles nach klaren Protokollen. Ehe sich die Eltern versehen, finden sie sich in einer Ermittlung wieder – einerseits durch das Jugendamt, andererseits durch die Polizei. Die Stärke von Fjord liegt dabei in seiner nicht-expositorischen Natur: Weder wird erklärt, wie das Protokoll aussieht, warum zwei Behörden ermitteln, schlichtweg auf welchen Grundlagen institutionelle Entscheidungen getroffen werden und besonders nicht, warum die Kinder sich nicht ausführlich äußern dürfen. Dies ist ergreifend und tangierend deswegen, weil Fjord den bürokratischen und sozialen Apparat Norwegens als einen Strudel begreift, aus dem es nur sehr schwer ein Entrinnen gibt, hat es ein Individuum erst einmal umschlungen.
Ist das ganze Prozedere in seiner Undurchsichtigkeit wirklich so optimal? Dies ist die große Frage, die Fjord im Subtext stellt, in dem eine deutliche Ambivalenz schlummert: Stets fiebert man mit der Familie mit, die eigentlich gutherzige Menschen sind, gleichermaßen kann man den pädagogischen Institutionalismus verstehen, dem ja auch nur das Kindeswohl am Herzen liegt. Und doch scheint sich hier ein Abgrund der Komplexität aufzutun: Da, wo eine solche Ausgangssituation vor einigen Jahrzehnten vielleicht an einem Tag zwischen Lehrkraft, Eltern und Kindern geklärt werden konnte (Betonung liegt auf „vielleicht“), scheint heutzutage ein ellenlanger, wochen- bis monatelanger Prozess Standard zu sein.
In der Hinsicht gab es vor nicht allzu langer Zeit einen ähnlichen Film mit Renate Reinsve: In Armand kommen zwei Elternpaare in einem Klassenzimmer zusammen, um einen Streit des jeweiligen Nachwuchses beizulegen. Das Problem scheint wenig komplex – doch auch in diesem Film wird alles aufgeblasen, bis jeder Involvierte die Nerven verliert. Beide Filme teilen eine Gemeinsamkeit: Obgleich es um Kinder und deren Situation geht, werden genau diese Figuren an den Rand gedrängt. Statt sie zu befragen und in den gesamten Prozess miteinzubeziehen, werden sie rein auf eine einseitige Befragung durch das Jugendamt und Textprotokolle reduziert. Die Möglichkeit fehlender Kontexte oder Missverständnisse, die in dieser Befragung oder diesen Schriftstücken schlummern könnten, ist nicht vollends ausgeschlossen – doch niemand in dieser Narrative scheint sich dem bewusst zu sein. Eine präzise Beobachtung des Films.
Sicherlich wird die norwegische Politik im Rahmen europäischer Werte eine nicht gerade kleine Schnittmenge mit der im deutschsprachigen Raum aufweisen – und doch fragt man sich in aller Neugier, wie das Prozedere wohl in der eigenen Heimat aussehen würde. Wäre es tatsächlich so komplex und voller bürokratischer Hürden, wie es Fjord darstellt? Die Wahrscheinlichkeit besteht natürlich durchaus und doch scheinen am Rande kleine Probleme durch. Beispielsweise die Frage danach, wie elterliche Gewalt genau definiert wird. Zwischen den Zeilen macht Fjord uns bewusst: Wir scheinen in Europa in Hinblick auf Jugendschutz ein ganz gutes System, bestehend aus pädagogischen und juristischen Apparat, vorzufinden. Doch dies heißt nicht automatisch, dass es perfekt ist.
Dazu ein Beispiel: Im Film geht es nicht nur um Erziehungsweisen, sondern auch um tiefere, moralische sowie religiöse, diskriminierende Ebenen. Moral scheint in dem Film aber nicht etwa in der Familie oder im Klassenzimmer zu entstehen, sondern vor Gericht, nach strengen Regeln. Die Null-Toleranz-Politik beim Thema Gewalt fällt direkt ein: Natürlich würde niemand bei klarem Verstand Gewalt verharmlosen – und doch gibt es im Film eine wichtige Szene. Da heißt es: Wie sieht es aus, wenn ein Elternteil im Affekt handelt und die Hand eines Kindes etwas grober von einer heißen Herdplatte wegzieht? Immer wieder reibt sich Fjord an diesen kleinen imperfekten Stellen in einem hochkomplexen System und beeindruckt durchweg mit wichtigen Alltags- und Gesellschaftsbezügen. Im selben Atemzug beschäftigt sich Mungiu mit einem Europa, das nach wie vor alles andere als geeint ist, und in dem Institutionen sich an der Diskriminierung anderer Weltansichten beteiligen.
Kinostart: unbekannt
Regie: Cristian Mungiu
Darsteller: u.a. mit Sebastian Stan, Renate Reinsve und Alin Panc
FSK-Freigabe: unbekannt
Verleih international: Goodfellas
Verleih Deutschland: Alamode Film
Laufzeit: 2 St. 26 Min.
★★★★★★★☆
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