Kritik zu „Geister“: Fatih Akin zurück in Hamburg

Kritik von Julian Bonsu

Zurück in der Heimatstadt Hamburg: Geister von Fatih Akin

“Nicht umdrehen, sonst weinen euch die Geister nach.” Mit diesen Worten leitet Fatih Akin seinen neusten Film, die gespenstische Liebesgeschichte Geister, ein. Diese erste Szene, die eine trauernde Familie an einem Hamburger Friedhof zeigt, ist wie in vielen Filmen von Fatih Akin, sehr verheißungsvoll. Nach den beschaulichen Stranddünen und der eher konventionellen Handlung seines letzten Films, dem Coming-of-Age-Drama Amrum (2025), ist dieser Auftakt eine vielversprechende und willkommene Rückkehr zu seinen einzigarten künstlerischen Wurzeln. Auch die Prämisse ist mitreisend: Geister handelt von einer jungen Liebe, die durch eine Tragödie auseinandergerissen wird, und von den Toten, die vierzig Tage lang unter den trauernden Hinterbliebenen verweilen, bis sie allmählich zu Erinnerungen verblassen.

Farasha und Faris lernen sich bei der Abiturfeier auf dem Hamburger Fernsehturm kennen. Es funkt zwischen den beiden. Doch in derselben Nacht kommt die Einser-Schülerin Farasha – die nach einer von Traumata geprägten Kindheit ihr Leben voll in den Griff bekommen hat – durch einen Autounfall ums Leben. Der Film dreht sich nun um die ersten vierzig Tage nach dem Schicksalsschlag. Farasha erwacht als Geist und trifft auf ihren kürzlich verstorbenen Vater, der ihr erklärt, wie die Toten für eine gewisse Zeit unter den Lebenden verweilen. Faris, der von Schuldgefühlen und Selbstmordgedanken geplagt wird, beginnt Farasha in seinen Träumen zu sehen – er führt intime Gespräche mit ihr und merkt, dass Farasha für ihn viel mehr als nur eine Jugendliebe gewesen wäre. Sie setzen ihre Affäre in einem Raum fort, der die Zeit überschreitet, wobei nur die nächtliche Kulisse von Hamburg ein Gefühl von Ort vermittelt. Schließlich wird auf mysteriöse Weise aufgelöst, weshalb Farasha das einzige Todesopfer des Autounfalls war. Und Farasha und Faris müssen sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass ihre restliche Zeit zusammen nur noch begrenzt ist.

Die Handlung des Films ist zweifellos faszinierend. Dennoch lässt das Drehbuch – geschrieben von Fatih Akin und seiner häufigen Kollaboratorin Ruth Toma – einiges zu wünschen übrig. Die schauspielerischen Leistungen überzeugen – Mariam Dawouds Darstellung von Farasha sticht vor allem hervor – und es besteht kein Zweifel an Akins Fähigkeit, die Romantik und den Nervenkitzel junger Liebe einzufangen. Leider wirken die Dialoge jedoch sehr unnatürlich. Sie spiegeln nicht wider, wie junge Menschen sprechen. Ein naturalistischer Ansatz hätte wesentlich besser funktioniert.

„Bruder, ich glaube an alles und nichts.“

Umgekehrt hätte ein noch stärker stilisiertes, melodramatisches Skript dem Film eine dringend benötigte Dynamik verleihen können. Geister spielt schließlich teilweise in einer Fantasiewelt – warum sich also nicht vollkommen darauf einlassen! Es gibt Momente, an denen man den Atem anhält, besonders während einer ausschlaggebenden Szene gegen Ende des Films auf dem Fernsehturm – dem Ort von Farasha und Faris’ ersten Treffen. Hier jedoch ließen die künstlichen und aufgesetzten Dialoge eine Szene, die ein kraftvoller Höhepunkt hätte sein können, ins Lächerliche abgleiten. Tatsächlich war während meiner Filmvorstellung an diesem Punkt einiges an Kichern zu vernehmen.

Auch die Kameraarbeit und das Szenenbild wirken recht glanzlos. Mit Geister kehrt Fatih Akin in seine Heimatstadt Hamburg zurück – dem Schauplatz so vieler seiner früheren Filme. Und obwohl einige der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt abgebildet werden, wirken sie kalt und distanziert und keineswegs wie eine von Fantasie durchdrungene Welt, in die man gerne eintauchen würde. Hamburg hat schon in vielen von Akins Filmen eine prominente Rolle gespielt, und es fühlte sich immer so an, als würde Akin seiner diversen, lebendigen und energiegeladenen hanseatischen Heimatstadt eine Liebeserklärung machen. Im Gegensatz zur authentischen Vertrautheit von Filmen wie Soul Kitchen (2009) und Aus dem Nichts (2017) oder der Düsternis von Der Goldene Handschuh (2019) wirkt die Stadt in Geister unscheinbar und trist. Es gibt gelegentlich kurze Momente von Schönheit, wie eine lange Einstellung von Farashas Gesicht, das so viele Emotionen zeigt, oder eine großartige Aufnahme, die an Szenen japanischer Fantasyfilme der 1970er Jahre erinnert. Auch die asiatisch anmutenden Gobelins, die das Vergehen der Zeit darstellen, sind wunderschön. Dennoch mangelt es an Konsistenz, was in keinem Verhältnis zu Fatih Akins besten Werken steht.

Auch bei den unbeständigeren Werken seiner Filmographie besitzt Fatih Akin die Fähigkeit, seine ZuschauerInnen fast immer in seinen Bann zu ziehen. Die Welten, die er gestaltet, sind stets mitreißend – ob bizarr und blutrünstig oder idyllisch; ob Thriller, Melodram oder Coming-of-Age-Drama. Es sind Filme, die bewegen, an denen man sich erfreuen kann, und die man auch gerne irgendwann wiederentdeckt. Geister wirkt hingegen eher misslungen, eine verpasste Gelegenheit für ein richtig großes Kinoerlebnis. Und auch absolut kein Vergleich zu Everytime. Sandra Wollners diesjähriges Kinohighlight kreist ebenfalls um die Erfahrung des Verlusts und um diejenigen, die nach dem Tod eines geliebten Menschen zurückbleiben. Darüber hinaus trennen die beiden Filme allerdings Welten.

Kinostart: 5. November 2026
Regie: Fatih Akin
Darsteller: u.a. mit Eren M. Güvercin, Mariam Dawoud und Lama Alhalabi
FSK-Freigabe: ab 12
Verleih: Warner Bros. GmbH
Laufzeit: 1 St. 46 Min.

★★★☆☆☆☆☆


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