Kritik von Michael Gasch – gesehen im Rahmen der 79. Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

Würde ich dich anlügen? – Gentle Monster von Marie Kreutzer
Wenn ein Film mit dem musikalischen Klassiker “Would I Lie To You?” von Charles & Eddie beginnt, könnte man das entweder als Zeichen einer zynischen Romanze oder eines zwischenmenschlichen Dramas deuten. Gentle Monster verortet sich im zweiten Kontext und rahmt diese Fangfrage über Vertrauen in ein familienpsychologisches Porträt, in dem der Vorwurf der Kinderpornographie im Raum steht. Zwar wird dieser Begriff den Algorithmen im Internet gar nicht gefallen und doch muss unbedingt über diesen Film gesprochen werden. Nicht nur geht es um eine Familie, die von einem Tag auf den anderen in Trümmern liegt, sondern auch um die große Frage, wie die Gesellschaft mit derartigen Tätern umgeht und umgehen muss. Es sind Fragen, die man eher in Gerichtssälen und anderen bürokratischen Räumlichkeiten wiederfindet – doch das Kino zeigt einmal mehr, dass es nicht davor zurückschreckt, solche heißen Themen anzufassen und für eine breite Masse zugänglich zu machen.
Das Leben von Philip (Laurence Rupp), Lucy (Léa Seydoux) und dem gemeinsamen neunjährigen Sohn Johnny (Malo Blanchet) wirkt harmonisch, bis zu dem Tag, als die Polizei vor ihrer Tür steht und Philip in Gewahrsam nimmt. Ungewissheit macht sich breit, bis zu dem Moment, als Lucy auf das Revier zitiert wird. Am Empfang wird sie ausgerechnet in die schlimmste Etage geschickt: Kriminalverbrechen im Bereich der Kinderpornographie. Skandalöse Funde auf Philips Computer sind dabei nur der Anfang eines hochkomplexen Falls, in dem im Worst-Case-Szenario auch der Sohn involviert ist.
Auch wenn sich Gentle Monster mit einem Kriminalfall beschäftigt, ist eine Besonderheit festzustellen: Dies ist weniger Ermittlungs- oder Auflösungskino, sondern vielmehr ein in der Gegenwart angesiedeltes Psychogramm über menschliche Fragilität. Zwar wird hin und wieder in der Vergangenheit gekramt – etwa wenn die ahnungslose Frau gefragt wird, ob es nicht Anzeichen für einen derartigen familiären Skandal gegeben habe. Die meiste Zeit steht jedoch ihr Leben im Hier und Jetzt im Mittelpunkt, das fortan von Überforderung und dem verlorenen Vertrauen in einen Menschen geprägt wird. Dies hat zur Folge, dass das eigentliche Verbrechen zuweilen eher im Hintergrund verharrt und selbst am Ende ein Mysterium bleibt.

Gerade diese Komponente der Ungewissheit ist das tragende Gerüst des gesamten Films – nie ist ganz klar und transparent, was der Mann in dubiosen Internetforen tatsächlich getrieben hat. Eine klare Figurenzeichnung im Sinne von Gut-und-Böse-Schemata ist hier demnach nicht ganz so einfach. Ein wenig fühlt man sich da zum Beispiel an A History of Violence (2005) erinnert, der danach fragte, ob eine Beziehung funktionieren kann, wenn die kriminelle Vergangenheit eines Ehepartners offen auf dem Tisch liegt. Der große Unterschied: Während A History of Violence mit seiner zugespitzten Mafia-Handlung, dramatischen Höhepunkten und weiteren Thriller-Elementen im Vergleich eher wie klassischer Kinostoff wirkt, ist Gentle Monster deutlich näher, fast schon dokumentarisch, am wirklichen Leben angesiedelt, in dem Familienpolitik verhandelt wird.
Es geht dabei nämlich nicht nur um Missbrauchsvorwürfe – dieses Thema scheint in diesem Jahr besonders relevant, denn auch (Nachtrag: Der Gewinner der Goldenen Palme) Fjord erzählt darüber eine ganze Menge – sondern auch um die Gefühlswelten im Mann und der Frau. Ein Beispiel dazu: Achtet man besonders darauf, wird einem nicht entgehen, dass der Film die Frage stellt, warum Männer einen so schlechten Zugang zu ihrer eigenen Gefühlswelt haben. Ernüchternd im Ton, fast schon eiskalt, bietet Gentle Monster aber absolut keine Antwort auf eben jene Frage. Statt einer Lösung zu folgen, verharrt er in der Reibung an jenen gesellschaftlichen Abgründen – das aber dann auch immer wieder zu repetitiv sowie an manchen Stellen zu passiv.
Sein kriminalistisches Fundament wird dabei zur Chiffre, zum Stellvertreter für die vielfältigen Verletzungen am Menschen selbst – denn der Vorwurf der Kinderpornographie steht letztlich exemplarisch für all das, was das Vertrauen in die Menschheit in seinen Grundfesten erschüttert. In eben jener Abstraktheit kristallisiert sich ein ausdrucksstarker Alltagsbezug: Derartige Skandale, gerade im familiären Umkreis, sind wortwörtlich kaum zu fassen – fast so wie ein nicht ergreifbarer Geist. Und doch müssen sie unbedingt eingefangen werden, sei es in gesellschaftlichen Diskursen, ganz direkt im Gerichtssaal – oder eben im Kino und das so schonungslos wie es Gentle Monster vorführt.
Kinostart: 17. September 2027
Regie: Marie Kreutzer
Darsteller: u.a. mit Léa Seydoux, Laurence Rupp und Catherine Deneuve
FSK-Freigabe: unbekannt
Verleih international: MK2 Films
Verleih Deutschland: Alamode Film
Laufzeit: 1 St. 54 Min.
★★★★★★☆☆
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