Kritik zu „Jay Kelly“: George Clooney in der Midlife Crisis

Kritik von Michael Gasch – erstmals zu lesen am 28. August 2025, gesehen im Rahmen der 82. Filmfestspiele von Venedig 2025.

George Clooney trifft auf Adam Sandler: Jay Kelly von Noah Baumbach

Stets haben die Filme von Noah Baumbach etwas Exploratives an sich: Es geht um Familienalltag, Träume, exzentrische Figuren, dysfunktionale Beziehungen, Humor inmitten von Schmerz, schlichtweg Kurzgeschichten über das moderne Leben. Von Frances Ha über Mistress America bis hin zu Marriage Story scheint dabei konstant Baumbachs Weltbild durch, welches von einer immanenten Dynamik geprägt ist. Anders formuliert: In seinen realitätsnahen Filmen ist, wie im echten Leben, immer etwas los – zwischenmenschlich im Externen, wie kognitiv im Innern. Eben jenes Motiv des pulsierenden Motors in der Welt findet sich auch in seinem neuesten Werk Jay Kelly, welches auf den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig läuft.

Da, wo sonst oft ein kleinerer aber feiner Cast Baumbachs Filme definierten, zeigt sich die Besetzung nun so hochkarätig wie nie: George Clooney, Emily Mortimer (darüber hinaus Co-Autorin), Adam Sandler, Riley Keough und weitere bekannte Namen sind darunter, nicht zu vergessen Baumbachs bessere Hälfte Greta Gerwig (Barbie) in einer Minirolle. Es ist das erste Anzeichen für eine scheinbar neue Ära von Baumbachs Werk, standen seine Indie-Filme tendenziell näher am Mumblecore als dem Big-Budget-Kino. Narrativ geht es dabei um den titelgebenden Jay Kelly (Clooney), einen in die Jahre gekommenen Filmschauspieler, der in Italien eine Ehrung für sein Lebenswerk erhalten soll. Tragikomik und ein Hauch Exzentrik trifft dabei auf Vergangenheitsaufarbeitung, ganz im Geiste Baumbachs.

Das selbstreferenzielle Kino hat zuletzt merklich an Dynamik gewonnen – man denke nur an Oh, Canada (hier ist der Autor das Spiegelbild) oder The Last Showgirl mit Pamela Anderson. Im Zentrum steht dabei stets die Figur eines gealterten Stars, in der sich zugleich auch die Biografie und Persona des realen Schauspielers wiederfindet. Schauspieler und Schauspielrolle werden damit vereint, nicht nur erzählen jene Filme eine Geschichte des Kinos, sondern auch eine Geschichte über den Künstler hinter der Kamera. Die Schnittpunkte jener Werke – unter anderem die Ideologie des Amerikanischen Traums, das Motiv des Begehrens als auch des Vergessens und Vergessen-Werdens sowie die Symbolik des Nachtrauerns – sind ebenso in Jay Kelly erkennbar.

In den besten Fällen haben solche Filme auch etwas über die Branche, wenn nicht gar über unsere Welt zu erzählen. Beispielsweise wie mit alten Männern und alten Frauen im Vergleich umgegangen wird. Ein gewisser Erkenntnisgewinn liegt diesem Stoff dabei zugrunde, wenn ein alter Mann in der Unterhaltungsbranche am Ende seiner Tage noch einen Beruf als Hausmeister erhält, an dem zumindest noch ein leichter Hauch von Symbolkraft haftet, während die Frau zusehen muss, wo sie bleibt. Derartige Ehrlichkeit kann einem Film das gewisse Etwas bescheren, doch genau dies sucht man bei Jay Kelly die erste Zeit vergebens.

„Jay Kelly is a hero of cinema.“

Alles beginnt dabei mit einem Filmdreh in einem Studio. Kelly liegt dabei am Boden, eine Fake-Schusswunde hat schon sein Ende eingeleitet. Mit jeder Faser in seinem Körper ist der Schauspieler fortan dabei, seine letzten Momente des Lebens eindringlich aber gleichermaßen auch magisch festzuhalten. „Cut!” heißt es dann, doch war das der perfekte Shot? Oftmals ist es eine ähnliche Szene, die den Auftakt für eine tiefere Elaborierung des Kinos bietet, jedoch nicht so in Jay Kelly.

Vielmehr folgt für einen kurzen Augenblick die Beobachtung der dritten Ordnung, wenn Filmmaking und Making-Of plötzlich verschwimmen und aufgezeigt wird, mit welcher Art von Schauspieler wir es zu tun haben. Es ist der leidenschaftliche Typus, der, symbolisch gesprochen, seinen Vertrag nicht mit einem Studio, sondern vielmehr mit der Kunst geschlossen hat. Ein Beispiel dafür: Während der Regisseur zufrieden mit dem Shot ist, meint Kelly sinngemäß: Wir können das noch einmal machen, das geht immer noch etwas besser.

Die Frage, wie sehr selbstreferenziell dieser Film angelegt ist, bleibt jedoch die meiste Zeit ein Rätsel. Anders formuliert: Ist es wirklich Clooney selbst, der hier präsentiert wird? Diese Frage, die zugleich eine ellenlange Rampe für den gesamten Film darstellt, wird erst zum Ende aufgelöst, entfaltet dann aber auch seine vollste Wirkung. Es ist eine Szene wie in Damien Chazelles Babylon, in der jahrzehntelange Filmgeschichte auf wenigen Sekunden destilliert wird und den Film aufwertet. Bis dahin wirkt Baumbachs neues Drama aber zeitweilig wie ein Werbefilm. Clooneys luxuriöses wie elitäres Leben ist dabei die beworbene Ware, wobei nur ein Mindestmaß an ambivalenter Auseinandersetzung geboten wird. Gäbe es nicht dieses Ende, würde Jay Kelly aber vermutlich schnell in Vergessenheit geraten.

Kinostart: 20. November 2025
Netflix-Start: 5. Dezember 2025
Regie: Noah Baumbach
Darsteller:
u.a. mit George Clooney und Adam Sandler
FSK-Freigabe: ab 12
Verleih: Netflix
Laufzeit: 2 St. 12 Min.

★★★★☆☆☆☆

 


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