Fünf Giallo-Tipps von Marc Trappendreher

Nur wenige filmhistorische Strömungen sind so eng mit einem einzelnen Namen verbunden wie der italienische Giallo mit Dario Argento. Seit L’uccello dalle piume di cristallo (Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe, 1970) gilt er als prägende Figur jener Strömung des italienischen Genrekinos, die Kriminalfilm, Thriller, Horror und psychologisches Melodram auf neuartige Weise miteinander verband. Seine Filme (darunter beispielsweise auch Profondo Rosso – Die Farbe des Todes, 1975) machten den Giallo international bekannt und prägen bis heute dessen öffentliche Wahrnehmung. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Der Giallo war nie das Werk eines einzelnen Regisseurs, sondern Ausdruck einer außergewöhnlich produktiven Phase des italienischen Genrekinos, in der zahlreiche Filmemacher sehr unterschiedliche Vorstellungen davon entwickelten, wie Spannung, Gewalt und Wahrnehmung filmisch gestaltet werden konnten.
Dass der Giallo heute als genuin italienisches Phänomen gilt, ist insofern bemerkenswert, als seine Ursprünge außerhalb des Kinos liegen. Bereits seit 1929 veröffentlichte der Mailänder Verlag Mondadori Übersetzungen englischer und amerikanischer Kriminalromane in einer Taschenbuchreihe mit leuchtend gelben Umschlägen. Die sogenannten Libri Gialli machten Autoren wie Edgar Wallace, Agatha Christie oder Edgar Allan Poe einem breiten italienischen Publikum zugänglich. Schon bald genügte die Farbe selbst als Bezeichnung für das Genre: Wer in Italien von einem giallo sprach, meinte keinen Farbton mehr, sondern einen Kriminalfall. Erst in den 1960er Jahren übertrug sich die Bezeichnung auf eine eigenständige filmische Strömung des Thrillerfilms, die Einflüsse klassischer Detektivgeschichten, Alfred Hitchcocks Suspense-Kinos, der deutschen Edgar-Wallace-Verfilmungen und des internationalen Horrorfilms miteinander verband.
Als Wegbereiter gilt Mario Bava, dessen Das Mädchen das zuviel wusste (La ragazza che sapeva troppo, 1963) und insbesondere Blutige Seide (Sei donne per l’assassino, 1964) wesentliche Merkmale der späteren Strömung vorwegnahmen: den maskierten Täter mit schwarzen Handschuhen, die kunstvoll stilisierten Mordsequenzen und das Spiel mit subjektiver Wahrnehmung. Die eigentliche Konjunktur löste jedoch Dario Argento aus. Sein Debüt traf den Nerv eines Publikums, das nach neuen Formen populären Spannungskinos suchte, und führte zwischen 1970 und 1973 zu einer wahren Produktionswelle. In nur wenigen Jahren entstanden Dutzende Gialli unterschiedlichster Regisseure, die die Strömung kontinuierlich weiterentwickelten.
Gerade diese Offenheit macht den Giallo bis heute so faszinierend. Zwar begegnen sich wiederkehrende Motive – traumatische Erinnerungen, falsche Identitäten, amateurhafte Ermittler oder spektakulär inszenierte Morde –, doch kaum zwei Filme gleichen einander. Im Zentrum steht weniger die Frage nach dem Täter als die Unsicherheit menschlicher Wahrnehmung. Erinnerungen erweisen sich als trügerisch, Bilder als mehrdeutig und Zeugen als unzuverlässig. Der Mord bildet häufig nur den Ausgangspunkt einer Erzählung über Wahrnehmung, Schuld und Identität. Hinzu kommt eine unverwechselbare Bildsprache mit subjektiven Kameraperspektiven, expressiven Farben und einer choreographierten Inszenierung von Gewalt, die den Giallo weit über den klassischen Kriminalfilm hinausführt.
Obwohl Argento zum internationalen Aushängeschild der Strömung wurde, gerieten viele seiner Zeitgenossen lange in den Hintergrund. Erst Restaurierungen, wissenschaftliche Neubewertungen und die Arbeit spezialisierter Labels haben dazu beigetragen, die Breite des Giallo wieder sichtbar zu machen. Wie aktuell filmArt, das Label hat vor kurzem fünf weitere Filme in ihrer Giallo Edition veröffentlicht, zu denen es in den folgenden Absätzen mehr zu lesen (und im unten verlinken Instagram-Beitrag mehr zu sehen) gibt.

Lucio Fulcis A Lizard in a Woman’s Skin (1971) verschiebt den Schwerpunkt vom Kriminalfall auf die subjektive Erfahrungswelt seiner Hauptfigur: Die wohlhabende Carol Hammond wird von verstörenden Träumen geplagt, in denen sie ihre Nachbarin ermordet. Als diese tatsächlich tot aufgefunden wird, verschwimmen Traum und Wirklichkeit zunehmend, und Carol gerät selbst unter Mordverdacht. Fulci verschiebt den Schwerpunkt vom Kriminalfall auf die subjektive Erfahrungswelt seiner Hauptfigur. Traum und Wirklichkeit gehen ineinander über, elliptische Erzählweisen und Ennio Morricones schwebende Musik erzeugen eine Atmosphäre permanenter Verunsicherung. Fulci nutzt den Giallo als psychologisches Experiment und demonstriert, wie weit sich die Strömung von konventionellen Kriminalmustern entfernen konnte.
Ein Journalist beobachtet in Luigi Bazzonis in Der schwarze Tag des Widders (1971) scheinbar zufällig einen Mord und gerät während seiner Nachforschungen in ein Netz aus Täuschungen, widersprüchlichen Aussagen und verborgenen Motiven. Anstelle spektakulärer Gewalt entwickelt der Film seine Spannung aus präziser Bildgestaltung, ruhigem Erzählrhythmus und einer kühlen, entfremdeten Atmosphäre. Bazzoni nähert sich dem Giallo aus der Tradition des europäischen Autorenfilms und zeigt, wie flexibel diese filmische Strömung selbst zurückhaltende, beinahe kontemplative Erzählformen aufnehmen konnte.
Der Killer von Wien (1971) verweist zugleich auf den internationalen Charakter des italienischen Genrekinos. Europäische Koproduktionen, internationale Besetzungen und Drehorte außerhalb Italiens gehörten zur Produktionsrealität vieler Gialli. Vor der Kulisse Wiens entwickelt sich ein Mordfall, in dem internationale Schauplätze, wechselnde Identitäten und undurchsichtige Beziehungen ein komplexes Geflecht aus Verdacht und Täuschung entstehen lassen. Der Film macht deutlich, dass der Giallo stets auch ein transnationales Kino war.
In Der Schwanz des Skorpions (1971) kämpfen mehrere Figuren nach einem Flugzeugabsturz um eine hohe Lebensversicherungssumme. Eine Reihe von Morden macht deutlich, dass hinter dem vermeintlichen Unglück ein komplexes Komplott steckt. Mit diesem Film präsentiert Sergio Martino die Strömung in ihrer vielleicht klassischsten Ausprägung. Komplexe Kriminalhandlung, hohes Erzähltempo und präzise gesetzte Spannungsmomente verbinden sich zu einem Musterbeispiel jener erzählerischen und visuellen Verfahren, die den Giallo Anfang der 1970er Jahre so erfolgreich machten. Martinos Stärke liegt weniger in stilistischen Exzessen als in der souveränen Beherrschung seiner dramaturgischen Mittel.

Den Abschluss bildet Cesare Ferrarios Night Ripper – Das Monster von Florenz (1986). Entstanden zu einer Zeit, als der klassische Giallo seinen kommerziellen Höhepunkt längst überschritten hatte, verbindet der Film traditionelle Elemente der Strömung mit Einflüssen des amerikanischen Slasherfilms: Eine Serie grausamer Frauenmorde versetzt Florenz in Angst. Während die Polizei im Dunkeln tappt, verdichten sich die Hinweise auf einen Täter, dessen Identität lange im Verborgenen bleibt. Night Ripper dokumentiert den Wandel des italienischen Genrekinos in den 1980er Jahren und zeigt zugleich, wie anpassungsfähig die Grundstrukturen des Giallo geblieben waren. Gemeinsam ergeben diese fünf Filme kein alternatives „Best of“, sondern ein Panorama unterschiedlicher ästhetischer Positionen. Sie verdeutlichen, dass der Giallo niemals einer starren Formel folgte, sondern sich aus der kreativen Dynamik einer Filmindustrie entwickelte, deren Regisseure selbstverständlich zwischen Horrorfilm, Western, Komödie, Melodram und Thriller wechselten. Gerade diese Offenheit erklärt seine anhaltende filmhistorische Bedeutung.
In diesem Zusammenhang kommt spezialisierten Heimkino-Labels heute eine wichtige Rolle zu. Restaurierungen und editorisch sorgfältig betreute Veröffentlichungen machen Filme wieder zugänglich, die über Jahrzehnte kaum verfügbar waren, und schaffen damit neue Voraussetzungen für die Rezeption. Für den deutschsprachigen Raum leistet filmArt hierzu einen besonderen Beitrag. Das Label veröffentlicht nicht nur kanonisierte Klassiker, sondern richtet den Blick immer wieder auf Werke, die innerhalb der internationalen Genreforschung geschätzt werden, einem breiteren Publikum jedoch lange verborgen blieben. filmArt lädt dazu ein, den Giallo jenseits seines bekanntesten Vertreters neu zu betrachten und seine außergewöhnliche stilistische und thematische Vielfalt zu entdecken. Indem filmArt solche Werke sorgfältig restauriert, editorisch begleitet und erstmals oder erneut zugänglich macht, trägt das Label aktiv dazu bei, bislang wenig beachtete Bereiche der europäischen Filmgeschichte sichtbar zu machen. Die Edition erweitert den Kanon nicht um einige weitere Titel, sondern eröffnet eine differenziertere Perspektive auf eine der faszinierendsten Strömungen des italienischen Nachkriegskinos – und erinnert daran, dass Filmgeschichte stets auch von ihrer Wiederentdeckung lebt.
Manche Giallo-Ausgaben von filmArt sind bereits ausverkauft, manche noch hier* auf Amazon erhältlich.
Weiterführend:
Koven, Mikel J.: La Dolce Morte. Vernacular Cinema and the Italian Giallo Film. Scarecrow Press, Lanham 2006.
Corso, Denny: Giallo – Die Farbe des Todes. Eine umfassende Chronologie. Hille: Medien-, Publikations- und Werbegesellschaft Knorr Martens, 2007.
Curti, Roberto: Italian Giallo in Film and Television. A Critical History. McFarland, Jefferson, NC 2022.
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Nice!
Bei Night Ripper muss ich aber widersprechen: Das ist kein Giallo, das ist verfilmte Langeweile in höchster Vollendung! Dann lieber den thematisch gleichen The Killer is still among us. Der ist zwar nur Durchschnitt…aber er ist wenigstens Durchschnitt!
Gruß:)