Kritik: Matrix Resurrections (USA 2021)

Eine Gastkritik von Jan Benz

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The most important choice in Neo’s life isn’t his to make.

1,6 Milliarden Dollar haben die drei Matrix-Filme am internationalen Box Office eingenommen, was in der heutigen Zeit natürlich nach einer Fortsetzung, oder noch besser, einem erweiterten Franchise schreit. Jahrelang hat Warner Bros. bereits mit der Fortführung der beliebten Sci-Fi-Reihe geliebäugelt, letzten Endes hat es dann geschlagene 18 Jahre gedauert, die zwischen Revolutions und Resurrections vergangen sind. Der vierte Teil wird nur noch von einer Wachowski-Schwester inszeniert und kann auf die Rückkehr von Keanu Reeves und Carrie-Anne Moss bauen. Auf Laurence Fishburne und Hugo Weaving müssen die Fans jedoch verzichten und so war ich im Vorfeld doch sehr skeptisch, ob Matrix Resurrections die Faszination für die Reihe noch einmal neu entfachen könnte. Immerhin ist vor allem der erste Teil mit seinen philosophischen Fragen und revolutionären Effekten längst tief in der Popkultur verankert. Und so viel vorweg: Die gleiche Faszination wie damals kann nicht entfacht werden. Die Fortsetzung ist ein grundsolides, wenn auch unnötiges Werk geworden.

Alles zurück auf Anfang: Thomas Anderson (Keanu Reeves) lebt in San Francisco ein erfolgreiches Leben als Videospiel-Schöpfer, doch irgendetwas scheint nicht zu stimmen, wie ihm unter anderem eine Begegnung mit Tiffany (Carrie-Anne Moss) beweist. Als dann auch noch völlig Fremde auf ihn zukommen und ihn mit Neo ansprechen, taucht Mr. Anderson erneut in die allzu vertraute Illusion der Matrix ein.

Die Rückkehr in die Matrix bietet als vor allem eines: Jede Menge Déjà-vus! Ganz im Stile von Star Wars: Episode VII: Die letzten Jedi und Co. schwingt auch Matrix Resurrections mit der Nostalgiekeule, blendet unzählige Szenen aus der Originaltrilogie ein und stellt einige Szenen sogar nach. Wie zum Beispiel die legendäre Eröffnungsszene des ersten Films, in der Trinity eine Reihe von Polizisten verkloppt. Wie alle anderen Szenen dieser Art, ist die Eröffnungssequenz aber nicht gänzlich kopiert, sondern zeichnet sich durch zahlreiche Veränderungen aus, was zum Mysterium der neuen Matrix passt. Die Szene führt aber auch den modernen Metahumor ein, welcher gerade in der ersten Stunde am laufenden Band abgefeuert wird. So kommentiert der neue Charakter Bugs (Jessica Henwick) die Trinity-Szene wie ein Fan der alten Trilogie und das ist nur der Anfang, denn die Charaktere sind sich dem Phänomen „Matrix“ bewusst, nur ist die Matrix hier ein Videospiel und kein Film. Und so tauschen sich die Charaktere im weiteren Verlauf über den Bullet-Time-Effekt aus und machen sich über die Reboot/Sequel-Flut lustig. Darüber hinaus wird sogar Warner Bros. erwähnt, in einem Dialog der impliziert, dass Lana Wachowski nicht von ihr aus den vierten Teil in Angriff genommen hat. Doch bevor Warner jemand anderes Matrix 4 in die Hände gedrückt hätte, machte sie es wohl lieber selbst.

Jetzt fragt man sich zurecht, wie solche Diskussionen in den vierten Film der Reihe passen, tatsächlich hat mir dieser selbstreferenzielle Metahumor, so albern er sein mag, erstaunlich gut gefallen. Zumal das Mysterium um die Matrix zusätzlich für einen interessanten Start sorgt. Leider kann Matrix Resurrections das gute Niveau aber nicht halten, denn wenn die Handlung nach circa 60 Minuten auf eigenen Beinen stehen muss, wird es dünn. Die zentrale Liebesgeschichte um Neo und Trinity ist zwar ganz nett, allerdings fehlt es der Handlung und den neuen Charakteren schlicht und ergreifend an Profil. Tatsächlich kann von den neuen Charakteren nur Jessica Henwick als Bugs überzeugen. Yahya Abdul-Mateen II als Morpheus ist hingegen kein guter Ersatz für Laurence Fishburne und Jonathan Groff, den ich bei Hamilton und Mindhunter noch sehr gerne gesehen habe, kommt nicht ansatzweise an die diabolische Faszination von Hugo Weaving heran. Dadurch mangelt es dem Film zum einen an einem starken Antagonisten und zum anderen an spannenden Figuren an der Seite von Neo und Trinity. Wobei man fairerweise sagen muss, schlecht gespielt ist das alles nicht (teilweise hinterlässt Keanu Reeves da sogar den schlechtesten Eindruck). Allerdings sind die Charaktere viel zu schlecht geschrieben, als dass die Darsteller etwas retten könnten. Das gilt übrigens auch für Neil Patrick Harris, der zwar eine der spannendsten Figuren des neuen Films spielt, so richtig überzeugend fällt seine Rolle jedoch auch nicht aus.

Und so plätschert Matrix Resurrections seinem Finale entgegen und, obwohl ich in den 148 Minuten keine Langeweile verspürt habe, fehlte mir dennoch ein inszenatorisches Ausrufezeichen. Immerhin waren auch schon die letzten beiden Teile in Sachen Story nicht der große Wurf, mit der phänomenalen Highway-Verfolgungsjagd oder der spektakulären Schlacht um Zion konnten sie jedoch wenigstens in Sachen Action für Highlights sorgen. Bei Matrix Resurrections muss man sich für ein ähnliches Highlight schon bis ganz zum Schluss gedulden. Vorher ist die Action leider ziemlich unübersichtlich gefilmt und den Szenen fehlt es oftmals am für Faustkämpfe so wichtigen Impact. Am Ende kommt es trotzdem zu einem großen und spektakulären Showdown. Restlos begeistert hat dieser mich zwar auch nicht, weil die zombiehaften Gegner einfach befremdlich wirken, Laune macht die Sequenz dennoch. Schade ist nur, dass der Look der Matrix stark verändert wurde und nun in warmen Sonnenuntergangstönen erstrahlt. Das passt zwar zur letzten Szene von Matrix Revolutions, der Grünfilter und der kalte, stylishe Look haben mir jedoch sehr gefehlt. Warum man dieses Alleinstellungsmerkmal zugunsten eines generischen Actionfilm-Looks aufgegeben hat, verstehe ich nicht. Der Soundtrack bleibt derweil ziemlich zurückhaltend, auch da hatte die Trilogie schon für mehr Akzente sorgen können. Letzten Endes wissen wir aber alle, dass Matrix Resurrections nur aus finanziellen Gründen erstanden ist, obwohl ich in dem Bereich schon deutlich Schlechteres gesehen habe und der vierte Film insgesamt einen ordentlichen Job macht. Das recht offene Ende bietet jedoch Raum für mehr Sequels und bestimmt auch einige Spin-offs. Hauptsache man kann sich Franchise-Optionen in der Hinterhand behalten, nicht wahr Warner Bros.?

Fazit: Es hätte schlimmer kommen können. Meine Erwartungen waren nach den ersten beiden Fortsetzungen und dem Trailermaterial nicht gerade hoch, zu einer recht unterhaltsamen Fortsetzung hat es dennoch gereicht. Gerade die erste Stunde weiß mit ihren Mysterien und dem Metahumor zu überzeugen. Dabei wird über Warners Fortsetzungszwang genauso sinniert, wie über den Bullet-Time-Effekt, Selbstreferenzen von tieferer Bedeutung gibt es leider nicht wirklich. Denn nach dem sehenswerten Start wird die Handlung zunehmend belangloser und erst das actionreiche Finale kann wieder überzeugen. Wann immer die Story auf eigenen Beinen stehen muss und sich nicht auf ihre Déjà-vus verlassen kann, gerät der Film ins Straucheln. Dazu mangelt es an gut geschriebenen sowie gespielten Charakteren und lange Zeit auch an inszenatorischen Highlights. Und vor allem aus inszenatorischer Sicht ist es schade, dass man den unverkennbaren Grünfilter mit einem generischen Sonnenuntergangslook ersetzt hat. Wie so oft heutzutage, ist auch Matrix Resurrections grundsolides, jedoch überflüssiges Popcorn-Kino.

Matrix Resurrections startet am 23. Dezember 2021 deutschlandweit in den Kinos.

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