Kritik zu „Marty Supreme“: Timothée Chalamet als Tischtennisprofi

Kritik von Julian Bonsu

Dieser Film beherrscht das Spiel: Marty Supreme von Josh Safdie

Im vergangenen Herbst feierten gleich zwei neue Safdie-Filme Premiere. Zum ersten Mal jedoch präsentierten die Brüder Josh und Benny zwei getrennte Werke – beides Sportfilme. Zuerst kam Benny, der seinen Film The Smashing Machine in Venedig vorstellte. Ein bewegendes, jedoch ziemlich konventionelles Biopic über den Mixed Martial Arts Kämpfer und Wrestler Mark Kerr, welches keinen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Einen Monat später, bei einer unangekündigten Sondervorführung des New Yorker Filmfests (auf die allerdings schon im Voraus viel spekuliert wurde), präsentierte Josh seinen mit Spannung erwarteten Film Marty Supreme – kein reines Sportdrama, sondern ein Film, der sich mit einer schwindelerregenden Schnelligkeit zwischen den unterschiedlichsten Genres hin und her bewegt. Wie ein Tischtennisball bei einem spannungsgeladenen finalen Turniermatch. Und es funktioniert! Man ist von der ersten Minute an gebannt im Kinosessel mit Blick auf die Leinwand gefesselt.

Als Inspiration für Marty Supreme dient das Leben des New Yorker Tischtennisspielers Marty Reisman, der Mitte des letzten Jahrhunderts wegen seines extravaganten und auffälligen Verhaltens für viel Aufsehen sorgte. Auf dieser Basis schuf Josh Safdie, zusammen mit Koautor Ronald Bronstein, eine äußerst selbstsüchtige Filmfigur mit Charaktereigenschaften, die von einem Publikum eigentlich als unausstehlich empfunden werden müssten. Dennoch ist man von Anfang an auf Marty Mauser (Timothée Chalamet) fixiert, man fiebert richtig mit ihm mit. Marty ist ehrgeizig, er hat Talent und Träume, die er unbedingt verwirklichen möchte. Er will Tischtennis-Champion werden und er will diesem Ballsport zu Ruhm verhelfen. Er will, dass sein Name in aller Munde ist, und er möchte, dass sein Gesicht auf allen Cornflakes-Verpackungen in den USA zu sehen sein wird.

Diesen Träumen jedoch stehen viele Hürden im Weg, angeführt von Geldmangel und dem Unverständnis seiner Familie. Zusammen mit seinen schrägen, aber liebenswürdigen Freunden begibt Marty sich auf eine chaotische Reise durch New York, um an das Geld zu kommen, das er unbedingt benötigt, um seine Schulden zu bezahlen, und um ein Flugticket zum nächsten Turnier zu kaufen. Diese Reise verbindet die überschäumende Energie einer Screwball-Komödie der 1930er-Jahre mit der moralisch düsteren Atmosphäre eines Thrillers der Siebziger. Eingebettet in das authentisch pulsierende und zugleich bedrohliche New York der Fünfziger, getragen von Daniel Lopatins herausragender Elektro-Filmmusik (u. a. mit 80er-Hits wie Alphavilles „Forever Young“) und befeuert von einem brillanten, unermüdlich vorwärtsdrängenden Drehbuch, wird Marty Supreme zu einem rauschhaften Fest für die Sinne. Ich war mehrfach, zu Beginn nach der Eröffnungsszene und dann wieder direkt vor dem Abspann, fast zu Tränen gerührt – dazwischen tauchte ich vollständig in Martys Geschichte ein.

„I have a purpose. If you think that it’s some kind of blessing it’s not. It means I have an obligation to see a very specific thing through.“

Spätestens nach Marty Supreme kann man meiner Meinung nach Timothée Chalamet als den wahrscheinlich größten Filmstar und einen der bedeutendsten Schauspieler seiner Generation bezeichnen. Seine Hingabe zu dieser Rolle, gebündelt mit seiner Ausstrahlung, verleihen Martys oft egozentrischen und überstürzten Handlungen eine Empathie, die dem Drehbuch allein nicht zu verdanken ist. Der 30-jährige Schauspieler hat in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal in Folge gute Chancen auf den Oscar als bester Hauptdarsteller, wird jedoch häufig noch als zu jung abgestempelt. Den Preis will er unbedingt – und vor allem will er, dass die Menschen ins Kino gehen. In den vergangenen Wochen hat er dafür auf der Presse- und Marketingtour zum Film die Regeln neu geschrieben. Wie Marty ist er laut, intensiv und inszeniert sich medienwirksam – etwa mit riesigen orangefarbenen Tischtennisbällen auf Events oder auf der kugelförmigen Sphere in Las Vegas. Sein Ziel ist es, Aufmerksamkeit für den Film zu erzeugen, und das funktioniert: Marty Supreme zählt zu den bislang erfolgreichsten Filmen der Produktionsfirma A24 an den US-Kinokassen. Und Anfang Januar gewann Chalamet bereits den Critics Choice Award, einen wichtigen Vorläufer des Oscars.

Auch die in den Nebenrollen besetzten Schauspieler*innen brillieren. Gwyneth Paltrows Besetzung als glamouröse und unglücklich verheiratete Schauspielerin Kay Stone kommt einem Geniestreich gleich. Kays zynische und etwas abgestumpfte Art ist das perfekte Gegenspiel zu Chalamets hektischem und energetischem Marty. Martys Kindheitsfreundin und Flamme Rachel und sein bester Freund und Mitstreiter Wally werden mit voller Überzeugung und Charisma von Nachwuchstalent Odessa A’zion und Rapper Tyler, the Creator (in seinem Spielfilmdebut) gespielt. Kevin O’Leary verkörpert den Hauptgegenspieler Milton Rockwell mit einer prägnanten und autoritären Art, die ebenfalls in Erinnerung bleibt. Auch hier wäre der Film ein guter Kandidat für einen Oscar, und zwar für den Oscar für das beste Casting, welcher dieses Jahr zum ersten Mal verliehen wird.

Marty Supreme ist ein mehr als würdiger Nachfolger zu Josh (und damals auch noch Benny) Safdies vorherigen Spielfilmen Good Time und Der schwarze Diamant. Er hat dieselbe packende, rasende, wilde Atmosphäre, die zu Josh Safdies Markenzeichen geworden ist. Marty Supreme wirkt jedoch deutlich opulenter, natürlich auch wegen des Budgets in Höhe von knapp 65 Millionen Dollar. Es ist in der Tat ein monumentales Epos eines großen Filmemachers. Es scheint, als hätte sich auch Josh Safdie den Marketingslogan des Films angeeignet: DREAM BIG!

Kinostart: 26. Februar 2026

Regie: Josh Safdie
Darsteller:
u.a. mit Timothée Chalamet und Gwyneth Paltrow
FSK-Freigabe: ab 12
Verleih: Tobis Film
Laufzeit: 2 St. 29 Min.

★★★★★★★☆

 

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