Kritik von Michael Gasch – erstmals zu lesen am 17. Juli 2025
Der Stop-Motion-Film gleicht einem leisen Zauber, einem Genre fern der Zeit – unberührt vom Wandel, standhaft im Fluss der Welt. Unberührt, weil es von Innovation in der Filmbranche weitestgehend umgangen wird. Ebenso unberührt, weil die Regisseure dieser Welt dieselben geblieben sind – treue Chronisten eines analogen Kosmos. Nick Park, der Schöpfer von Wallace & Gromit sowie Shaun das Schaf, und Adam Elliot (Harvie Krumpet, Mary & Max – oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?) wirken dabei wie Yin und Yang.
Während Park das Verspielte, Geborgene und Heitere umarmt, wendet sich Elliot dem Riss im Alltag zu. Tragikomisch, mit starkem Fokus auf Einsamkeit, Außenseitertum und menschliche Schwächen, sind seine Filme von einem düsteren Ton gekennzeichnet. Trotz der Unmenge an Melancholie, ist aber auch in seinem neuen Werk Memoiren einer Schnecke genug Platz für warmherzige Tiefe.
Im Zentrum der Geschichte stehen dabei Grace (Sarah Snook) und Gilbert Pudel (Kodi Smit-McPhee), Geschwister, die beide Elternteile verlieren, und fortan in unterschiedlichen Pflegefamilien in verschiedenen Staaten untergebracht werden. Da, wo ihre Verbindung zueinander erlischt, nach Grace seien sie zwei Seelen mit nur einem Herz, bildet sich ein Vakuum, welches sukzessiv mit Angst, Einsamkeit und Depressionen gefüllt wird. Doch immerhin platzt Pinky (Jacki Weaver) in das Leben von Grace – eine verschrobene, lebensgierige Seniorin, die ebenso laut ist wie Grace leise. Willkommen in der Welt von Adam Elliot.
Wer sich denkt: „Ach toll, ein neuer Film von Adam Elliot!“ wird daher schnell auf die Füße fallen – sieht doch „toll“ in narrativen Kontexten für gewöhnlich ganz anders aus. Doch genau hier kommt eben Elliots Handschrift ins Spiel. Denn Elliots Filme wollen nicht gefallen. Sie wollen erinnern, wehtun und im Schmerz eine Form von Wahrheit freilegen. So auch Memoiren einer Schnecke, der sich zwar düster anhört, aber genau darin seine Kraft entfaltet: Kraft zum Ausbrechen, zum Wachsen, zum unaufhörlichen menschlichen Streben nach Harmonie.
“Losing a twin is like losing an eye… You never see the world the same way again.”
Elliot streift dabei die scharfen Ecken und Kanten der Welt, an denen sich das Individuum stoßen kann: Fanatismus, Trauerfälle, Ausgrenzung, Heimatlosigkeit im Inneren als auch im Außen und Identitätsverlust. Die Verwebungen jener Motive liefert dabei immer wieder beiläufige Bezüge zu philosophischen Fragen, etwa jener, wie stark unser Leben von Genen oder von Umweltfaktoren geprägt ist – in der englischen Sprache abgekürzt mit „Nature vs. Nurture“.
Dass dieses Motiv in diversen Variationen im kindlichen Animationsfilm aufgegriffen wird, ist nichts Neues. Mal ist es Nemos schwache Flosse, der er mit starkem Willen trotzt, oder es sind die Tiere in Zoomania, die mit ihrer eigenen Biologie und starren Rollenbildern kämpfen müssen. Nicht zu vergessen Elliots letzter Langfilm Mary & Max über das Zusammenspiel zwischen Neurodiversität, Trauma und Umwelt. Knackpunkt des Ganzen ist, wie Elliot diese Motive in seinem aktuellsten Film neu zusammenführt und kontextualisiert.
Dort, wo in Mary & Max die Welt noch als ein verwirrender Ort bezeichnet wurde, ist sie in Memoiren einer Schnecke erbarmungslos klar. Es ist ein Ort, so trivial sich das auch anhören mag, der Imperfektionen. Hier begegnen wir Gesichtern, deren Asymmetrie keine Ironie kennt; Städten, die als architektonische Käfige funktionieren; Biografien, die sich nicht glätten lassen. Abgerundet von weiteren Beispielen, die in den externen Faktoren des Lebens („Nurture“, wie bereits genannt) schlummern. Viele andere Filme entscheiden sich an dieser Stelle, den Weg der Ästhetisierung einzuschlagen. Ja, eine beispielsweise vermüllte Stadt mag zwar problematisch sein, aber da gibt es doch auch das Schöne – solche romantisierenden Plattitüden kennt man zur Genüge. Es spricht deutlich für Elliot und Memoiren einer Schnecke, wenn er sich genau dem verweigert.
Viel mehr erzählt Elliot über das eigentliche Leben, das die meiste Zeit nur eine Richtung kennt: bergab. Deutlich trauriger als Mary & Max, dafür aber nicht minder eindringlich, ist auch sein neuester Film eine kleine Stop-Motion-Perle, die ein echter Weckruf ist – für alle, die sich in einem Tief befinden, aber auch ganz grundsätzlich für Individualismus. Memoiren einer Schnecke berührt besonders dann, wenn das Leben so klischeefrei wie nur möglich als echte Herausforderung empfunden wird.
Was bleibt, ist ein Werk, das aufwühlt und zugleich auffängt. Ein Film wie eine seiner Figuren: exzentrisch, laut, gebrochen – und doch mit einem Herz, wie es kaum größer sein könnte. Die ältere Grace ist das Beste, was der kleinen Grace begegnet. Und vielleicht ist Memoiren einer Schnecke genau das: das Beste, was das Leben gerade zu bieten hat. Ein Film wie ein Freund – nicht einer, der trösten kann, sondern einer, der einem das Gefühl gibt, verstanden zu werden.
Memoiren einer Schnecke ist ab dem 2. Oktober 2025 auf Blu-ray und UHD Blu-ray im Mediabook erhältlich. Hat euch die Kritik gefallen? Dann unterstützt CinemaForever.net gerne, indem ihr den Film über die Verlinkung bei Amazon.de* bestellt.
Kinostart: 24. Juli 2025
Heimkino-Release: 2. Oktober 2025
Regie: Adam Elliot
Stimmen: u.a. von Jacki Weaver und Eric Bana
FSK-Freigabe: ab 12
Verleih: Capelight Pictures
Laufzeit: 1 St. 34 Min.
★★★★★★☆☆

