Kritik zu „Scarlet“: Überzeugt Mamoru Hosodas Anime-Abenteuer?

Kritik von Michael Gasch – gesehen im Rahmen der 82. Filmfestspiele von Venedig 2025.

Eine Prinzessin in der Welt der Toten: Scarlet von Mamoru Hosoda

Neben Hayao Miyazaki und Makoto Shinkai zählt Mamoru Hosoda zu den prägenden Stimmen des japanischen Animationsfilms. In seinen Filmen wie Das Mädchen, das durch die Zeit sprang, Mirai oder auch Belle finden sich dabei wiederkehrende Themen. Stets geht es um Familie, aber auch die Motive Vergangenheit, Erinnerung und Zeit. Nun stellte Hosoda seinen neuesten Anime-Film Scarlet auf den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig vor. Im Mittelpunkt steht die titelgebende Prinzessin, die sich in einem Reich zwischen Leben und Tod wiederfindet. Nicht nur geht es darum, den Tod ihres Vaters zu rächen, sondern auch sich selbst zu finden.

Irgendwo zwischen den Subgenres High- und Rural-Fantasy lässt sich Hosodas neuestes Werk einordnen. Auf der einen Seite steht der Mystizismus, verkörpert durch einen göttlichen Drachen am Himmel, und das Reich der Toten. Der Platz des Menschen ist dabei eindeutig gezeichnet. Während Städte, Burgen und Felder greifbar und geerdet wirken, schweben über dem Menschen metaphysische Zeichen und seltsame Kräfte. Obgleich das Mystische existiert, definiert sich der Mensch unabhängig von ihm. Diverse Leerräume werden auf der anderen Seite mit mittelalterlichen Elementen gefüllt: Schwertkämpfe, höfische Intrigen, Adelsfiguren, zuvorderst die Prinzessin, die an Der Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim erinnert. Gezeichnet wird eine Welt, in der gleichermaßen viel Platz für den Menschen als auch für Transzendenz ist.

Während das Worldbuilding durch Detailfreude beeindruckt, wirkt die Erzählung selbst überraschend flach. Figuren, die eigentlich reich und komplex sein könnten – es gibt da den weisen und gütigen König, seinen machthungrigen Bruder und die rebellische Prinzessin – bleiben weitgehend in ihren stereotypischen Rollen gefangen. Kaum erhalten diese Figuren neue Facetten, selten überraschende Nuancen. Und dass man vereinzelte Ideen schon einmal in anderer Form gesehen hat, macht es nicht besser, im Gegenteil.

„I will absolutely find them and destroy them!“

Erinnerungen an beispielsweise die Animationsserie Avatar – Der Herr der Elemente drängen sich da auf, wenn sich eine junge Figur auf die Heldenreise begibt, um einen Tyrann zu bezwingen, doch dann ebenfalls mit einer Identitätskrise konfrontiert wird. Selbst die poetische Darstellung des Todes wirkt allzu vertraut: Wie in Avengers: Endgame lösen sich die Menschen auf, doch nie entfalten jene Szenen ihre volle emotionale Wirkung. Eben jene Arbeit mit Versatzstücken – es gibt auch noch eine Parallele zu Hosodas Das Mädchen, das durch die Zeit sprang – lässt Scarlet wie einen wilden Flickenteppich erscheinen.

Ein Blick auf die Fragen, die der Film stellt, untermauert dies sowohl auf narrativer als auch symbolischer Ebene. Es wird beispielsweise gefragt: Was bedeutet der Tod? Was bedeutet Leben? Was bedeutet Liebe? Es mögen große philosophische Fragen sein, doch nie wird die Tragweite dieser Themen ausgeschöpft. Vielmehr bleibt alles in prachtvollen Bildern stecken, die eher Kinderaugen als erwachsene Köpfe ansprechen. Genau hier liegt die Schwäche von Hosodas neuem Film: eine glanzvolle Optik ohne Substanz, Emotionalität ohne Nachhall, und all das intellektuell unbefriedigend.

Der Begriff Konventionskunst passt auf Scarlet vermutlich wie kaum ein anderer. Immer wieder entsteht der Eindruck, der Film frage nicht, was er selbst erzählen möchte, sondern was in der Vergangenheit Erfolg hatte. Das Mädchen, das durch die Zeit sprang funktionierte, ebenso taten dies Mirai und Belle – und nun versucht Hosoda einmal mehr dieselben Muster und emotionalen Beats zu präsentieren. Ein zunehmender Fokus auf maximalistische Theatralik weckt zuletzt auch Erinnerungen an Makoto Shinkais Suzume. Scarlet ist aufgeblasenes japanisches Animationskino, das von einem simplen Gedanken beherrscht scheint: Je intensiver der visuelle Reiz, je lauter der Schrei des Protagonisten, desto mehr Wirkung. Ein Irrglaube, wie Scarlet zeigt.

Kinostart: 29. Januar 2026
Regie: Mamoru Hosoda
FSK-Freigabe: unbekannt
Verleih: Sony Pictures Germany
Laufzeit: 1 St. 52 Min.

★★★★☆☆☆☆

 

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