Kritik zu „Tangles – Durcheinander“: Demenz in Schwarz-Weiß

Kritik von Michael Gasch – gesehen im Rahmen der Filmkunstmesse Leipzig

Sentimentalität in Schwarz-Weiß – Tangles von Leah Nelson

Wir schreiben das Jahr 1999: Sarah (Stimme im Original: Abbi Jacobson) kehrt in ihre Heimatstadt zurück, um ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter (Stimme: Julia Louis-Dreyfus) beizustehen. In einem schwarz-weißen Animationsstil, der an Graphitzeichnungen erinnert, erzählt der Film fortan Alltagsgeschichten und taucht dabei tief in Kindheitserinnerungen ein, ganz im Stil des Slice-of-Life-Genres, das unspektakuläre Momente des gewöhnlichen Lebens in den Mittelpunkt stellt. Damit wäre Tangles konzeptionell wie auch narrativ bereits ausreichend festgehalten. Und doch gibt es noch mehr über diese liebevolle, zuweilen aber auch recht sentimental erzählte Geschichte zu sagen.

Das Kino hat den kognitiven Verfall längst zu seinem eigenen Angstmotiv gemacht. Wie ein einziger Tag (2004), Poetry (2010), Liebe (2012), Still Alice (2014), The Father (2020) oder Vortex (2021) sind Beispiele der letzten zwei Jahrzehnte, die hierbei in den Sinn kommen. Alzheimer steht damit in einer Reihe mit jenen Krankheiten, die das Kino immer wieder beschäftigen – neben etwa Krebs und AIDS. Doch während diese Erkrankungen verstärkt den Körper bedrohen, rührt Alzheimer an etwas, das schwerer zu greifen und vielleicht gerade deshalb so beunruhigend ist: an die individuelle Erinnerung und damit an die Vorstellung vom eigenen Ich. Denn was bleibt von einem Menschen, wenn ihm nach und nach die Geschichten abhandenkommen, aus denen seine Identität erwächst?

Vielleicht liegt genau darin die eigentümliche Faszination des Motivs für das Kino: Alzheimer erzählt nicht bloß vom Verfall eines Menschen, sondern berührt zugleich einige der grundlegendsten Fragen menschlicher Existenz. Was macht uns zu dem, der wir sind? Und wie viel von uns steckt in unseren Erinnerungen? Dass sich das Kino auch 2026 noch immer an diesen Fragen abarbeitet, ist daher wenig verwunderlich. Doch gerade hier kratzt Tangles nur an der Oberfläche. Statt Persönlichkeit zu ergründen, verweilt der stilistisch kalte, emotional hingegen aber sehr warme Film mehr beim konventionellen Storytelling über die Charakterzüge und Interessen seiner Figuren. Es geht da beispielsweise um politischen Aktivismus, Feminismus und ein Faible für Kunst – all das wird jedoch nur angedeutet und fügt sich nur schwer zu einem komplexen Bild jener Frau, die sich zunehmend selbst verliert.

„We’re probably looking at some form of dementia here.“

Die reduzierte Form geht dabei unmittelbar auf die Graphic Novel Tangles: A Story About Alzheimer’s, My Mother and Me zurück, die ebenfalls in einem schlichten Graphitzeichnungsstil gehalten ist. Eigentlich liegt darin eine reizvolle Möglichkeit. Doch da, wo man erwartet, dass die animierte Form den Inhalt und der Inhalt die Form begünstigt, gibt es nur ganz wenige Beispiele. Einmal klafft beispielsweise ein schwarzes Loch im Bauch der Tochter, die mit der Erkrankung ihrer Mutter auch psychisch zu kämpfen hat – ein offenkundiges Bild für jene innere Leere, die sich in ihr ausbreitet. Abseits solcher Momente bleibt der emotionale Symbolismus jedoch erstaunlich zurückhaltend. In Verbindung mit den überwiegend klassischen narrativen Bögen bleiben so nur wenige Bilder nachhaltig im Gedächtnis.

Vielleicht ist daran auch das Erbe des bisherigen Alzheimer-Kinos etwas Schuld, welches meist so konzipiert ist, dass der Kinogänger nach dem Film der Welt und sämtlichen Krankheiten, die emotionales Leid verursachen, stärker entgegentreten kann. Auch Tangles besitzt diese über die Leinwand hinausreichende Wirkung: Nicht nur bietet das Drama Eskapismus und spendet Trost, sondern zeigt auch ziemlich unbeschönigt, dass bei dieser Krankheit nicht viel Raum für Hoffnung ist. Konzeptionell steht Tangles damit fest auf den Schultern dieses Genre. Was ihm jedoch fehlt, ist die formale und erzählerische Eigenwilligkeit, um aus diesem vertrauten Fundament wirklich etwas Neues entstehen zu lassen.

Somit zeigt sich: Alzheimer als narrativer Bogen macht allein noch keinen guten Film. So lässt sich nur darauf vertrauen, dass es genug Identifikationspotential für die eigene Person zu finden gibt – denn das ist mal sicher: bei Angehörigen im Anfangsstadium als auch Betroffenen wird Tangles als rührseliger Animationsfilm vermutlich alle richtigen Knöpfe drücken und einen der schönsten Filme 2026 abgeben. Über einige der erwähnten kritischen Punkte hinwegzusehen, dürfte dann tatsächlich nicht allzu schwerfallen.

Kinostart: 14. März 2027
Regie: Leah Nelson
Darsteller: u.a. mit den Stimmen von Julia Louis-Dreyfus, Abbi Jacobson, Bryan Cranston und Seth Rogen
FSK-Freigabe: unbekannt
Verleih: Piffl Medien GmbH
Laufzeit: 1 St. 42 Min.

★★★★★☆☆☆


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