Kritik zu „Teenage Sex And Death At Camp Miasma“: Ein neuer Slasher-Klassiker?

Kritik von Michael Gasch – gesehen im Rahmen der 79. Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

Ein neuer Slasher-Klassiker: Teenage Sex and Death at Camp Miasma von Jane Schoenbrun

Unter den US-amerikanischen Regisseuren des modernen Kinos gibt es zwei, die schon seit Jahren vereinzelt immer wieder durchscheinen. Programmatisch geht es in den Werken von David Robert Mitchell (It Follows, Under the Silver Lake) und Jane Schoenbrun (zuletzt I Saw the TV Glow) um etwas nicht ganz Greifbares in der menschlichen Kultur. Es ist, als würde sie irgendwie über uns stehen – gemeint ist symbolisch die gesamte globalisierte Welt, wird sie doch am meisten von amerikanischer Soft Power geprägt. Nicht etwa ein Produkt des Menschen ist sie, sondern eine eigene und pulsierende Entität, welche von einer innewohnenden Ambivalenz geprägt wird.

Einerseits nimmt sie uns metaphorisch gesprochen liebend in den Arm, wenn eine eiskalte Dose Coca-Cola, ein Musikauftritt oder der nächste Hit im Kino den Menschen funkelnde Augen bescheren. Man denke auch einmal an die Übernachtungspartys mit Pizza und einer Horrorfilm-VHS – Erinnerungen, die auch noch Jahrzehnte im Geiste nachhallen können. Anderseits hat dies auch stets etwas Beängstigenden an sich: Gerade dann, wenn kulturelle Produkte uns so sehr in Beschlag nehmen, dass es kein Entfliehen mehr gibt – oder etwa wie im Falle Under the Silver Lake eine Lüge hinter all dem steckt. Schoenbrun liefert nun auf den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes seinen nächsten Film mit dem Titel Teenage Sex and Death at Camp Miasma ab und führt eben jenes Grundmotiv über transzendente – den Menschen übersteigende – Kultur weiter. Der erste Geniestreich des Festivals.

Eine junge Filmregisseurin (Hannah Einbinder) wird angeheuert, ein Remake der etablierten “Camp Miasma”-Filmreihe zu produzieren. Eben jene Filmreihe steht dabei programmatisch für das Kino einer lange vergessenen Zeit, als es noch große sommerliche Slasher-Horrorfilme (Freitag der 13., etc.) gab. Wie so oft geht es dabei um ein Wesen (hier Little Death genannt), das den naturalistischen Gesetzen strotzt. Mit seinem würfelförmigen Kopf (wohl eine Anlehnung an Pyramidhead aus der Silent-Hill-Videospielreihe) ist es nicht tot zu bekommen, was eine ganze Filmreihe, inklusive Spin-Offs und anderen Vermarktungsformaten erst ermöglichte. Angelegt sind diese fiktiven Filme freilich als Zusammenführung der großen Horrorklassiker zu verstehen: Freddy Krüger, Jason, you name it.

Die Neuproduktion soll nun an den großen Erfolg des Franchises mit der damaligen weiblichen Ikone (Gillian Anderson) anknüpfen. Doch wie soll diese Produktion aussehen? Mit eben jener Frage muss sich die Jungregisseurin herumschlagen – einer Frage, die auch in der realen Welt unter Filmemachern, Fan-Communities und Kulturforschern intensiv diskutiert wird. Schoenbrun nimmt sie fortan bis ins Kleinste auseinander und lässt es sich auch nicht nehmen, immer noch einen Schritt weiter zu gehen, immer noch eine weitere Metaebene einzubauen.

“Little death… riiiise!!!”

Eben diese Grundpfeiler – Nostalgie, Slasher- und Backwoods-Horrorkino, Zeitgeist, schlichtweg jene größere kulturelle Entität – dienen gleichermaßen als narrativer Unterbau und Diskursanalyse über Kunstwahrnehmung. Denn die ist bekanntlich im ständigen Umbruch: Was im Gestern noch als unterhaltsam angesehen wurde, kann im Morgen schon für rollende Köpfe sorgen. Eingebaut wird dies durch die aktuellen Schlagworte unserer Zeit: „queer“, „woke“ und „transphobic“ heißt es da immer wieder, nicht aber erforschend, sondern in Bezug setzend. Zwar wird nicht entschlüsselt, warum es diese Akzentuierungen im modernen Kino gibt (am Rande: das Tocqueville-Paradoxon aus der Soziologie könnte Antworten liefern), wohl aber wie sie dem Vergangenen, man könnte auch sagen dem Überwundenden, gegenübersteht. Ganz deutlich zeigt der Film: Da, wo die alten “Camp Miasma” Filme aus heutiger Sicht problematisch sind, stehen nun Ent-Problematisierungen in der Filmproduktion auf dem Plan, dem neuen Zeitgeist entsprechend.

Schoenbrun könnte es sich mit dieser Prämisse einfach machen und Kritik, sowohl an den alten als auch den neuen Filmen, üben. Doch Teenage Sex and Death at Camp Miasma steht über all dem: Dies ist kein reines intellektuelles, auch kein reines queeres Kino, sondern vielmehr eine wilde Mischung aus Unterhaltung, Mystery, künstlerischen Anspruch und Affekten (heftigen Gemütsbewegungen). Eine Brücke zum Werk von David Robert Mitchell bietet sich in Hinblick auf das Mysterium an: Da ist etwas unter dem Silver Miasma See. Abgerundet wird all das letztlich durch erforschende Körperlichkeit – wie es eben zum Slasher-Kino dazugehört.

So schwenkt Schoenbruns Werk immer wieder gehörig aus – mal in Richtung explizites Horrorkino mit überzeichneten Blutfontänen, mal in Richtung Kulturanalyse, mal in eine ganze andere Richtung, in der menschliche Komplexität ergründet wird. Ein möglicher Zugang zum Film macht dies besonders deutlich, an der Stelle ist ein Auszug aus Dan Brown’s Roman “The Secret of Secrets” dienlich:

Der Orgasmus wird in allen Kulturen als die intensivste angenehme Erfahrung angesehen, die ein Mensch machen kann, ein Loslösen von sich selbst, ein Zustand der Entleerung, eine zeitweilige Befreiung von Sorgen, Schmerz und Angst. Weißt du, wie die Franzosen dazu sagen?

»Oui«, antwortete er. »La petite mort.«

Richtig – der kleine Tod. Das liegt daran, dass die Selbstabtrennung, die man beim Orgasmus empfindet, genau das gleiche Gefühl ist, das Menschen beschreiben, die eine Nahtoderfahrung hatten.

Steckt hinter dem Monster aus den “Camp Miasma”-Filmen also Subtext? Wir wollen nicht zu viel verraten – immerhin profitiert der Film von seiner Rätselhaftigkeit. In nuce: Teenage Sex and Death at Camp Miasma muss man erst einmal näher kommen, denn eine Entschlüsselung ist alles anders als einfach. Schoenbruns Film ist in der Gesamtheit damit besonders eines: clever. Wegen der Klarheit über die Beschaffenheit des vergangenen und modernen Kinos. Wegen der Verweigerung, Position zu beziehen und alles und jeden nach moralischen Kategorien einzuordnen. Schlichtweg, weil sein Kino sich der Fixierung auf das Subversive nicht verschreibt – und dennoch eine ganz eigene Art von Subversion an den Tag legt.

Fazit: Blutig und brillant – ein neuer Slasher-Klassiker!

Eindrücke von der Weltpremiere in Cannes.

Kinostart: 20. August 2026
Regie: Jane Schoenbrun
Darsteller: u.a. mit Hannah Einbinder und Gillian Anderson
FSK-Freigabe: unbekannt
Verleih international: Mubi / The Match Factory
Laufzeit: 2 St. 00 Min.

★★★★★★★☆


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