Kritik von Julian Bonsu
Eine etwas andere Neuinterpretation: The Death of Robin Hood von Michael Sarnoski
Fast seit der Geburt des Kinos ist Robin Hood eine Schlüsselfigur der Leinwand. Über die Jahre schlüpften schon Größen wie Errol Flynn, Sean Connery, Kevin Costner und Russell Crowe in die Rolle des gutherzigen Banditen und Bogenschützen. Mit dem diesjährigen Film, The Death of Robin Hood, hat Michael Sarnoski (A Quiet Place: Tag Eins) erneut einen Lebensabschnitt der berühmten Legende für die Leinwand adaptiert – dieses Mal mit Hugh Jackman als Held. Interessanterweise wird dieses berühmte Heldentum hier infrage gestellt, und Robin Hoods finales Kapitel wird mit einer ernsten, weitaus düsteren Wendung erzählt.
Für diese Dekonstruktion der Ikone ließ sich Sarnoski von einer englischen Ballade aus dem siebzehnten Jahrhundert inspirieren – in der es um das Lebensende des Gesetzlosen mit Gewissen geht. Der Regisseur verwandelt Robin in einen in die Jahre gekommenen, flüchtigen Antihelden, der seine Verbrechen keineswegs immer im Interesse der Unprivilegierten begangen hat. Nahe an seinem eigenen Ende holt ihn seine dunkle Vergangenheit ein, und er versucht, auf unerwartete Weise Erlösung zu finden.
Diese Reise zur Vergeltung ist jedoch zu Beginn von extremer Gewalt und Brutalität geprägt, die schockierend und für eine solche Produktion ziemlich ungewöhnlich ausfallen. Insbesondere Robin Hoods Gewalttätigkeit gegenüber sehr jungen Menschen – die er ausübt, um nicht selbst zum Racheopfer seiner Unbarmherzigkeit zu werden – ist erschütternd und für eine solche Produktion ungewöhnlich. The Death Of Robin Hood spielt im rauen Mittelalter, in einer groben, rüden Welt, und ähnelt atmosphärisch den trüben Perioden-Epen von Ridley Scott. Die Grausamkeit übertrifft aber viele andere Filme aus diesem Genre und könnte viele Zuschauer etwas überrumpeln.
Die zweite Hälfte hingegen schlägt eine komplett andere Stimmung an, fast so, als ob es sich um einen völlig anderen Film handeln würde. Der verletzte Robin hat nun Zuflucht auf einer abgelegenen Insel mit mysteriösen Bewohnern gefunden und kämpft innerlich mit seiner Vergangenheit. Atmosphärisch ist der Film zwar immer noch düster und blutig, nimmt aber eher melancholische Formen an. Die Hauptfiguren werden nun mit Themen wie Reue für vergangene Verbrechen, Sühne und Vergebung konfrontiert. Der Film wirkt ab diesem Punkt wie ein kontemplatives, langatmiges Historiendrama, das nun traditionellere Formen des Filmemachens annimmt – so konventionell, dass es manchmal fast an Langeweile angrenzt.
„People speak of Robin Hood. Tell his stories. They’are all lies.“
Zum Glück sorgen die gelungenen technischen Aspekte sowie die starke Besetzung dafür, dass man dennoch aufmerksam die etwas seltsame Handlung verfolgt. Die Kameraarbeit von Pat Scola ist großartig – er erweckt den rauen, mittelalterlichen Norden zum Leben und fängt ergreifende Nahaufnahmen der Darsteller ein. Die gelungene, dramatische Filmmusik von Jim Ghedi weckt ebenfalls große Emotionen. Dennoch merkt man schnell, dass hinter diesen bewegenden Bestandteilen nicht viel steckt. Das Drehbuch ist ernüchternd karg und die Motive der Figuren überzeugen nicht so recht. Obwohl Sarnoski die Haupthemen des Films früh deutlich macht, geht vieles am Ziel vorbei.
Diese erzählerischen Schwächen werden jedoch von der hochkarätigen Besetzung ausgeglichen – angeführt von dem sehr mitgenommen wirkenden Hugh Jackman. Keineswegs so charismatisch wie in anderen Darstellungen des edlen Gesetzlosen, zeigen Jackmans zottelige Erscheinung und seine Unnahbarkeit, dass er fest entschlossen ist, eine tiefgründige und unsympathische Version der Figur zu verkörpern. Dennoch ist seine Darstellung der bekannten Figur so ungewohnt, dass es das Publikum unvorbereitet treffen könnte – es dauert sicherlich einige Zeit, bis man sich auf diese neue Darstellung einlassen kann, wenn überhaupt. Die Schauspieler Bill Skarsgård und Murray Bartlett sind ebenfalls kaum wiederzuerkennen. Sie wirken so vertieft in ihre Rollen, dass es zu bedauern ist, dass das Material ihrem Engagement nicht gerecht wird. Wie in vielen anderen Filmen, in denen sie mitwirkt, stiehlt Jodie Comer allen die Show. Ihr Gesicht ist so ausdrucksstark und kann die verschiedensten Emotionen und Nuancen präzise vermitteln. Sie haucht Leben in eine ansonsten eindimensionale Figur. Sie passt sehr gut in Historienfilme, was sie bereits 2021 in Ridley Scotts The Last Duel bewiesen hat. Es wäre großartig gewesen, einen ähnlichen Film mit ihr an der Spitze zu sehen – allerdings mit einem fesselnderen Drehbuch.
Bis auf einige gute Details, wie die starken visuellen Elemente und die beachtliche schauspielerische Leistung, ist The Death of Robin Hood kein Film, der einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Es ist anerkennenswert, wie Michael Sarnoski mit jedem Werk beweist, dass er filmisch größere Dimensionen annehmen kann – ohne dabei seine Kernmotive wie Trauer, Tod oder Vergeltung aus den Augen zu verlieren. Er gibt einer berühmten Legende eine originelle und ungewöhnliche Wendung. Das Resultat bestätigt aber, dass es schwierig ist, eine weltbekannte, tugendhafte Figur gelungen neu zu interpretieren. Der intimere, ungefilterte und noch abseitiger wirkende Stil seines Debüts Pig (2021) bleibt seine bislang überzeugendste Regieleistung. Für Sarnoskis nächstes Projekt wünscht man sich schlichtweg wieder einen Film in diesem Sinne.
Kinostart: 18. Juni 2026
Regie: Michael Sarnoski
Darsteller: u.a. mit Hugh Jackman, Jodie Comer, Bill Skarsgård
FSK-Freigabe: ab 16
Verleih: DCM Filmdistribution
Laufzeit: 2 St. 02 Min.
★★★★☆☆☆☆
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