Kritik zu „The Wolf of Wall Street“: erstmals auf 4K Blu-ray

Kritik von Marc Trappendreher

Martin Scorsese und die Anziehungskraft des Geldes – The Wolf of Wall Street erstmals auf 4K Blu-ray

Es gibt nur wenige Filme des amerikanischen Gegenwartskinos, die so häufig missverstanden wurden wie Martin Scorseses The Wolf of Wall Street. Kaum ein anderer Film der vergangenen Dekade musste sich den Vorwurf gefallen lassen, die moralische Verwahrlosung seines Protagonisten zu verherrlichen. Dabei verkennt dieser Einwand den eigentlichen Kunstgriff der Inszenierung. Scorsese urteilt nicht über Jordan Belfort – er liefert den Zuschauer zunächst vollständig dessen Welt aus. Er macht die Mechanismen der Verführung nicht sichtbar, indem er sie von außen kommentiert, sondern indem er sie erfahrbar macht. Die außergewöhnliche Qualität dieses Films liegt darin begründet: Er erzählt nicht nur von der Gier, er produziert sie als ästhetische Erfahrung.

Dass Capelight Pictures diesem modernen Klassiker nun eine aufwendig ausgestattete 4K-Mediabook-Edition widmet, erscheint deshalb folgerichtig. Schon das Cover beweist ein bemerkenswertes Gespür für die Idee des Films. Statt auf die ikonischen Bilder des exzessiven Spektakels zu setzen, entscheidet sich das Artwork für Reduktion. Eine goldene, metallisch schimmernde Oberfläche dominiert die gesamte Front, darauf lediglich die Namen von Leonardo DiCaprio und Martin Scorsese, der Filmtitel sowie eine stilisierte amerikanische Flagge, deren Sternenfeld vollständig aus Dollarzeichen besteht. Prägnanter lässt sich Scorseses Blick auf den amerikanischen Traum kaum formulieren. Nicht Freiheit, Demokratie oder nationale Identität bilden das Zentrum dieser Ikonografie, sondern das Kapital selbst. Das Gold wirkt dabei beinahe sakral – weniger wie dekoratives Edelmetall als vielmehr wie die Oberfläche eines Altars. Bereits das Mediabook formuliert damit jene These, die Scorseses Film über nahezu drei Stunden entfaltet: Geld ist in dieser Welt nicht Mittel zum Zweck, sondern Gegenstand religiöser Verehrung, Geld ist die Welt.

Diese religiöse Dimension durchzieht Scorseses Werk seit Jahrzehnten. Seine Filme erzählen von Schuld und Sühne, von Versuchung und Erlösung, nur haben sich die Orte des Glaubens verändert. Wo früher Kirchen, Beichtstühle oder die Straßen Little Italys den moralischen Raum bestimmten, erhebt sich nun das Börsenparkett zur Kathedrale des Spätkapitalismus. Stratton Oakmont ist kein gewöhnliches Großraumbüro. Es gleicht einem Tempel, in dem der tägliche Börsenhandel liturgischen Charakter annimmt, Motivationsreden wie Predigten zelebriert werden und ausschweifende Orgien den Rang religiöser Rituale erhalten. Selbst Belforts minutiös geplanter Drogenkonsum folgt einem zeremoniellen Ablauf, dessen Wiederholung weniger an Sucht als an ein Glaubensbekenntnis erinnert. Geld wird zur metaphysischen Kategorie, zum Versprechen von Freiheit, Identität und Erlösung zugleich.

Gerade deshalb verweigert Scorsese jede vorschnelle moralische Distanz. Die Kamera bleibt nahezu ununterbrochen an Jordan Belforts Seite. Sie erhebt sich nicht über ihn, sondern übernimmt seine Wahrnehmung. Der permanente Voice-over-Kommentar besitzt dabei eine entscheidende Funktion: Er macht den Zuschauer zum Komplizen. Belfort erklärt seine Methoden mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der keinerlei Zweifel an seinem Handeln kennt. Seine Direktansprachen durchbrechen immer wieder die vierte Wand, als wolle er das Publikum nicht bloß unterhalten, sondern aktiv in sein Geschäftsmodell einweihen. Dadurch entsteht eine eigentümliche Form der Identifikation. Man beobachtet Belfort nicht, man bewegt sich mit ihm durch diese Welt, übernimmt für einen Moment seinen Blick auf Geld, Erfolg und Macht.

Unterstützt wird dieser Sog durch eine geradezu exzessiv-atemlose filmische Form. Thelma Schoonmakers Schnitt kennt kaum Momente des Stillstands. Musik, Kamerafahrten und Dialoge verschmelzen zu einem Rhythmus permanenter Beschleunigung. Jede Szene scheint die vorherige noch übertreffen zu wollen. Aus dem Börsenhandel werden Bühnenshows, aus Verkaufsbesprechungen Massenspektakel, aus Firmenfeiern bacchantische Prozessionen. Die Körper verlieren ihre Individualität und werden Teil einer kollektiven Bewegung, die allein dem Wachstum dient. Nicht zufällig interessiert sich Scorsese dabei immer wieder für Geld als Materialität: Bündel von Banknoten, Gold, Luxusuhren, Sportwagen oder Yachten besitzen in seinen Bildern eine beinahe haptische Präsenz. Das Kapital erhält buchstäblich Gewicht.

„Let me tell you something. There’s no nobility in poverty. I’ve been a poor man, and I’ve been a rich man. And I choose rich every fucking time.“

Dennoch wäre es ein grober Irrtum, hierin eine Affirmation des Exzesses erkennen zu wollen. Gerade weil Scorsese den Zuschauer so tief in Belforts Welt hineinzieht, kann er deren Leere umso eindringlicher sichtbar machen. Immer wieder entstehen Momente eigentümlicher Irritation. Plötzlich verlangsamt sich der Rhythmus, eine Obersicht unterbricht das Geschehen, eine Zeitlupe friert den Rausch für wenige Sekunden ein oder ein Blues-Stück legt sich beinahe meditativ über die Bilder. In diesen Momenten öffnet sich ein Abstand zwischen Zuschauer und Figur. Der Exzess beginnt, sich selbst zu entlarven. Scorsese zelebriert ihn, ohne ihn zu affirmieren – gerade darin besteht die Dialektik seiner Inszenierung.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich diese Strategie in Belforts Verhältnis zur Wirklichkeit. Je größer sein Vermögen wird, desto stärker verliert er den Bezug zur physischen Realität. Er glaubt, seinen Sportwagen unbeschädigt nach Hause gefahren zu haben, obwohl dieser längst ein Totalschaden ist. Die Überfahrt mit der Yacht erscheint ihm als kalkulierbares Risiko und endet beinahe in einer Katastrophe. Der Film entwickelt daraus eine ebenso einfache wie tiefgründige Metapher: Wer ausschließlich in den abstrakten Bewegungen des Kapitals lebt, verliert irgendwann jede Fähigkeit, die reale Welt noch angemessen wahrzunehmen. Die eigentliche Blindheit Belforts besteht nicht in seiner Kriminalität, sondern in der Unfähigkeit, die Konsequenzen seines Handelns überhaupt noch zu erkennen.

Gerade deshalb endet The Wolf of Wall Street nicht mit einer moralischen Katharsis, sondern mit einem Blick in die Gesichter eines Publikums, das Belfort noch immer bewundert. In diesem Moment richtet sich Scorseses Blick endgültig nicht mehr auf den Betrüger, sondern auf die Gesellschaft, die ihn hervorgebracht hat. Nicht Jordan Belfort ist die eigentliche Hauptfigur des Films, vielmehr eine Kultur, die wirtschaftlichen Triumph höher bewertet als moralische Integrität. Darin liegt die eigentliche Pointe von The Wolf of Wall Street: Der Exzess endet nie, er verändert lediglich seine Gestalt. Aus dem Börsenmakler wird ein Verkaufstrainer, aus der Gier ein Erfolgsversprechen. Was bleibt, ist jene Verzückung der Verantwortungslosigkeit, in der Wohlstand jede Schuld zu absorbieren scheint und Erfolg zur letzten moralischen Rechtfertigung des Handelns wird.

Die neue Capelight-Edition trägt dem weitgehend übersehenen künstlerischen Rang dieses außergewöhnlich zeitgeistigen Films in jeder Hinsicht Rechnung. Die brillante 4K-Abtastung mit Dolby Vision und HDR10 verleiht den satten Farben, den luxuriösen Interieurs und Rodrigo Prietos kontrastreicher Bildgestaltung eine beeindruckende Plastizität. Ergänzt durch die Blu-ray, eine umfangreiche Bonus-Disc und das informative Booklet entsteht ein Mediabook, das den Film erstmals als einen der großen amerikanischen Filme des 21. Jahrhunderts würdigt. Denn als The Wolf of Wall Street 2013 erschien, lagen die Folgen der globalen Finanzkrise von 2008 noch deutlich in der Luft. Bankenrettungen, Spekulationsskandale und ein tief erschüttertes Vertrauen in die Finanzmärkte prägten den öffentlichen Diskurs. Obwohl Jordan Belforts Aufstieg bereits in den 1990er-Jahren spielt, wirkte seine Geschichte wie ein Kommentar – überaus harsch waren die zeitgenössischen Reaktionen auf die Provokation die Scorsese anbot.

The Wolf of Wall Street ist indes weit mehr als ein Film über die Finanzwelt. Er ist eine Anatomie des amerikanischen Kapitalismus, ein Werk über die Verführungskraft des Geldes und über die erschreckende Leichtigkeit, mit der Verantwortung im Glanz des Erfolgs verschwindet. Dass Capelight diese ebenso elegante wie symbolisch aufgeladene Edition veröffentlicht, passt daher hervorragend zu einem Film, dessen eigentliche Größe erst dort beginnt, wo der Rausch langsam nachlässt und der Blick auf das freigibt, was unter der goldenen Oberfläche verborgen liegt.

Dt. Kinostart: 16. Januar 2014
Auf 4K Blu-ray erhältlich ab: 8. Oktober 2026
Verleih 4K Blu-ray: Capelight Pictures
Technik 4K Blu-ray:
Sprachen: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1
Bildformat: 2,40:1 (4K, Dolby Vision, HDR10), 2,40:1 (1080p)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Regie: Martin Scorsese
Darsteller: u.a. mit Leonardo DiCaprio, Jonah Hill und Margot Robbie
FSK-Freigabe: ab 16
Laufzeit: 3 St. 0 Min.


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