There Will Be Blood (USA 2007) Kritik – Daniel Day-Lewis zwischen Gier und Größenwahn

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Ich sehe immer das Schlechte in den Menschen, Henry. Ich muss mich nicht erst völlig in sie vertiefen, um sie zu durchschauen. Ich vermehre meinen Hass über die Jahre, Stückchen für Stückchen.

Paul Thomas Anderson zählt inzwischen zu den besten und vielversprechendsten Regisseuren der jüngeren Filmgeschichte. Mit Boogie Nights von 1997 machte Anderson zum ersten Mal so richtig auf sich aufmerksam. Zwei Jahre später lieferte er mit Magnolia den Beweis dafür ab, dass er mehr als nur ein Talent ist. Anderson ist ein Meister und könnte schnell zu den besten Regisseuren überhaupt zählen. 2002 folgte Punch-Drunk-Love, leider konnte dieser nicht ganz mit den beiden ersten Meisterleistungen mithalten. Nun wurde es still um Anderson. Fünf Jahre hörte und sah man nichts von ihm, bis sein neues Werk vor den Türen stand: There Will Be Blood. Die Erwartungen waren hoch, Anderson musste seinen eigentlich perfekten Ruf wieder neu aufpolieren und Anderson polierte ihn auf Hochglanz. Denn There Will Be Blood ist vielleicht nicht nur Andersons bester Film, sondern zählt auch ohne weiteres zu den besten Filmen aller Zeiten.

There Will Be Blood ist absolut bildgewaltig und wuchtig. Die Oscar-prämierte Kameraarbeit von Robert Elswit fängt einige der eindrucksvollsten Aufnahmen der trockenen Weiten und der Arbeiten an den Ölquellen überhaupt ein. Aber There Will Be Blood verfügt neben seinen grandiosen Bildern auch über einen mehr als eindringlichen und verstörenden Soundtrack von Johnny Greenwood*. Immer wieder poltert das hypnotische Dröhnen durch die Boxen und prügelt auf den Zuschauer ein. Neben dieser brachialen Untermalung wird auf klassische Musik von Brahms gesetzt. Musik und Bilder befinden sich in erschreckendem Einklang und sorgen für eine der dichtesten, aber auch unangenehmsten Atmosphären überhaupt.

Jetzt das wahre Highlight des Films: Die Schauspieler, oder besser gesagt, der Hauptdarsteller. Mit dem bereits mit Preisen überschütteten Daniel Day-Lewis hat sich Paul Thomas Anderson einen der besten und wandlungsfähigsten Schauspieler überhaupt ausgesucht. Und die Rechnung geht natürlich auf. Was Day-Lewis hier abliefert, ist kein Schauspiel mehr. Daniel Day-Lewis lebt diese Rolle, er wird zu Daniel Plainview mit jedem Atemzug. Dass Daniel Day-Lewis ein grandioser Schauspieler ist, dürfte den meisten ja bekannt sein, doch irgendwie hat er leider immer noch nicht den Stand erreicht, den er sich längst verdient hätte. Für seine Darstellung in There Will Be Blood sollte sich das ändern, denn Daniel Day-Lewis spielt hier mit einer Präzision, die nicht nur einmal angsteinflößend wirkt. Zum Glück ist die Academy 2008 nicht auf den Kopf gefallen und übergab Daniel Day-Lewis ohne Zweifel den Oscar für den besten Darsteller. Neben ihm glänzt aber auch Paul Dano. Dieser spielt den jungen Priester Eli Sunday, der sich im Laufe der Geschichte immer weiter entwickelt und das wahre Gesicht von Plainview früh erkennt. Auch Paul Dano verfügt über einen erstaunlichen Facettenreichtum und wird von Daniel Day-Lewis daher glúcklicherweise nicht gegen die Wand gespielt.

Paul Thomas Anderson begibt sich mit There Will Be Blood raus aus Los Angeles, raus aus der Großstadt und findet sich in der kargen Einöde der 19. Jahrhunderts wieder. Wir sehen Daniel Plainview, der sich als Schürfer versucht und sich trotz Einsturz der Mine und dem dadurch verursachten Beinbruch bis in die nächste Stadt kämpft – getrieben von seiner Gier. Doch das war nur der Anfang und er stößt auf Öl. Gier steht ihm wieder in den Augen geschrieben. Nach dem nächsten Unfall in der Ölgrube macht sich Daniel mit dem Jungen H.W. auf den Weg in die Stadt, auf die Suche nach Ölquellen. Als er das Land der Sunday-Familie kauft, nimmt das Chaos seinen Lauf und nur Eli Sunday scheint zu begreifen, was für ein Mann Daniel Plainview wirklich ist.

Daniel Plainview wird uns völlig Identitätslos vorgestellt. Wir wissen nicht woher er kommt und was ihn eigentlich ausmacht. Wir sehen ihn nur als Arbeitstier, immer weiter und immer mehr. Doch nachdem Plainview einen gewissen Rang durch seine Ölbohrungen erlangt hat, offenbart sich dem Zuschauer Stück für Stück die wahre Fratze. Denn er ist ein vollkommen gewissenloser Mensch. So gewissenslos, dass er ohne zu zögern seinen tauben Sohn wegjagt, ohne ihm auch nur einen Blick hinterher zu werfen. Er ist gnadenlos. So gnadenlos, dass er jedem Menschen, der sich ihm in den Weg stellt oder auch seine Meinung nicht teilt, mit seinem Zorn bestrafen wird. Nachdem er einmal von der Macht, die ihm geschenkt wurde, gekostet hat ist er nicht mehr zu sättigen. Jedem anderen Menschen der sich auch nur ansatzweise als Konkurrent darstellt, selbst wenn es der eigene Sohn ist, wünscht er den Tod.

Hier bleibt ganz besonders der letzte Dialog zwischen Vater und Sohn im Gedächtnis. Mit der eigentlich völlig offensichtlichen Wendung, die aber doch so nachhaltig wirkt, dass es den Zuschauer unglaublich bestürzt und schockiert: Plainview brauchte sein Kind, aber nicht weil er es liebt, sondern um von einem netten Gesicht an seiner Seite zu profitieren. Er muss sympathisch auf die anderen Menschen wirken, die er über den Tisch ziehen will. Familie ist ein Fremdwort für ihn. Er hasst die Menschen, jeden einzelnen. Die Momente der Wärme, zum Beispiel die Zugfahrt in der H.W. ein Baby ist und Daniel den Schnurrbart streichelt, waren alle nur Fassade? Alles vorgetäuscht? Wahrscheinlich. Daniel ist absolut gefühlskalt, innerlich längst erfroren. Einzig und allein zählt für ihn die Macht – die Kontrolle über die Ölquellen. Ein Ungeheuer, das sich nach flüssigem Gold zehrt. Eli Sunday sieht dieses furchtbare Gesicht schnell. Doch auch er verbirgt etwas, was die Menschen so nicht sofort sehen. Beide geben etwas anderes vor, als sie wirklich sind. Beide sind falsche Propheten, aber auf völlig unterschiedliche Weisen.

Wenn Plainview und Sunday am Ende wieder aufeinandertreffen, ist das ein Treffen der Gesichtslosen. Plainview ist inzwischen vollkommen vom Alkohol gezeichnet und ein menschliches Wrack und Sunday gibt den aufrechten Gläubigen. So aufrecht, dass er seinen Gott für Geld schnell verraten und verleugnen würde. Das Chaos ist vorbestimmt. Mit There Will Be Blood verlangt Anderson dem Zuschauer viel ab. Er bietet ihm keinerlei Identifikationsmöglichkeiten. Viel zu abtrünnig und fremd scheinen alle Charaktere, viel zu entfernt vom eigenen Standpunkt. Er schafft es aber, dass die Charaktere den Zuschauer direkt in ihren Bann ziehen und man gebannt auf den Bildschirm starrt, nur um zu wissen wie der nächste Schritt der Beteiligten aussehen wird. Er inszeniert eine Geschichte, getränkt in purem Neid und Missgunst. Gewürzt mit blankem Zorn und unbändiger Machtbesessenheit. Auch die Bibel kriegt ihr Fett weg, wenn auch nur in symbolischer Darstellung. All das zusammen kann nur ins Verderben und in erdrückende Einsamkeit führen.

Fazit:  Paul Thomas Anderson inszenierte mit There Will Be Blood einen kräftezehrenden, grausamen, durchweg verstörenden und düsteren Film, der die Frage nach Menschlichkeit immer wieder aufwirft. Mit seinen herausragenden Darstellern, allen voran Daniel Day-Lewis, dem unbarmherzigen Soundtrack und den fantastischen Bildern wird ‚There Will Be Blood zwar zu einem wirklich schwer gutierbaren Stück Filmgeschichte, aber auch gleichermaßen zu einem absoluten Kunst- und Meisterwerk.

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2 Comments

    • Danke 🙂
      Ich hab auch ne Kritik zu ‚No Country for Old Men‘ geschrieben. Im direkten Vergleich fand ich den auch schlechter 🙂 hat aber noch bärenstarke 9 Pkt bekommen.

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