Venedig-Kritik: Pearl (USA 2022)

– gesehen im Rahmen der 79. Filmfestspiele von Venedig 2022 –

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© A24

Nachdem Ti West mit dem herausragenden The Innkeepers (2011) effektiv das Thema Depression behandelte und zuvor mit The House of the Devil (2009) meisterhaft demonstrierte, dass sich guter (moderner) Horror nicht durch endlose Jump Scares und maximales Blutgespritze definieren muss, meldete sich das US-amerikanische Genre-As, viel zu lange nach den beiden Ausnahmewerken, dieses Jahr endlich mit einem neuen Schocker zurück: X, so der simple kurze Titel, lief in Deutschland nur für kurze Zeit in den Kinos und ist seit gestern, 2. September bereits fürs Heimkino erhältlich*. X stellt den für mich bisher besten Horrorfilm des Jahres dar.

X ist hierbei der bis dato fraglos referenziellste (und das hat was zu sagen) unter den drei Filmen und bezieht sich ähnlich übertrieben auf seine Vorbilder wie jüngst der neue Scream sowie der Texas Chainsaw Massacre von Netflix. Randnotizen zu Klassikern wie Alfred Hitchcocks Psycho (1960) oder Stanley Kubricks The Shining (1980) gibt es in X zur Genüge. Weder denkt Ti West den Spukfilm komplett neu wie mit The Innkeepers noch gelingt ihm eine dermaßen subtil-brachiale, unvergessliche Klimax wie mit The House of the Devil. Dessen ungeachtet beweist Ti West jedoch erneut, dass er den US-amerikanischen Horrorfilm versteht wie aktuell niemand sonst. X vermischt gekonnt, gleichsam grausam wie ironisch, Tobe Hoopers legendäres Kettensägenmassaker mit einem Pornodrehausflug, den sich alle Teilnehmer (darunter Suspiria-Darstellerin Mia Goth) etwas anders vorgestellt haben. Die Atmosphäre ist hierbei genauso sommerlich-schweißtreibend wie im zeitlosen 1974er Klassiker.

Ti West ist sich eben vollkommen dessen bewusst, dass er sich mit X nicht die Krone der Schöpfung aufsetzen möchte. Originell ist die Geschichte der jungen Truppe, welche in ein unerwartetes Blutbad gerät, nämlich höchstens insofern, wie nebenbei Generationenkonflikte und vor allem auch (Hütten-)Horrorklischees parodiert werden. Abheben kann sich Ti West auch, wie üblich, vor allem in Sachen Inszenierung. Dem Terminus „kurzer Prozess“ gibt er geradewegs ein neues Gesicht. Darüber hinaus versteht es Ti West vor allem, dass die Geschichte sich nicht vollkommen ernst nehmen muss, um ihre angsteinflößende Wirkung zu entfalten. Und so bietet X zwei fast durchgehend amüsante, schwarz-humorige, atmosphärisch packende Stunden, wie ich sie mir gerne öfters im Kino wünschen würde.

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Womit ich jetzt auch endlich zu Pearl komme. Parallel zu X hat Ti West nämlich einen zweiten Film gedreht, der erst vor einem Monat unerwartet mit einem Trailer als Prequel angekündigt wurde, in welchem, ohne zu viel zu spoilern, die Vorgeschichte einer der Charaktere aus X ins Rampenlicht gerückt wird. Mia Goth spielt hierbei nicht minder begeisternd auf als in ihrer Rolle in X. Beide Filme dienen Mia Goth als Bühnen für ihr ebenso bizarres wie emotional packendes Schauspiel. Ti Wests Double Feature ist die Mia Goth Show.

Was nun Pearl jedoch überraschender noch genialer macht als X ist, dass er eigentlich mehr ein tiefgründiges Drama mit Slasher-Elementen als umgekehrt darstellt. Die Stärken von X behält Ti West bei und setzt vor allem inhaltlich spannende Schwerpunkte. Herausgekommen ist am Ende nicht nur eine Coming-of-Age-Story mit wirklich fiesem schwarzen Humor und Morden, die nachwirken. Pearl ist dadurch, dass die Handlung zeitlich im Jahr 1918, also ein paar Jahrzehnte vor X angesiedelt ist, ein wirklich universeller lesbarer Kampf darum sich ein eigenes Leben aufbauen zu können, wenn auch mit der Gefahr, dass der eigene große Lebenstraum nie in Erfüllung gehen könnte. Die titelgebende Pearl möchte ein Tanz- und Filmstar werden, wie aus einem ihrer Lieblingsfilme, die sie ihre ganze Jugend lang begleitet haben. Doch wegen der blockierenden Lebenseinstellung ihrer Mutter und wegen des Wütens der spanischen Grippe in die Isolation getrieben, kommen immer mehr die dunklen Seiten von Pearls Persönlichkeit zum Vorschein. Ti West hat dieses Mal sowohl ein aufwühlendes Familiendrama als auch eine brandaktuelle Bestandsaufnahme über die negativen Folgen für die Gesellschaft und die persönlichen Rückschläge jedes Einzelnen durch die Einschränkungen der Corona-Krise gedreht.

Fazit: Im Falle von Ti West passt das Sprichwort „Schuster, bleib‘ bei deinem Leisten.“ wirklich ganz wunderbar. Zwar fand ich sowohl seinen Found-Footage-Film The Sacrament (2013) als auch seinen Western In a Valley of Violence (2016) beide noch okay. Doch nichts kann der in Delaware geborene Regisseur so gut, wie frischen Wind in den Horrorfilm zu bringen. Pearl ist wieder so clever und unterhaltsam wie X, nur noch besser. Ti West darf gerne weiterhin solch beispielhafte, lebhafte, relevante Horrorfilme voller neuer Akzente drehen.

Es steht leider noch nicht fest, ob bzw. wann Pearl in Deutschland im Kino erscheint.

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