Kritik von Marc Trappendreher

Der Klang einer zerrissenen Gesellschaft – West Side Story erstmals auf 4K Blu-ray
Mit dem limitierten 4K-Mediabook von Capelight Pictures kehrt West Side Story in einer Edition zurück, die einem der größten Klassiker des amerikanischen Kinos gerecht wird – ein Film, dessen Bedeutung weit über das Musicalgenre hinausreicht. Mehr als sechs Jahrzehnte nach seiner Premiere hat Robert Wises und Jerome Robbins’ Meisterwerk nichts von seiner Kraft eingebüßt – besonders heute erscheint er mehr denn je als eine schmerzhafte Bestandsaufnahme einer Gesellschaft, deren Versprechen von Freiheit und Gleichheit immer wieder an den Grenzen von Herkunft, Hautfarbe und sozialem Status zerbrechen. Und es ist die Geschichte einer Liebe entgegen aller Widerstände: West Side Story erzählt die tragische Liebesgeschichte von Tony (Richard Beymer), einem ehemaligen Mitglied der Straßengang Jets, und Maria (Natalie Wood), der Schwester des Sharks-Anführers Bernardo (George Chakiris). Während die Rivalität zwischen den Jets und den puerto-ricanischen Sharks immer weiter eskaliert, kämpfen die beiden Liebenden vergeblich gegen Hass, Vorurteile und Gewalt an. Anitas (Rita Moreno) Schicksal trägt schließlich dazu bei, dass die Ereignisse in einer erschütternden Tragödie münden. Die Verlagerung von William Shakespeares Romeo und Julia in das New York der Fünfzigerjahre bietet den Spiegel der Geschichte Amerikas in all ihrer Widersprüchlichkeit: Es ist je nach Perspektive die Geschichte des hoffnungsvollen Glaubens an ein Werden – oder die des Aufdeckens der großen Lüge des Schmelztiegels der Kulturen, die die Nation Amerika hervorbrachte.
Vergegenwärtigt man sich zudem, dass der Film in einer Zeit entstand, in der die gesetzlich verankerte Rassentrennung – insbesondere in den Südstaaten – noch Bestand hatte und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung ihren Höhepunkt erst erreichen sollte, gewinnt seine Kritik an Ausgrenzung und Vorurteilen zusätzliche gesellschaftliche Schärfe. Leonard Bernstein und Robbins vertrauen dabei ganz auf die Kraft der Musik und der Bewegung. Schon die berühmte Eröffnungssequenz macht klar, dass hier nicht bloß getanzt wird. Jeder Schritt, jede Drehung und jedes Fingerschnippen markiert Territorien, demonstriert Macht oder provoziert den Gegner. Die Choreografie ersetzt Dialoge, lässt Aggressionen sichtbar werden und verwandelt Straßenzüge in Bühnen, auf denen gesellschaftliche Spannungen körperlich ausgetragen werden. Gewalt beginnt hier lange bevor das erste Messer gezogen wird. Robert Wise gelingt dabei ein faszinierender Balanceakt zwischen Realismus und Stilisierung. Die heruntergekommenen Straßenzüge New Yorks wirken greifbar und authentisch, zugleich bleibt jede Einstellung bewusst komponiert. Häuserfassaden werden zu Kulissen, Hinterhöfe zu Tanzflächen und Feuerleitern zu romantischen Balkonen. Wo andere Musicalverfilmungen den Alltag in eine Traumwelt verwandeln, holt West Side Story den Alltag selbst auf die Bühne. Das Leben wird zum Tanz – und der Tanz zum Ausdruck einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, aus der es für viele Figuren keinen Ausweg gibt.
Diese Verbindung von Kunst und Realität spiegelt sich ebenso eindrucksvoll in Bernsteins Musik wider. Sie vereint europäische Klassik, amerikanischen Jazz und lateinamerikanische Rhythmen zu einer Partitur, die niemals bloße Untermalung bleibt. Zwischen lyrischen Nummern wie Maria oder Somewhere und der explosiven Energie von America oder Gee, Officer Krupke entfaltet sich ein musikalisches Spannungsfeld, das die kulturellen Gegensätze des Films hörbar macht. Harmonie wird stets angestrebt, aber immer wieder durchbrochen. Selbst in den romantischsten Momenten liegt bereits die Ahnung der kommenden Tragödie.
Gerade darin unterscheidet sich West Side Story von vielen anderen Musicals seiner Zeit. Wo das Genre traditionell oft Trost, Optimismus und Happy Ends versprach, führt dieser Film konsequent in die Katastrophe. Tony und Maria scheitern nicht an persönlichen Fehlern, sondern an einer Gesellschaft, die Vorurteile, Hass und Gewalt längst verinnerlicht hat. Jeder Versuch, den Kreislauf zu durchbrechen, beschleunigt letztlich nur den Untergang. Die Liebesgeschichte wird dadurch zum Sinnbild einer Nation, deren großes Versprechen vom friedlichen Zusammenleben immer wieder an ihren eigenen Widersprüchen zerbricht.
„When you’re a Jet, you’re a Jet all the way! From you’re first cigarette, To you’re last dyin’ days…“
Auch schauspielerisch überzeugt der Film bis heute. Richard Beymer verleiht Tony eine glaubwürdige Mischung aus Naivität und Hoffnung, während Natalie Wood Maria mit großer Wärme spielt. Dass ihre Gesangsstimme von Marni Nixon stammt, schmälert die emotionale Wirkung keineswegs. Im Gegenteil: Die perfekte Verschmelzung von Schauspiel und Gesang gehört zur besonderen Ästhetik des klassischen Hollywood-Musicals. Und dann gibt es Rita Moreno, deren Anita den Film mit Energie, Stolz und Lebensfreude erfüllt. Ihre Oscar-prämierte Darstellung gehört zu den großen Nebenrollen der Filmgeschichte und verleiht den Konflikten des Films eine menschliche Dimension, die weit über stereotype Figurenzeichnungen hinausgeht. Bemerkenswert ist außerdem, wie differenziert der Film seine Nebenfiguren behandelt. Die Gangs erscheinen nie als eindimensionale Schurken, sondern als junge Menschen, die zwischen Perspektivlosigkeit, Gruppenzwang und verletztem Stolz gefangen sind. Selbst die komödiantischen Momente besitzen einen bitteren Unterton. Wenn Gee, Officer Krupke die Versuche persifliert, Jugendkriminalität mit einfachen psychologischen Erklärungen zu entschuldigen, zeigt sich, wie klug das Musical gesellschaftliche Beobachtung und Unterhaltung miteinander verbindet.
Nicht minder prägnant ist America, dessen bissige Liedtexte die Hoffnungen puerto-ricanischer Einwanderer mit den Erfahrungen von Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung konfrontieren. Bernstein übersetzt diesen Gegensatz unmittelbar in Musik: Ein unaufhörlich pulsierender lateinamerikanischer Rhythmus, scharf akzentuiertes Schlagwerk und markante Blechbläser verleihen dem Stück eine mitreißende, zugleich fast aggressive Energie. Der musikalische Schlagabtausch zwischen Anita und Bernardo sowie die zwischen überschäumender Festlichkeit und schneidender Konfrontation oszillierende Orchestrierung machen die gesellschaftlichen Widersprüche des amerikanischen Traums nicht nur hör-, sondern unmittelbar spürbar. Dass West Side Story auch heute nichts von seiner Wucht verloren hat, liegt genau an dieser Vielschichtigkeit. Der Film ist Liebesgeschichte, Gesellschaftsdrama, Oper, Musical und Straßentragödie zugleich. Er erzählt von Rassismus, sozialer Ungleichheit und dem Wunsch nach einem besseren Leben, ohne seine Figuren jemals auf politische Symbole zu reduzieren. Stattdessen bleibt er zutiefst menschlich. Vielleicht erklärt gerade das seine zeitlose Wirkung: Hinter jeder großen Musicalnummer stehen Menschen, die lieben, hoffen und scheitern.
Mit dem aufwendig ausgestatteten limitierten 4K-Mediabook legt Capelight Pictures diesem Meilenstein nun eine Veröffentlichung vor, die seinem Rang gerecht wird. Lohnenswertes restauriertes Bildmaterial (der Unterschied zur bisherigen Blu-ray ist gewaltig), spannende Extras und ein hochwertiges Booklet machen die Edition zu einer Empfehlung für Sammler und Filmliebhaber gleichermaßen. Gleichzeitig bietet sie den perfekten Anlass, einen Klassiker neu zu entdecken. Wer den direkten Vergleich ziehen möchte, findet mit Steven Spielbergs Neuverfilmung von 2021 eine bemerkenswert respektvolle Neuinterpretation des Stoffes. Spielberg modernisiert die Erzählung behutsam, legt den Fokus noch stärker auf die sozialen und historischen Hintergründe der Figuren und inszeniert die Musicalnummern mit beeindruckender visueller Eleganz. Doch so gelungen diese Neuverfilmung auch ist, bleibt Robert Wises Original der unerreichte Maßstab – ein Film, dessen künstlerische Kraft und gesellschaftliche Aussage auch mehr als sechs Jahrzehnte später noch tief berühren.
Der Film wird auf der 4K-UHD-Disc in nativer 4K-Auflösung mit HDR10 sowie Dolby Vision präsentiert – eine 4K-Restaurierung, die sich wirklich lohnt. Die deutsche und englische Tonspur profitieren beide von einer DTS-HD Master Audio 5.1-Abmischung.
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Dt. Kinostart: 13. September 1962
Auf 4K Blu-ray erhältlich ab: 20. August 2026
Verleih 4K Blu-ray: Capelight Pictures
Regie: Robert Wise, Jerome Robbins
Darsteller: u.a. mit Natalie Wood, Richard Beymer und George Chakiris
FSK-Freigabe: ab 12
Laufzeit: 2 St. 33 Min.
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