Kritik zu „Wie ein wilder Stier“: Der beste Boxerfilm neu in 4K

Kritik von Marc Trappendreher

Der beste Boxerfilm aller Zeiten – Martin Scorseses Wie ein wilder Stier erstmals auf 4K Blu-ray

Ein Boxring ist ein seltsamer Ort. Er ist Bühne und Schlachthaus zugleich, ein Raum, in dem jede Bewegung beobachtet wird und jeder Treffer ein Gewaltakt ist. Schweiß, Blut und Blitzlicht verschmelzen zu einem Schauspiel, dessen Brutalität sich nicht allein in den Schlägen offenbart, sondern in den Gesichtern der Menschen, die sie austeilen und ertragen. Martin Scorseses Wie ein wilder Stier (Raging Bull, 1980) beginnt genau dort, wo andere Boxerfilme enden: nicht mit dem Triumph eines Helden, sondern mit der Einsamkeit eines Mannes, der sich längst selbst zum härtesten Gegner geworden ist. Mehr als vier Jahrzehnte nach seiner Premiere erscheint dieses außergewöhnliche Werk nun auch endlich erstmals in Deutschland in einer hochwertigen 4K-Mediabook-Edition von Capelight Pictures.

Die Geschichte basiert auf den Memoiren des Mittelgewichtsboxers Jake LaMotta, verkörpert von Robert De Niro in einer seiner eindrucksvollsten Darbietungen. LaMotta kämpft sich in den 1940er- und 1950er-Jahren an die Spitze des amerikanischen Boxsports, doch jeder Erfolg im Ring wird von Niederlagen außerhalb begleitet. Von krankhafter Eifersucht zerfressen, zerstört er nach und nach die Beziehung zu seiner Ehefrau Vickie (Cathy Moriarty), entfremdet sich von seinem Bruder Joey (Joe Pesci) und verliert schließlich alles, was seinem Leben Halt hätte geben können.

Scorsese interessiert sich dabei bemerkenswert wenig für den klassischen Aufstieg eines Sportidols. Wie ein wilder Stier verweigert konsequent die Mechanismen des Motivationskinos. Siege fühlen sich nie wie Erlösung an, Niederlagen besitzen keine reinigende Wirkung. Stattdessen zeichnet der Film das Porträt eines Mannes, der unfähig ist, Nähe zuzulassen. LaMottas Kämpfe beginnen lange bevor die Ringglocke ertönt – in seinem Misstrauen, seiner Unsicherheit und seinem unstillbaren Bedürfnis nach Kontrolle. Die körperliche Gewalt ist lediglich die sichtbare Oberfläche einer viel tiefer liegenden Selbstzerstörung. Gerade hierin offenbart sich eine Grundidee des Boxerfilms. Der Ring dient selten ausschließlich als Austragungsort sportlicher Rivalität; vielmehr wird er zur Projektionsfläche innerer Konflikte.

Die Auseinandersetzung mit dem Gegner spiegelt stets einen Kampf gegen die eigenen Ängste, Obsessionen und Verletzungen. Ebenso jüngere Beispiele wie The Boxer (1997), The Wrestler (2009) oder The Smashing Machine (2023) bedienen diesen Konfliktpunkt fortwährend über den Kampfsport, indes hat kaum ein anderer Film dieses Motiv eindringlicher formuliert als Wie ein wilder Stier. Bereits die berühmte Eröffnung, in der Jake LaMotta einsam im Ring schattenboxt, verdichtet diese Idee zu einem ikonischen Bild. Der imaginäre Gegner steht für den eigentlichen Konflikt des Films: LaMotta kämpft nicht gegen den Mann vor sich, sondern gegen sich selbst. Seine Ausbrüche im Ring sind deshalb weniger Ausdruck sportlicher Dominanz als Symptome eines Mannes, der seine innere Zerrissenheit ausschließlich über körperliche Gewalt artikulieren kann.

Diese Perspektive spiegelt sich auch in der Inszenierung wider. Michael Chapmans kontrastreiche Schwarzweißfotografie verleiht dem Film eine zeitlose Qualität und löst ihn bewusst aus der Ästhetik des klassischen Sportfilms. Die Ringkämpfe wirken weniger dokumentarisch als subjektiv. Zeitlupen, extreme Nahaufnahmen und ein präzise komponiertes Klangbild verwandeln sie in psychologische Zustände. Faustschläge hallen wie Explosionen nach, Kamerabewegungen folgen nicht der Logik des Sports, sondern der Wahrnehmung der Figuren. Der Ring wird dadurch zu einem inneren Raum, in dem sich Wut, Angst und Selbsthass materialisieren – zu einer Bühne, auf der jeder Schlag letztlich den Mann trifft, der ihn austeilt.

„So give me a… stage / Where this bull here can rage / And though I could fight / I’d much rather recite /… that’s entertainment.“

Robert De Niros Darstellung zählt nicht ohne Grund zu den großen Schauspielerleistungen der Filmgeschichte. Für die späteren Lebensabschnitte nahm er rund dreißig Kilogramm zu und verlieh LaMottas körperlichem Verfall eine erschütternde Authentizität. Doch noch beeindruckender als diese äußerliche Transformation ist die emotionale Präzision seiner Darstellung. De Niro spielt LaMotta als zutiefst beschädigten Menschen, dessen größte Tragödie darin besteht, dass er seine eigenen Schwächen ausschließlich in anderen erkennt. Joe Pesci setzt dazu einen ruhigen Gegenpol. Sein Joey versucht immer wieder zu vermitteln, scheitert jedoch an einem Bruder, dessen Misstrauen jede Form von Loyalität zerstört.

Cathy Moriarty wiederum verleiht Vickie eine stille Präsenz, die den männlich dominierten Kosmos des Films umso deutlicher als Gefängnis erscheinen lässt. Die anhaltende Modernität des Films liegt darin begründet. Scorsese erzählt keine Geschichte über Männlichkeit als Stärke, sondern über Männlichkeit als fragile Konstruktion. LaMotta definiert seinen Wert ausschließlich über Dominanz, körperliche Überlegenheit und Besitzansprüche. Sobald diese Gewissheiten ins Wanken geraten, schlägt sein Bedürfnis nach Kontrolle in Gewalt um. Wie ein wilder Stier entlarvt dieses Denken, ohne seinen Protagonisten zu entschuldigen. Der Film beobachtet ihn mit einer beinahe dokumentarischen Konsequenz und macht sichtbar, wie eng Erfolg und Scheitern, Ruhm und Einsamkeit miteinander verbunden sein können.

Mit der limitierten Mediabook-Edition präsentiert Capelight Pictures dieses Meisterwerk nun in einer Form, die seiner filmhistorischen Bedeutung gerecht wird. Übernommen wurde hierbei das Master der 4K-Blu-ray von Criterion Collection, jedoch führte Capelight Pictures nochmals eine eigene Encodierung durch. Hierzulande erscheint die Scheibe mit HDR10 und zudem exklusiv mit Dolby Vision. Der 4K-Transfer bringt die feinen Abstufungen der Schwarzweißfotografie eindrucksvoll zur Geltung und bewahrt zugleich den organischen Filmcharakter. Ergänzt wird die Veröffentlichung durch die restaurierte Blu-ray, eine umfangreiche Bonus-Disc mit Dokumentationen, Interviews und Hintergrundmaterial sowie ein ausführliches Booklet, das den Entstehungsprozess und die Bedeutung des Films vertieft. Abgerundet wird die Edition durch das hochwertige Mediabook mit Tintoretto-Einband, dessen strukturierte Oberfläche den Sammlercharakter zusätzlich unterstreicht.

Auch mehr als vierzig Jahre nach seiner Entstehung besitzt Wie ein wilder Stier nichts von seiner Schlagkraft verloren. Scorseses Film ist weit mehr als ein Boxerdrama – er ist eine eindringliche Studie über Selbstzerstörung, verletzten Stolz und die Unfähigkeit, Liebe anzunehmen. Gerade weil der Film jede einfache Katharsis verweigert, entfaltet er bis heute eine seltene emotionale Kraft. Die neue 4K-Edition von Capelight Pictures bietet den passenden Anlass, dieses außergewöhnliche Werk neu zu entdecken – nicht als Geschichte eines Champions, sondern als schonungsloses Porträt eines Menschen, der gegen seinen gefährlichsten Gegner niemals gewinnen konnte.

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Dt. Kinostart: 12. März 1981
Auf 4K Blu-ray erhältlich ab: 3. September 2026
Verleih 4K Blu-ray: Capelight Pictures
Technik 4K Blu-ray:
Sprachen: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1, Deutsch PCM 2.0, Englisch PCM 2.0
Bildformat: 1,85:1 (4K, Dolby Vision, HDR10, Schwarz-Weiß), 1,85:1 (1080p, Schwarz-Weiß)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Regie: Martin Scorsese
Darsteller: u.a. mit Robert De Niro und Joe Pesci
FSK-Freigabe: ab 16
Laufzeit: 2 St. 9 Min.

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