Kritik von Julian Bonsu

In Topform, was auch sonst: Wild Horse Nine von Martin McDonagh
Martin McDonagh ist bekannt für seine beißfreudigen schwarzen Komödien, die zugleich als Kritik an politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Problemen und Verwerfungen dienen. In seinem letzten Film The Banshees of Inisherin (2022) schilderte er die wehmütige Auflösung einer Freundschaft, die an verletztem Stolz zerbricht. Dieser Film lässt sich als Allegorie für den irischen Bürgerkrieg lesen, der das Land in den 1920er-Jahren zerspaltete. Und sein Film Three Billboards Outside Ebbing, Missouri aus dem Jahr 2017 kommentiert die Ungerechtigkeiten (Polizeiversagen, Korruption) im Umgang mit der Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Frau im ländlichen Missouri. Mit seinem neuesten Werk Wild Horse Nine richtet er seinen Blick erneut auf Amerika – diesmal auf die internen Machenschaften der CIA und deren Beteiligung beim Sturz der Regierungen anderer Länder, in diesem Fall Chile.
„We came here to destabilise your democracy.” Wild Horse Nine folgt Chris (John Malkovich), einem in die Jahre gekommenen CIA-Agenten, der im Jahr 1973 in Santiago de Chile stationiert ist. Gemeinsam mit seinem langjährigen Kollegen Lee (Sam Rockwell) wird er in das abgelegene chilenische Territorium Rapa Nui, auch Osterinsel genannt, entsannt. Dort richtet der todkranke Chris, der zudem unter Gedächtnisverlust leidet, heilloses Chaos an.
Chris, der seit dem Beginn des Kalten Krieges am Sturz mehreren Regierungen beteiligt war, ist zunehmend desillusioniert von den vermeintlichen Vorteilen der Innen- und Außenpolitik seiner Regierung. Schon seit langem ist ihm bewusst, dass sein Handeln den Menschen, für dessen vermeintliche Befreiung er kämpfen sollte, nicht immer zugutekam. Darüber hinaus realisiert er, dass die von den USA unterstützten Staatsstreiche zu weitaus schlimmeren Regimen in den jeweiligen Ländern führen können. Angesichts seines bevorstehenden Todes und geplagt von Reue über die Verbrechen, die er im Laufe seiner Karriere begangen hat, beginnen sich Chris’ Loyalitäten zu verschieben. Auch wenn er den Lauf der Ereignisse in Chile nicht mehr ändern kann, hinterfragt er diese und schließt Freundschaften mit Menschen, mit denen er nur wenig gemeinsam hat.
Diese Verbindungen entstehen mit einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von Menschen – und es zeigt sich (mal wieder), dass Martin McDonagh ein echtes Talent dafür hat, schrullige Figuren zu schreiben und in Szene zu setzen, die nicht nur amüsant sind, sondern auch noch lange nach dem Kinobesuch in Erinnerung bleiben. Diese Figuren wirken zu Beginn wie Karikaturen, die für bestimmte Moralvorstellungen und Ideologien stehen. Doch durch die geniale Besetzung und die pointierten Dialoge gewinnen sie zunehmend an Tiefe und werden zu vielschichtigen, unterhaltsamen Charakteren, die einem irgendwie auch ans Herz wachsen.
Chris’ wichtigste Verbindung besteht zu seinem langjährigem Arbeitskollegen Lee. Von Anfang an verbindet die beiden eine Kameradschaft, die auf gegenseitigen Spötteleien beruht. Im Laufe des Films jedoch wird deutlich, wie eng die beiden mittlerweile verbunden sind: sie sorgen sich umeinander, philosophieren über Träume und Reue und vertrauen einander sogar ihr Leben an. Lee geht so weit, sein eigenes Leben und das seiner Frau, gespielt von einer herrlich nörgelnden Parker Posey, für seinen Freund aufs Spiel zu setzen.
„I’ve killed people in countries you can’t even spell.”
Chris freundet sich außerdem mit zwei Studentinnen, Monica (Mariana di Girólamo) und Alicia (Ailín Salas), an. Die beiden könnten für die Ideale und den Optimismus der neuen marxistischen Regierung stehen, die laut Chris bald gestürzt werden soll. Vor allem Monica ist voller Hoffnung und fest entschlossen, für ein besseres, demokratischeres Chile zu kämpfen. Chris versucht, sie mit der Realität zu konfrontieren, was bei ihr zu einem emotionalen Ausbruch führt. Alicia hingegen könnte für einen bestimmten Teil der Bevölkerung stehen, der sich als weitaus weniger idealistisch erweist.
Steve Buscemi verkörpert den klassischen Disney-esken Bösewicht. Er ist der Leiter der CIA in Chile und würde vor nichts zurückschrecken, um Chris vor dessen Tod ein wichtiges Geheimnis zu entlocken. Buscemi geht in seiner Rolle voll auf und haut eine gehässige Bemerkung nach der anderen heraus. Chris’ Humor und seine Ansichten können allerdings durchaus ebenfalls befremdlich wirken. Er gehört einer bestimmten Generation an und vertritt veraltete Denkweisen. Für politische Korrektheit hat er wenig übrig und er eckt gegen Jüngere an. Seine spöttische Geringschätzung der uralten Statuen der Rapa Nui, sowie Aussagen wie „In deinem Alter solltest du das Wort ‚Indigen’ überhaupt nicht kennen.” können äußerst unangenehm sein. Tatsächlich wurden McDonaghs vergangene Filme mitunter dafür kritisiert, unsensibel zu sein und Minderheiten nicht den gebührenden Respekt entgegenzubringen – was natürlich Unfug ist.
In Chris’ Denkweise gibt es eine Entwicklung, die ihn allmählich in einem anderen Licht erscheinen lässt. Obwohl er Pessimist bleibt, beginnt er, sich mit dem Rassismus und den Ungerechtigkeiten der Welt, sowie seiner eigene Rolle bei deren Aufrechterhaltung auseinanderzusetzen. Trotz seiner mangelnden Sensibilität entwickelt er zunehmend Selbstreflexion und beginnt, sich mit der Wahrheit über sein eigenes Handeln auseinanderzusetzen. Besonders eindringlich ist seine Äußerung über seine Beteiligung am politischen Untergang und Tod des kongolesischen Premierministers Patrice Lumumba. In einer derart langen und vielseitigen Karriere ist dies zweifellos eine von John Malkovichs besten schauspielerischen Leistungen. Er verleiht Chris zahllose unsympathische Eigenschaften, aber zugleich auch viele Momente herzzerreißender Ehrlichkeit. Wie er McDonaghs Worte vorträgt, sorgt an manchen Stellen für Gänsehaut. Auch seine melancholischen Momente und seine allmähliche Verbundenheit mit der Insel und den Wildpferden – von Ben Davis (der Stammkameramann von McDonagh seit 7 Psychos) wunderschön in Szene gesetzt – sind zutiefst bewegend. Die Honorierung mit dem Preis für den besten Schauspieler in Venedig ist mehr als verdient.
Wild Horse Nine hat bei den diesjährigen Oscars durchaus Chancen. John Malkovich ist zweifellos die tragende Säule. Der Film überzeugt außerdem mit einem prägnanten Szenenbild, das die Jetset-Nostalgie der 1970er-Jahre hervorruft, zeittypischen Kostümen und einer beeindruckenden Kameraarbeit. Carter Burwells Filmmusik ist an manchen Stellen wunderbar verspielt und ruft an anderen Stellen starke Emotionen hervor. Auch Martin McDonagh könnte ein Kandidat sein – nicht nur für sein brillantes Drehbuch, sondern möglicherweise auch für seine Regiearbeit. Der Film könnte zudem auch für den neuen Casting-Oscar nominiert werden. Besonders die Chemie zwischen den verschiedenen Filmfiguren bleibt im Gedächtnis. Die Besetzung besteht aus einer spannenden Mischung jungen, noch relativ unbekannter SchauspielerInnen und etablierten Hollywood-VeteranInnen.
Wild Horse Nine ist zugleich urkomisch und traurig. Er bietet clevere, humorvolle Unterhaltung, die als Drama über Krankheit und Buße ebenfalls grandios funktioniert. Zugleich ist der Film ein Kommentar zur US-Außenpolitik der 1970er-Jahre, aber natürlich auch eine Betrachtung unserer heutigen Welt. Wild Horse Nine ist ein Film, der dazu anregt, mehr über die politischen Verhältnisse in von aktuellen Unruhen geprägten Teilen der Welt erfahren zu wollen. Alles in allem ein weiteres Glanzstück im Schaffen des britisch-irischen Regisseurs, der seit Six Shooter und Brügge sehen … und sterben? wie kein anderer beweist, dass sich tiefschwarzer Humor, existenzielle Verzweiflung und menschliche Abgründe zu ebenso bissigen wie berührenden Geschichten für die große Leinwand verbinden lassen.
Kinostart: 12. November 2026
Regie: Martin McDonagh
Darsteller: u.a. mit Sam Rockwell, John Malkovich und Steve Buscemi
FSK-Freigabe: unbekannt
Verleih: Searchlight Pictures / Walt Disney Germany
Laufzeit: 1 St. 58 Min.
★★★★★★★☆
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