Kritik zu „Wolfen“: vergessener Horror-Krimi von 1981 erstmals auf Blu-ray

Kritik von Marc Trappendreher

Horror als Großstadtparabel: Wolfen (1981) erstmals auf Blu-ray

Das Kinojahr 1981 brachte gleich drei Filme hervor, die das Genre des Tierhorrors prägten: The HowlingAn American Werewolf in London – und Wolfen von Michael Wadleigh, der nun bei Plaion Pictures im deutschsprachigen Raum erstmals auf Blu-ray erschienen ist. Während die ersten beiden mit Verwandlungseffekten und ironischem Ton zu Klassikern des Werwolf-Films wurden, blieb Wadleighs Werk ein Außenseiter. Doch gerade darin liegt heute seine Faszination: Wolfen ist kein gewöhnlicher Horrorfilm, sondern eine düstere Allegorie auf urbane Hybris und die Gewalt des Fortschritts.

Im Battery Park von New York werden mehrere Leichen entdeckt – zerrissen, als hätte ein Tier zugeschlagen. Unter den Toten befindet sich ein prominenter Immobilienentwickler. Detective Dewey Wilson (Albert Finney), ein abgekämpfter Cop mit wachem Blick, übernimmt den Fall. Unterstützung erhält er von der Psychologin Rebecca Neff (Diane Venora). Ihre Ermittlungen führen sie durch alle Schichten der Stadt: von gläsernen Bürotürmen über verlassene Kirchen bis tief hinein in die verwüstete Bronx. Bald stoßen sie auf Mythen von „Wolfen“ – geheimnisvollen Wolfs-Wesen, die seit Jahrhunderten in den Schatten der Menschen leben.

Der entscheidende Unterschied zu anderen Filmen seiner Zeit: Wolfen erzählt keine klassische Werwolf-Geschichte. Es gibt keine Verwandlung und auch keinen Fluch. Die titelgebenden Tiere sind eine eigenständige, intelligente Art – älter als die Stadt, verwurzelt in der Natur und den Einheimischen; in dieser Verbindung treten sie für die Verteidigung ihres Territoriums ein. Damit dreht Wolfen das bekannte Schema um. Der Werwolf im Kino ist traditionell Täter und Opfer zugleich: ein Mensch, der mordet, aber seiner eigenen Bestie ausgeliefert ist. Auch die Wolfen sind beides – Jäger und Gejagte, Verteidiger und Bedrohte, gezwungen, in einer vom Menschen zerstörten Welt ihr Revier zu behaupten.

Wie der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger, der gemeinsam mit Stefan Jung das Booklet zur neuen Blu-ray-Edition verfasst hat, hervorhebt, unterscheidet sich Wolfen dadurch deutlich von seinen Zeitgenossen: „Alle diese Filme haben einen eigenen Weg gesucht im Umgang mit dem Werwolf-Mythos. Den erwachsensten Film haben wir bei Wolfen, weil er gar nicht davon handelt, dass Menschen sich in Wölfe verwandeln, sondern diese Metapher nutzt.“

Der Ermittler Wilson nähert sich dem Fall zunächst mit den Mitteln der Vernunft. Er beobachtet, sammelt Beweise, zieht Schlüsse. Der Film folgt anfangs der Logik des Krimis. Doch dann stößt er an eine Grenze: Das einzige harte Indiz – ein Haar – lässt sich im Labor keiner bekannten Spezies zuordnen. Die Naturwissenschaft verweigert die Antwort. Dort, wo das Bekannte und Verstehbare endet, beginnt die Mystik. Und mit ihr setzt eine Erkenntnis ein: dass der Mensch überheblich ist, dass sein unbedingter Expansionswille zerstörerisch wirkt. Wadleigh deutet diese Dimension an: In einer Schlüsselszene, in der Wilson auf Nachfahren indigener Völker trifft, hängt im Hintergrund die US-Flagge. Das Bild stellt unausgesprochen die Frage, ob die Vereinigten Staaten nicht selbst auf einer Geschichte der Verdrängung gebaut sind, die sich nun im urbanen Raum von New York wiederholt. Stiglegger sieht in diesem Moment deutliche Anleihen bei den Tendenzen des Antiwesterns der angehenden Siebzigerjahre: „Ganz Amerika basiert auf der Ausbeutung, Vertreibung und auch Ausrottung der indigenen Stämme. Wolfen knüpft daran an – er überträgt diese Anklage, die schon Filme wie Soldier Blue (Das Wiegenlied vom Totschlag) oder Little Big Man formulierten, in den Kontext des urbanen Horrors.“

Wadleigh, der zuvor die Dokumentation Woodstock drehte, zeigt New York nicht als Glitzerstadt, sondern als Ort des Verfalls. Die Kamera durchstreift leere Straßenzüge, zerfallene Gotteshäuser, brachliegende Areale – Räume, die mehr von Endzeit als von Moderne erzählen. Besonders eindrücklich sind die POV-Aufnahmen aus Sicht der Wolfen. Mithilfe von Wärmebild-Optiken und verfremdeten Farben zeigt der Film die Welt durch ihre Augen: Körper als pulsierende Energiequellen, Bewegungen als leuchtende Spuren. Der Zuschauer sieht nicht nur, wie sie jagen – er jagt mit ihnen. So verleiht Wolfen seinen Tieren Subjektivität und entzieht sie der reinen Monster-Perspektive. In diesem Perspektivwechsel liegt die eigentliche Verschiebung: Die Wolfen verkörpern die verdrängte Natur, die sich den Menschen nicht unterwerfen lässt. Ein Immobilienmagnat als Opfer gleich zu Beginn macht die Stoßrichtung klar: Die eigentlichen Antagonisten sind die urbanen Kapitalisten, die Stadtteile niederreißen, um Platz für Profit zu schaffen. Die Wolfen sind nur die Antwort. Wilsons Rationalität zerschellt am Unerklärlichen, und der Zuschauer sieht die Welt plötzlich aus den Augen derer, die er für Bestien hielt. Das eigentliche Grauen wohnt nicht in den Ruinen der Stadt, sondern in den Glaspalästen ihrer Zerstörer.

So ambitioniert Wolfen ist, so deutlich sind seine Brüche. Studioeingriffe kürzten den Film erheblich, manche Szenen wirken abrupt oder unvollständig. Gerade im Übergang von Krimi-Logik zur Mystik stolpert die Erzählung. Man hat das Gefühl, dass Regisseur Michael Wadleigh eine ernstere thematische Zuspitzung suchte – eine persönlichere Vision, die sich an Studiointeressen brach. Das bestätigt auch Marcus Stiglegger, der auf die ursprüngliche Länge verweist: „Michael Wadleigh präsentierte offenbar einen dreieinhalb- bis vierstündigen Cut. Der war komplex und multiperspektivisch. Am Ende blieb aber nur eine stark gekürzte Fassung. Für das, was Wolfen eigentlich will, ist sie zu kurz.“[1]

Dieses Spannungsfeld macht Wolfen zugleich faszinierend und fragmentarisch – und am Ende bleibt vieles offen. Die übernatürliche Verbindung zwischen Mensch und Tier wird nicht abschließend geklärt. Auch die Frage, ob Wilson „ins Rudel aufgenommen“ wird, weil er der urbanen Expansion absagt und sich somit als würdig erweist, bleibt in der Schwebe. Der Film bietet diese Lesart an, bestätigt sie aber nie. Wolfen ist damit auch ein Spiel aus Subversion und Offenheit, das auch seine eigene Kategorisierung als Werwolf-Film beständig unterwandert und gleichzeitig nährt. Für Stiglegger gehört Wolfen mithin zu einer Reihe von Filmen, die im Kino scheiterten, aber später Kultstatus erreichten: „Wolfen war ein großer Flop, genau wie Blade Runner kurz danach. Beide Filme wurden erst über Heimmedien zu Kultfilmen – Sleeper, die ihre Zeit überdauerten.“

Mit der neuen Mediabook-Veröffentlichung auf Blu-ray erfährt Wolfen die Aufmerksamkeit, die ihm im Kino einst versagt blieb. Plaion Pictures präsentiert den Film in restaurierter Fassung und in hochwertiger Aufmachung – ein Format, das der Ernsthaftigkeit dieses Werkes gerecht wird. Gerade die Wärmebild-POV-Sequenzen, die nuancierte Lichtgestaltung und die kontrastreiche Abbildung des verfallenen New York profitieren sichtbar von der hochauflösenden Präsentation. Über die technische Qualität hinaus bietet das Mediabook auch den passenden Rahmen: als Sammlerstück, das Wolfen neu kontextualisiert und ihn nicht mehr als Randnotiz der Werwolf-Welle von 1981 erscheinen lässt, sondern als eigenständiges Werk mit unverwechselbarer Stimme. Eine Bonus-Doku rund um Produktionsgeschichte und Rezeption des Films erlaubt einen tieferen Blick in die Entstehung. Umfassend ist auch der präzise Begleittext von Marcus Stiglegger und Stefan Jung, der den Film in einer genretheoretischen Perspektive verortet und seinen nachhaltigen Wert herausarbeitet. Wolfen ist ein widerständiges, eigenwilliges Werk – weniger Schocker als Spiegel. Eine urbane Endzeit-Elegie, die von Kolonisierung, Verdrängung und Gegenwehr erzählt und gerade deshalb nachhallt. Die neue Edition bei Plaion Pictures liefert dafür den passenden Resonanzraum.

Anlässlich der neuen Blu-ray-Veröffentlichung hat Marc mit Marcus Stiglegger über den Film diskutiert – dies könnt ihr euch in der neuesten Podcast-Folge „Wer sind die Wolfen“ von Projektionen Kinogespräche anhören. Hat euch die Kritik gefallen? Dann unterstützt CinemaForever.net gerne bei eurer nächsten Filmbestellung, indem ihr über diese Verlinkung bei Amazon.de* bestellt.

[1] Siehe dazu imdb: Director Michael Wadleigh’s cut of the film that he handed to the studio in Febuary 1980 before his removal from the film in post-production, was over four and a half hours. (Online abrufbar unter: https://m.imdb.com/de/title/tt0083336/trivia/ Zugriff: 5.10.2025)

Dt. Kinostart: 9. September 1982
Release Blu-ray: 25. September 2025
Verleih Blu-ray: Plaion Pictures
Regie: Michael Wadleigh
Darsteller: u.a. Albert Finney, Diane Venora und Edward James Olmos
FSK-Freigabe: ab 16
Laufzeit: 1 St. 55 Min.

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