Kritik von Michael Gasch – erstmals zu lesen am 6. September 2025, gesehen im Rahmen der 82. Filmfestspiele von Venedig 2025.

KI-Thriller in Paris: Zone 3 von Cédric Jimenez
Gilles Lellouches letztes Werk, Beating Hearts, war einer der Höhepunkte des vergangenen Kinojahrs. Nun kehrt er zurück – allerdings nicht als Regisseur, sondern als Protagonist im Science-Fiction-Thriller Zone 3 (Chien 51) von Cédric Jimenez (November), der auf den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig Premiere feierte. Im Zentrum steht die KI Alma, welche die gesamte Gesellschaft kontrolliert. Als der Entwickler der KI ermordet wird, geraten die Ermittler Zem (Lellouche) und Salia (Adèle Exarchopoulos) in ein gefährliches Netz aus Vertuschung.
Zone 3 bildet den Schlusspunkt des diesjährigen Filmfestivals in Venedig. Während die eine Hälfte der Presseleute bereits im Flieger nach Hause – oder zum nächsten Festival in Toronto – unterwegs ist, bleibt nur noch ein kleiner Rest, der (mich eingeschlossen) nicht besonders energisch wirkt. Doch dann beginnt der Film mit kraftvollen Klängen und einer markanten, kinotypischen Kulisse. Dieser Auftakt sorgt nicht nur für ein Mindestmaß an Wachheit, sondern zieht das Publikum sofort in die Handlung hinein. Die Kombination aus zugänglicher Bildsprache und Soundgestaltung kommt dabei genau zum richtigen Zeitpunkt. Sie erlaubt es, den Kopf etwas zu entspannen – eine Erfahrung, die bei den diesjährigen Schwergewichten wie After the Hunt oder The Testament of Ann Lee kaum möglich war.
Wir schreiben das Jahr 2045: In Paris gibt es ein Dreiklassensystem, vollständige Überwachung und bewaffnete Drohnen. Während in Zone 1, dem Wohnort der Elite, alles ruhig erscheint, sieht das in Zone 2 und 3 schon anders aus: Mittelschicht und Unterschicht müssen sehen, wie sie zurechtkommen. Die Narrative basiert auf dem gleichnamigen Roman von Laurent Gaudé und greift dabei ein häufig genutztes Motiv der Science-Fiction auf. Erinnerungen an Blockbuster wie Alita: Battle Angel, kleinere Produktionen wie The Kitchen und alte Klassiker wie Metropolis kommen auf. Das Motiv des Klassenkampfs wird stets dynamisch umgesetzt: Am Anfang scheint alles noch zu funktionieren, doch überall dort, wo Bewegung und Reibung entstehen, ist die Revolution oft nicht weit entfernt.

Doch da, wo andere Werke ein tiefes Weltbild zeichnen, bleibt Zone 3 überraschend platt und eindimensional. Die soziale Trennung wird zwar sichtbar, doch das Leben und die Dynamik der oberen Schichten bleiben vage, beinahe abstrakt und nur selten wird Macht bildlich gedacht. Das hängt auch damit zusammen, dass Zone 1 so exklusiv ist, dass selbst der Kamera die meiste Zeit der Zugang verwehrt bleibt. Oft wird das Geschehen dabei auf Screens beobachtet. Identitätsscans in Echtzeit und Wahrscheinlichkeitssimulationen für Verbrechen kommen zum Einsatz – beides erinnert stark an Steven Spielbergs Minority Report, längst ein moderner Klassiker der Science-Fiction. Solche Referenzpunkte ziehen sich mal mehr, mal weniger durch den Film und begrenzen konstant die erzählerische Tiefe. Nie entsteht das Gefühl, dass Zone 3 etwas wirklich Neues zu erzählen hat.
Spannungsaufbau und narrative Tangierung profitieren davon nicht, ganz im Gegenteil. Dabei gäbe es durchaus Potenzial, das Motiv der KI als Überwachungstool weiterzudenken. Die KI Alma wirkt zu sehr wie ein bloßes erzählerisches Werkzeug, das die Handlung vorantreiben soll, statt als eigenständiges Thema, das zur Reflexion oder kritischen Auseinandersetzung einlädt – wie zuletzt im dystopischen Paris von Bertrand Bonellos The Beast.
Zone 3 ist damit eindeutig kein Thesenfilm über realpolitische oder soziologische Fragen. Und wenn doch einmal Fragen über Macht oder Ideologie gestellt werden, wirken sie weder zeitgemäß noch besonders originell oder tiefgehend. In aller Kürze: Vielmehr dominieren hier die Elemente des Thrillers. Während 2001: Odyssee im Weltraum und Blade Runner beispielsweise ihrer Zeit deutlich voraus waren, tritt Zone 3 im Kontext der Science-Fiction jedoch größtenteils auf der Stelle. Und das, obwohl der hochkarätige Cast, mit Romain Duris und Louis Garrel immerhin in Nebenrollen, eigentlich mehr Drive verspricht.
Kinostart: 27. November 2025
Regie: Cédric Jimenez
Darsteller: u.a. mit Gilles Lellouche, Adèle Exarchopoulos, Romain Duris und Louis Garrel
FSK-Freigabe: ab 12
Verleih: StudioCanal
Laufzeit: 1 St. 40 Min.
★★★★☆☆☆☆