
Alle Jahre wieder! Es ist ein cinephiles Urbedรผrfnis die innerhalb des Jahres gesichteten Filme zu ordnen und zu nummerieren. Am Ende steht eine Liste, die oftmals Schnittmengen mit den groรen Filmen des Jahres aufweist, den Kritik- und Publikumslieblingen, dafรผr stechen die Besonderheiten und Kuriositรคten umso mehr hervor. 2015 war ein sehr breit gefรคchertes Kinojahr. Obwohl die Newsseiten hauptsรคchlich mit Star Wars zu gestopft waren, kamen allerhand wunderbare, seltsame, kleine, groรe Filme zu uns. Meine Top-20 soll euch einen kleinen Einblick liefern. Berรผcksichtigt wurden nur deutsche Kino-, DVD- und TV-Starts. Nach meiner Top-20 verleihe ich wie jedes Jahr meine persรถnlichen CinemaForever-Awards. Viel Spaร!
20.ย Ich seh, ich seh

von Veronika Franz & Severin Fiala
Taghell und doch so dรผster wie die Nacht: In diesem sehr รถsterreichischen Horrorfilm glaubt ein Bruderpaar, dass die im Gesicht bandagierte Mutter, die gerade aus dem Krankenhaus gekommen ist, nicht die wirkliche Mama ist. In den USA hat sich Ich seh, ich seh bereits zum kleinen Hit gemausert. Mir hat er sich tief in die Hirnrinde genagt.
19. Predestination

von Michael und Peter Spierig
Der bei uns leider nur direkt auf Video verรถffentlichte Zeitreise-Transgender(!)-Thriller Predestination der australischen Spierig-Brรผder schickt sein Publikum auf eine Tour-de-Force des verschlungenen Erzรคhlens. Gepaart mit einem Schauspielgespann auf der Hรถhe ihres Kรถnnens, Ethan Hawke und allen voran Sarah Snook, und einer Noir-Inszenierung par excellence gelang es dem Film mir groรe Augen ins Gesicht zu zaubern. Eine รberraschung!
18. Alleluia

von Fabrice Du Welz
Der nicht gerade zimperliche, belgische Genre-Regisseur Fabrice du Welz hat mit Alleluia einen Liebesfilm gedreht, der typischen Telenovela-Romantiker_innen sauer aufstoรen wรผrde. Leider auch hier nur auf DVD erschienen, entfesselt Welz ein buchstรคbliches Fegefeuer der Leidenschaften, lรคsst sein Liebespaar nackt und manisch ums Feuer tanzen bis zur nรคchsten ahnungslosen reichen Frau, die dran glauben muss. The ultimate love trip!
17. Frank

von Lenny Abrahmson
Ein Film รผber die analoge Welt in uns, die digitale da drauรen und wie Musik versucht beides zu verbinden. Abrahmsons wundervolle Band-Komรถdie Frank geht den รผblichen Klischees beliebter Musikfilme aus dem Weg und lรคsst die Wartezeit auf seinenย neuen Film Raumย mit Brie Larson umso lรคnger erscheinen.
16. Der Marsianer

von Ridley Scott
Auch wenn Ridley Scotts NASA-Imagefilm keinen sonderlich hohen Wiederschauwert hat, begeistern die zweieinhalb Stunden beim ersten Sehen ungemein. Ein lรผckenloses Paradebeispiel des amerikanischen Kinos ist ihmย gelungen, der zugegeben auch eine grandiose Vorlage hatte. Eskapismus in Reinform, spannungsgeladen, klug und witzig zugleich: Auch wenn gerne gemeckert wird, das Blockbusterkino war ungewรถhnlich stark dieses Jahr.
15. Big Eyes

von Tim Burton
Groรe Augen machte ich auch beimย Kunst-Biopic Big Eyes von Maestro Tim Burton, in dem Amy Adams als Kitschmalerin Margaret Keane groรรคugige Portrรคts malt, die ihr Mann (Christoph Waltz) unter seinem Namen verรถffentlicht und zu Ruhm gelangt. Kunst, Kopie und Kapitalismus: Burton ringtย dem Stoff ungewรถhnliche Synergienย ab, zwischen Ehedrama und Parabel. Was ist Kunst, wenn nicht das, was eh alle gut finden?
14. Mission Impossible 5 – Rogue Nation

von Christopher McQuarrie
Der zweite von drei Blockbustern auf dieser Liste. Wie schon gesagt, es war ein starkes Jahr fรผr den US-Mainstream. Dass aber gerade der fรผnfte Teil der M:I-Reihe hier landet, hรคtte ich Anfang des Jahres nicht gedacht, war doch der letzte Film Phantom Protokoll in allen Belangen der beste Teil der Reihe und es schien mir unglaublich, dass McQuarrie an dessen Qualitรคt auch nur im entferntesten anknรผpfen kรถnnte. Doch manchmal geschehen Wunder. Zwar ist Brad Birds Film immer noch der beste, aber Rogue Nation ist dennoch ein Knallbonbon aller erster Gรผte mit atemberaubenden Setpieces und einer fantastischen Rebecca Ferguson. McQuarrie wird auch, wie bereits bestรคtigt, den nรคchsten Teil drehen.ย Die Vorfreude steigt!
13. Underdog

von Kornรฉl Mundruczรณ
Ganz Europa scheint mit der hohen Anzahl der Geflรผchteten รผberfordert zu sein. Kein anderes Thema dominierte so sehr die Nachrichten. Kein anderes Thema entblรถรte die hรคssliche Seite der Menschen deutlicher. Underdog ist dahingehend vielleicht der Film des Jahres, nicht nur weil er aus Ungarn stammt, dem Land, was bzgl. Demokratie und Menschenrechte gerne mal die falschen Antworten liefert, sondern auch weil Regisseur Mundruczรณ gesellschaftliche Marginalisierung in eine kraftvolle Parabel verpackte, dessen letzte Minuten die Gemรผter der weiรen Gรถtter (Originaltitel des Films: White God) erzittern lassen.
12. Knight of Cups

von Terrence Malick
Spรคtestens mit To The Wonderย hatte New-Hollywood-Veteran Malick die Lorbeeren fรผr seine frรผheren Filme aufgefuttert. Knight of Cups รคndert nichts daran, sondern geht konsequent weiter und besteht hauptsรคchlich aus losen, kaum narrativ zusammen gehaltenen Fragmenten aus dem Leben eines Drehbuchautors (Christian Bale), der durch Hollywood driftet und sich Malick-typisch auf einer Sinnsuche befindet. Werbeartige Bilder der Reizรผberflutung, kรผnstliche Welten; die Natur, wie sie Malick bevorzugt, hรคlt sich hier weitestgehend versteckt. Das Gรถttliche bleibt dennoch. Nach dem Film ertappte ich mich dabei, die Hรคnde gefaltet zu haben.
11. The Guest

von Adam Wingard
Eisblaue Augen, Haare aus Beton und ein Kรถrper wie ein Unterwรคschemodel: Wer wรผrde solch einen Adonis nicht in die eigenen vier Wรคnde lassen? Regisseur Adam Wingard und Drehbuchautor Simon Barrett verdrehen kurzerhand die Vorzeichen ihres letzten Genrestreichs ยYouโre Nextย und holen den ย”War on Terrorย” zurรผck auf amerikanischen Boden, speziell ins Leben einer ยtypischย weiรen Mittelklassefamilie […] >> Mehr in meinerย Kritik
10. The Tribe

vonย Miroslav Slaboshpitsky
Wer ungewรถhnliches, konsequentes und innovatives Kino sucht, hatte dieses Jahr endlich die Gelegenheit den dรผsteren, ukrainischen Gebรคrdesprachen-Film The Tribe zu sehen, der komplett ohne gesprochene und geschriebene Sprache (auch ohne Untertitel!) auskommt und zu einer archaischen Form des visuellen Erzรคhlens zurรผckkehrt, wie ich sie schon lange nicht mehr gesehen habe. Ein definitives Must-See!
9. Victoria

von Sebastian Schipper
Ebenso konsequent, wenn auch umso massenkompatibler, ist Sebastian Schippers Berlin-Hype-Wunder Victoria, in der das Leben einer jungen Spanierin innerhalb von 140 Minuten an den existenziellen Rand gedrรคngt wird. Die aufwendige One-Take-Technik gerinnt nie zum bloรen Selbstzweck, sondern erzeugt einen Sog, der keine Pause, keine Ruhe zulรคsst. Du kannst dich nicht abwenden und im Hintergrund donnert der Mephisto-Walzer.
8. Mistress America

von Noah Baumbach
Um eine zugezogene, junge Frau (Lola Kirke) in der Groรstadt und ihre prรคgenden, neuen Bekanntschaften geht es auch in Noah Baumbachs und Greta Gerwigs neuer (Screwball-)Comedy Mistress America, die ohne Frage zu den witzigsten und kurzweiligsten Komรถdien des Jahres gehรถrt. Erzรคhlte der quasi Vorgรคnger Frances Ha noch von den Schwierigkeiten eines selbstbestimmten Lebens als privilegierte Twentysomething in der Alles-Ist-Mรถglich-Stadt New York, erweitert Mistress Americaย dasย Spektrum um die Befindlichkeiten privilegierter Thirtysomethings in der Alles-Ist-Mรถglich-Aber-Irgendwie-Dann-Doch-Nicht-Groรstadt New York und das dazu noch alles in Farbe(!) und mit einem Dialogfeuer versehen, welches Aaron Sorkin die Schamesrรถte ins Gesicht treiben wรผrde. Absolut sehenswert!

von Pete Docter & Ronaldo Del Carmen
รber Pixars neues Meisterwerk wurde bereits das meiste geschrieben. Auch mitย mir sind im Kino die Gefรผhle durchgegangen und es vergeht kein Tag mehr an dem ich nicht selbstreflektierend mir in Gedanken meine eigenen kleinen Emotionen ausmalen, wie sie mir durchs Leben helfen.
6. 45 Years

von Andrew Haigh
Haigh bleibt sich treu, obwohl es in 45 Years nun,ย statt,ย wie in seinem famosen Weekend, nicht um den Diskurs zweier junger Schwuler in der grauen urbanen Welt, sondern um ein รคlteres Ehepaar auf dem Lande geht, deren Beziehung innerhalb weniger Tage auf denย Prรผfstand gestellt wird. Der wunderlicherweise ebenso als Cutter tรคtige Regisseur lรถst sein Beziehungsdrama in prรคzisen Tableaus langatmiger, weitestgehend statischer Einstellungen auf, die den beiden grandiosen Schauspieler_innen, Charlotte Ramplingย und Tom Courtenay, eine Spielwiese subtilster Konflikte bietet. Bestestes Schauspielkino!
5. Mad Max: Fury Road

von George Miller
Die weltweite Kritik ist sich einig und ich kann nur nickend zustimmen. Was der gar nicht mehr so jugendliche George Miller fรผr einen fulminanten, jugendlichen Action-Trip dieses Jahr mit Mad Max: Fury Road geliefert hat, entzieht sich jeglicher Erklรคrungen. Wir sprechen hier zwar vom Schรถpfer der alten Mad-Max-Filme, aber auch vom Kopf hinter Happy Feet 2. Derย Erklรคrung bedarfย es ja nicht wirklich. Zum Glรผck bedarfย es nur Millers einzigartigem Gemisch aus Blut, Schweiร, Staub und Muttermilch. Die nรคchste Fortsetzung kann gar nicht schnell genug kommen.
4. Foxcatcher

von Bennett Miller
Leise und kรผhl, ja so gar nicht staubig und heiร, geht es diesemย Sportdrama von George Millers Namenskollegen Bennett Miller zu. Foxcatcher ist ein finsterer Film รผber menschliche Kรถrper und ihre Anziehung, ihr Streben nach Stรคrke und Ruhm, ihre Sehnsucht nach Reibung und Liebe. Als hรคtten Alfred Hitchcock und Michael Haneke ein Kind gezeugt, dasย sich unter Qualen einen Film von der Seele gedreht hat. Schmerzhaft!
3.ย Eisenstein in Guanajuato

von Peter Greenaway
Der vielseitiger Kรผnstler und Filmemacher Peter Greenaway ist zurรผck und begeisterte zurecht bei der diesjรคhrigen Berlinale mit seiner Eisenstein-Hommage, die es glรผcklicherweise noch dieses Jahr in die Kinos schaffte. Ein รผberragender, von der Leine gelassener Elmer Bรคck durchlรคuft als groรer sowjetischer Montage-Theoretiker Eisenstein eine innere Montage bisheriger Werte und Vorstellungen im mexikanischen Guanajuato. Ein vielfรคltig lesbarer, hocherotischer Film mit den besten Dialogenย zwischenย Mannย und Penis, die das Kino bisher zu bieten hatte.

von Cรฉline Sciamma
Dieser prรคchtige Coming-of-Age-Film, den ich bereits letztes Jahr auf dem Filmfest Hamburg sehen konnte -damals trug er noch den Titel Girlhood, womit er sich quasi komplettierend neben Richard Linklaters letztjรคhrigen Hit Boyhoodย stellte- folgt der jungen Marieme (Karidja Tourรฉ), die in eine Mรคdchen-Gang gerรคt und ihre Autonomie entdeckt. Sciamma ist eine unaufgeregte und klare Erzรคhlerin, die ganz beilรคufig auch reizend politisch ist. Band de filles ist nicht nur ein รคuรerst feministischer Film, sondern bezeichnenderweise umso รผberraschender ein deutlich antirassistischer zugleich. Diamonds in the Sky!
1. Carol

von Todd Haynes
In Carol erweckt Haynes wiedereinmal die 50er Jahre zum Leben, doch tut er dies nicht wie bereits zuvor. Sein Vorbild ist kein buntes Technicolor-Melodram, noch die Reflektion รผber Fotografien aus der Zeit. Seine Grundlage ist Patricia Highsmiths gleichnamiger Roman, auch unter dem Titel Salz und sein Preis bekannt. Haynes geht daher umso naturalistischer vor und beschwรถrt die Epoche so vollkommen echt und glaubwรผrdig wie noch nie. Selbst das Period-Epos Mad Men erreichte keinen vergleichbaren Detailgrad. Edward Lachmans 16mm-Bilder geben dem ganzen darรผber hinaus den Anstrich des dokumentarischen. Keine bunten, sondern eher matte Farben, grรคuliche Schleier und schmieriges Licht, eben gรคnzlich der Zwischenwelt verpflichtet in der sich Haynesโ Figuren bewegen mรผssen. […] >> Mehr in meinerย Kritik
Das waren meine zwanzigย liebsten Filme des Jahres. Nachfolgend vergebe ich nun meine persรถnlichen CinemaForever-Awards. Beginnen wir mit den Schauspielkategorien…
Beste Schauspielerin: Sarah Snook in Predestination

Bester Schauspieler: Elmer Bรคck in Eisenstein in Guanajuato

Newcomer_in der Jahres:ย Miroslav Slaboshpitskyย fรผr The Tribe

Lieblingsszene: Marieme und ihre Mรคdels singen und tanzenย zu Rihannas Diamonds im Hotelzimmer zur Feier einesย kurzen Augenblicks der Freiheit.
Beste Kamera: Victoria (DoP:ย Sturla Brandth Grรธvlen)

Bester Schnitt: Mad Max – Fury Road (Cutter:ย Margaret Sixel)

Lobende Erwรคhnung: It Follows (David Robert Mitchell)

Grรถรte Enttรคuschung(en): Birdmanย (A.ย G. Iรฑรกrritu) und Kรถnigin der Wรผste (W. Herzog)

Schlechtester Film des Jahres: Demonic (Will Canon)

Damit geht nun auch das alte Filmjahr ganz offiziell zu ende. Das neue sieht bereits vielversprechend aus.ย An dieser Stelle verabschiede ich mich und wรผnsche euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr. Wir lesen uns 2016!
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