Kritik: Die Fliege (USA 1986) – Horror für Herz und Verstand

My teeth have begun to fall out. The medicine cabinet is now the Brundle Museum of Natural History. You wanna see what else is in it?

Originell, intelligent, sozialkritisch, romantisch und vor allem eines… angsteinflößend, das sind nur ein paar wenige Eigenschaften, welche auf David Cronenbergs Die Fliege aus dem Jahr 1986 zutreffen. Eigentlich sollte der Cocktail aus Horror und Romanze zum Scheitern verurteilt sein, denn dieses Gemisch hat bis heute eher selten funktioniert. David Cronenberg hat daraus jedoch einen zeitlosen Horror-Klassiker gezaubert, ein eindrucksvolles Kammerspiel voller Abgründe, welches den Zuschauer in gleichen Maßen emotional fordert wie zum Ekeln bringt.

Seth Brundle (Jeff Goldblum) ist auf seinem wissenschaftlichen Gebiet ein As. Sein nächstes Vorhaben ist es, seine Teleportation zu perfektionieren und den Nobelpreis dafür zu gewinnen. Als er sich schließlich selbst teleportiert hat, scheint alles funktioniert zu haben, nur ist ihm ein klitzekleiner Fehler unterlaufen: Er wurde gemeinsam mit einer Fliege teleportiert, die unbemerkt in den Teleporter geflogen ist. Der Computer kann mit zwei Individuen nichts anfangen und so fusioniert er sie kurzerhand zu einem Lebewesen. Dieser Ausgang wird nicht nur für Seth grausame Folgen mit sich ziehen.

Die Fliege betreibt auf bis heute unvergleichliche Weise Kritik an den technischen Revolutionen unserer Gesellschaft und führt uns zugleich die tiefste Furcht der Menschheit vor: Das plötzliche Auftreten einer Krankheit bei sich selbst oder einer sehr nahestehenden Person. Tumore oder psychische Schäden, ganz egal, sobald unser Inneres Einfluss auf unser Äußeres hat, wunderbar symbolisch dargestellt durch die fehlgeschlagene Teleportation eines Pavian, wenden sich alle angewidert ab. Das ist heute noch so aktuell wie vor über 30 Jahren. Dies als Body Horror zu verpacken, war eben eine Entscheidung, welche Die Fliege bis heute zu einer der eindringlichsten Horrorerfahrungen macht. David Cronenberg spielt dabei unheimlich gekonnt mit Symbolik und seiner Kamerasprache, nicht zu vergessen die großartige Performance von Jeff Goldblum, der die Verwandlung vom Menschen zur Fliege erschütternd realistisch gibt, so dass es einem immer wieder den Magen umdreht. Jeff Goldblum spielt dabei so viele Facetten aus und das macht seine Darstellung der Verwandlung nur noch glaubhafter und tragischer. Geena Davis als Journalistin und Seths Geliebte ist ebenfalls großartig und auch ihr sind einige einprägende Szenen zu verdanken.

Der Körper-Horror war schon immer eine Spezialität David Cronenbergs (Die Brut, Videodrome, uvm.), in Die Fliege treibt er diesen aber durch das Greifbarmachen der Handlung auf einen Höhepunkt, den man nicht mehr vergessen wird. Teils absurd, teils schwarz-humorig, aber stets ehrlich und mit revolutionierenden Effekten. Die Fliege ist das Schaffen eines Meisters, der ein ehrliches Auge auf die Gesellschaft wirft und ihre größten Ängste offenlegt: Krankheiten und ihre Folgen. Technischer Fortschritt und seine nicht nur positiven Auswirkungen. Die Geilheit der Medien auf Geschichten, welche für Quoten sorgen. Am Ende offenbart sich nicht nur David Cronenbergs Genie im Erzählen, sondern ebenso in der Inszenierung. Das Publikum bekommt nicht nur einen Spannungsaufbau geboten, wie man ihn heutzutage kaum noch erlebt, sondern obendrauf noch eines der ergreifendsten Finale der Filmgeschichte. Dieses ist unglaubliche Kunst im Zusammenspiel von Bildästhetik, musikalischer Begleitung, handgemachten Effekten und Schauspiel. Zermürbend und wunderschön. Romantisch und doch so traurig. Die totale Kollision von Optimismus und Pessimismus. Dabei steht trotzdem nie die Gesellschaftskritik an erster Stelle, sondern das Erlebnis.

Hier geht es zum Trailer auf Youtube.

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