Klassiker-Kritik: Wenn die Gondeln Trauer tragen (GB/IT 1973)

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Christine is dead. She is dead! Dead! Dead! Dead! Dead! Dead!

John Baxter (Donald Sutherland) kommt mit seiner Frau Laura (Julie Christie) nach Venedig. Beide trauern um ihre Tochter, die erst kürzlich ertrunken ist. Als sie zwei mysteriösen Schwestern begegnen, geraten beide in den Bann unheimlicher Visionen.

Daphne du Maurier sollte jedem Filmfan ein Begriff sein, schuf die britische Autorin doch die Vorlagen zu zahlreichen Filmklassikern, vornehmlich Hitchcock-Werke, von Rebecca (1940) bis Die Vögel (1963). Für die Verfilmung ihrer Erzählung Don’t Look Now (zu Deusch: „Dreh dich nicht um“) wurde allerdings der aufstrebende Regisseur und ehemalige Kameramann Nicolas Roeg verpflichtet, der aus der symbolreichen Geschichte einen okkultistischen Fieberalptraum schuf, der mit Alfred Hitchcocks Kino nichts mehr zu tun hatte, ja, sogar dessen Antithese darstellt.

Während Niolas Roeg seine ersten beiden Filme Performance und Walkabout noch selbst fotografierte, stand mit Anthony Richmond nun das erste mal ein anderer hinter der Kamera. Es ist unklar, inwieweit sich die beiden Filmemacher ähnelten oder Nicolas Roeg seinen Kameramann beeinflusste. Klar ist, dass die personelle Änderung keinen Bruch in der visuellen Gestaltung erzeugte. Auffällig ist aber, dass in den beiden ersten Filmen die Kamera weitaus exotischere Winkel sucht als in Don’t Look Now, was dieser größeren Prestigeproduktion damals wohl eher zu Gesicht stand. Die auffällige Farbdramaturgie ist ebenfalls ein Alleinstellungsmerkmal von Richmonds erstem Roeg-Film. Er taucht Venedig in schwelendes grau und beige. Selten, aber umso gezielter, kommt die Farbe Rot zum Einsatz, die gleichzeitg das visuelle Leitthema des Film darstellt – roter Regenmantel, rotes Blut. Die Schuld ist rot, ebenso ist es die Farbe der Warnung. Dieser steile Kontrast unterstreicht wunderbar die zahlreichen Brüche und Gegensätze innerhalb des Films.

Visuell ist Don’t Look Now sowieso ein Film des genauen Hinsehens, des zweiten Blicks. Obwohl Nicolas Roeg in zahlreichen Interviews insistiert, dass er weder probt noch seine Filme großartig plant, erstaunt es umso mehr, dass die zahlreichen Details scheinbar wie gezielt inszeniert wirken. Wirklich verstehen und begreifen kann man diese filmische Collage nur, wenn man sich das Puzzle noch einmal von weitem ansieht, wenn man den Film einfach ein zweites Mal schaut.

Gerade in der viel kritisierten, angeblich langweiligen, Mitte des Films, lässt sich Nicolas Roeg Zeit eine subtile Stimmung der Verschwörung und Überwachung zu kreieren, von der sich Donald Sutherlands Figur aufsaugen lässt. Immer wieder lenkt die Kamera mit schnellen Zooms und heftigen Schwenks auf mehrdeutige Objekte oder unbehagliche Blicke vertrauensunwürdiger Nebenfiguren, vom Polizeikommissar bis zu den netten alten Damen. Am Ende kann der Zuschauer niemandem mehr trauen und auch er flüchtet sich in die unheilsamen Visionen der Hauptfigur.

„Sehen heißt glauben.“ spricht John Baxter zu sich, doch was ist, wenn man mehr sieht, als man glauben könnte? Don’t Look Now zeigt uns wie kein zweiter Film, wie abhängig wir von unseren Vorstellungen und Vorurteilen sind. Keiner von uns geht mit offenen Augen durch die Welt. Wir glauben nur das, was wir glauben wollen. Nicolas Roegs Film, getarnt als psychologischer Horrorthriller, ist somit viel eher eine philosophische Aufarbeitung der Erkenntnistheorie und ebenso eine Abrechnung mit dem kritischen Rationalismus. Die Moderne, mit all ihrer Wissenschaft, die Aufklärung, mit seiner angeblichen Unmündigkeit, sie alle werden hier zur Schlachtbank geführt und zerschmettert mit dem vollen Einsatz von Kamera, Schnitt und Musik.

Der italienische Komponist Pino Donaggio lieferte hier seine erste Filmmusik ab, die nicht besser passen könnte. Schnelle Streicher, atonale Flötentöne, ein dumpfes Klavier, elektronische Sounds, düstere Percussions, erst der vielschichtige Score treibt Don’t Look Now in die Höhen eines ernsthaften Horrorfilms. Später arbeitete Donaggio regelmässig mit Brian De Palma (u.a. Der Tod kommt zweimal und Dressed to Kill) zusammen, was seine Eignung für dieses Genre wiederholt bestätigte.

Julie Christie und Donald Sutherland spielen das Baxter-Ehepaar. Julie Christie wurde bereits von Nicolas Roeg bei früheren Filmen fotografiert. Donald Sutherland arbeitete das erste mal mit ihm. Herausgekommen ist eine der authentischsten Schauspielereignisse der 70er Jahre. Julie Christie, bildschön und mit reiferem Gesicht, verkörpert Laura als fragile Heldin, während Donald Sutherland in seiner verkopften Rolle weitaus brüchiger erscheint. Die virtuose Leistung der Schauspieler, besonders bei der berüchtigten Liebesszene, führte damals zu einem kleinen Skandal, da die Leute dachten die beiden Schauspieler hätten wirklich miteinander geschlafen. Lars von Trier gelang selbiges in seinem Quasi-Remake Antichrist nicht, obwohl er sogar Nahaufnahmen vom Geschlechtsverkehr hineinschnitt. Nicolas Roeg brauchte das nicht. Die Leistung der beiden Darsteller begeisterte auch Daphne du Maurier, die nach der Premiere auf Nicolas Roeg zuging und ihm beschrieb wie sehr sie sich an wirkliche Ehepaare erinnert fühlte.

Allerdings, erst Nicolas Roegs Einsatz des auktorialen Schnitts erhob den Film endgültig in den Olymp des Kinos. Angefangen bei der unvorhersehbar geschnittenen Todesszene der Tochter bis zur berühmten Sexszene, die das Liebesspiel mit dem anschließenden Anziehen ineinander montiert, was gleichzeitg Sinnbild der Dualität von Gefühl und Vernunft darstellt. Nicolas Roegs undurchsichtiger und hochatmosphärischer Film kann sich nicht auf eine konventionelle Plotmontage verlassen. Der Film muss hier zu seinem eigenem Rhythmus finden, muss die Möglichkeit besitzen vor- und zurückzuspringen, zu fragmentieren, seine Gedanken zu ordnen. Er muss sein eigenes Bewusstsein entwickeln. Don’t Look Now ist somit der einzige Film, wo man glaubt, man würde dem Projektor beim Denken zuschauen.

Fazit: Wenn die Gondeln Trauer tragen ist einer unserer besten Horrorfilme aller Zeiten.

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