Kritik: Bumblebee (USA 2018)

© Paramount

Liebe Transformers,

wir waren mal gute Kumpel. Damals in den späten 80ern und frühen 90ern, als ich bei Freunden mit deren Transformers-Spielzeug meine eigenen Geschichten erzählt habe, nur um über Umwege mitzubekommen, dass es da ja noch eine Trickserie sowie Trickfilme gibt. Die haben mir dann vom Planeten Cybertron erzählt und vom Konflikt zwischen Autobots (die Guten) und Decepticons (die Bösen). Ich will ehrlich sein, das hat mich nicht sonderlich interessiert, aber noch heute schwärmen viele davon. Als dann vor elf  Jahren der erste Realfilm in die Kinos kam, war ich aber dennoch Feuer und Flamme. Ich weiß noch, wie begeistert ich vom ersten Trailer war. Eine Szene hat es mir dabei besonders angetan: Ein Transformer steigt wortlos aus einem Pool, ein verdutztes, kleines Kind steht daneben und staunt. Ich habe auch gestaunt. Diese Tricktechnik war der Wahnsinn. Für mich gab es keinen Zweifel, das muss ein gigantischer, toller Film werden.

Nach dem Kinobesuch war ich dann aber am Boden zerstört. Ich weiß, nicht gerade wenige verteidigen den ersten Film noch heute. Für mich war aber bereits der Startschuss dieses Mega-Filmfranchise zu übersättigend, zu laut, zu hektisch, zu kalkuliert. Es ist natürlich schon ein wenig unfair nur Produzent und Regisseur Michael Bay die Schuld dafür zu geben, aber sein wir ehrlich, der Macher von Armageddon und Pearl Harbor nahm die Transformers und machte aus ihnen Eskapismus der schlimmsten Sorte. Bay war alles egal: Die Figuren, die Handlung, die Ethik, das Pacing, alles wurde mit Gigantomanie überrollt. Als Cocktailkirsche gab es noch locker flockigen Sexismus und Rassismus obendrauf. Wozu etwas erzählen, wenn man in überlangen zweieinhalb Stunden einfach perfekt animierte Blechhügel mit Laserkanonen und Schwertern gegeneinander antreten lassen kann?

Im Kino erwies sich dieses Rezept als voller Erfolg. Es folgte Sequel über Sequel und obwohl nach Transformers 2 – Die Rache bereits der Höhepunkt der Scheißigkeit erreicht war, wurde weiter gemacht. Ich glaube, es war Teil 3, als ich im Kino saß, und begann eine gewisse Faszination für Bays Robogekloppe zu entwickeln. Nicht weil es plötzlich zwischen uns gefunkt hätte! Großer Gott, nein! Ich würde es mehr als eine Art von Elendstourismus beschreiben. Und so pilgerte ich alle zwei, drei Jahre ins Kino, kam erschöpft, genervt und teilweise angewidert heraus und fluchte auf Bay und was er Euch, liebe Transformers, angetan hat. Ebene jene Transformers, mit denen ich als Kind bei Freunden gespielt hatte.

Nach dem der fünfte Teil, Transformers: The Last Knight, trotz immenser Anbiederung an das Filmland China, floppte, scheint bei Paramount und Hasbro der Groschen gefallen zu sein. Natürlich hängen das Studio und der Spielzeughersteller an der Marke Transformers. Einfach den Stecker ziehen wäre keine Option und so kamen Sie mit der Idee dem beliebtesten Autobot ein eigenes Spin-off zu spendieren. Genau dieses, Bumblebee, habe ich mir jüngst angesehen und ich will ehrlich sein, ich hatte diesmal wirklich Hoffnung auf einen zumindest rudimentär besseren Film. Warum? Ganz einfach: Statt Destruktionsfetischist Bay übernahm diesmal Travis Knight die Regie, der Macher des tollen Kubo – Der tapfere Samurai. Ich will es nicht verheimlichen, aber alleine dieser Personalwechsel sorgte bei mir für einen Sympathieschub.

Und nun saß ich kürzlich in der Pressevorstellung und war wirklich gespannt, was mich da erwartet. Was soll ich sagen, es war der bislang beste Film der Reihe. Das muss natürlich erst einmal nicht heißen, aber auch losgelöst von seinem Franchise betrachtet hatte ich meine Freude mit dem Spin-off, dass im Grunde auch ein Prequel ist, immerhin erzählt es, wie der gelbe Autobot B-127 vom Planeten Cybertron auf die Erde kam. Dort lernt er die 18-jährige Halbwaise Charlie Watson (Hailee Steinfeld, oscarnominiert für True Grit) kennen und taucht bei ihr unter, während die US-Army gemeinsam mit zwei Decepticons Jagd auf den Gelbling macht.

In früheren Filmen des Franchise wäre diese Geschichte ein Aufhänger für nicht enden wollende Actionpassagen, dumme Sprüche und allerlei maskuline Erbauungsphantasien. Nicht hier. Im Zentrum steht klar die Freundschaft zwischen Charlie und Bumblebee, die an den kleinen Klassiker Nummer 5 lebt! erinnert. Vor allem ist Bumblebee aber auch eine Hommage an die 1980er Jahre. Der gelbe Autobot schaut Breakfast Club, hört A-Ha sowie The Smiths und im Wohnzimmer von Charlies Familie steht ein Atari. Zugegeben, dieser Eighties-Vibe ist schon recht penetrant und wirklich einen Nutzen kann Bumblebee daraus auch nicht ziehen, aber das ist mir persönlich allemal lieber als der bay’sche Overkill.

Wobei Fans von diesem mit dem Prequel wohl nicht viel anfangen werden. Denn die Action im Film ist meist kurz und verweigert sich konstant der szenischen Übersättigung und hat damit den Vorteil, dass sich keine allzu große Hektik einschleicht. Tatsächlich war Bumblebee der erste Vertreter des Franchise, bei dem ich auf der Leinwand erkennen konnte, was gerade passiert und weil es hier sogar Figuren gib, deren Motivation verständlich und wichtig ist, habe ich mich sogar dabei erwischt, wie ich kurzzeitig mitgefiebert habe. Letztlich ist auch Bumblebee ein redundanter Film, aber er evoziert ein Seherlebnis, dass mich durchaus an meine Kindheit erinnerte, als ich vor der Flimmerkiste saß und meine Helden für mich Abenteuer durchlebten, während ich Kakao trank und in der Nase bohrte.

Machen wir uns nichts vor. Auch Bumblebee ist reines Kalkül. Der Film weiß, welche Hebel er ziehen und welche Knöpfe er drücken muss, um sein Publikum in den Wohlfühl-Retro-Modus schalten. Das taten schon so viele andere Produktionen vor ihm. Da hätten wir J.J. Abrams Super 8 oder die Netflix-Serie Stranger Things. Sie alle bauen und vertrauen auf Retro-Chic, generieren ihre eigene Identität aus Versatzstücken vergangener Tage, die in unseren Erinnerungen meist besser dastehen, als sie es wirklich waren. Etwas Genuines kommt dabei aber nie wirklich zum Vorschein. Muss es das denn? Ich will ehrlich sein, bei Bumblebee hat mich diese Einlullung durchaus abgeholt. Immerhin quälte ich mich seit über elf Jahren durch insgesamt fünf miese Transformers-Filme. Nach dieser (selbstauferlegten) Tortur habe ich mir diese Art von Erholung einfach verdient.

Erholung passt wirklich ganz gut. Waren die anderen Filme eine Achterbanfahrt, während der man vom Hintermann ganz zeitig mit Product Placement, Unübersichtlichkeit und Propaganda vollgekotzt wurde, gleicht Bumblebee mehr einer beschaulichen Fahrt in einer Bimmbelbahn. Sehr erholsam und einschmeichelnd. Nix für High-Speed-Fans und ein ADHS-Publikum, das nach Höher, Schneller und Weiter verlangt. Für dieses Publikum hier eine weitere 80s-Referenz. Nicht aus dem Film, aber exklusiv von mir: „Ich bin zu alt für diesen Scheiß.“

Das klingt jetzt alles so, als ob mir Bumblebee uneingeschränkt gefällt. So ist das leider auch nicht. Würde ich das Spin-off aus dem Kanon der Reihe herausziehen und für sich alleine betrachten, würde einiges an Glanz verschwinden. So ist es z. B. überaus bedauerlich dass WWE-Wrestler und Teilzeitschauspieler John Cena hier als fieser Armee-Macker durchaus verschenkt wurde. Ich attestierte Cena kein all zu großes darstellerisches Talent, aber der Muskelberg hat Charisma, was er mit Dating Queen oder Der Sex-Pakt unter Beweis stellte. In Bumblebee hingegen ist davon nicht viel zu merken. Überhaupt wirken alle Aspekte die mit dem Militär und den bösen Decepticons zu tun haben recht spröde und ideenlos. Auch weil hier versucht wird, mit aller Gewalt, offene Fragen aus dem ersten Transformers zu beantworten. Das wäre nicht nötig gewesen.

Es gäbe noch viele kleine Makel und Unsauberkeiten, die ich Bumblebee vorwerfen könnte, aber am Ende kam ich gut gelaunt, positiv überrascht und ohne das Gefühl, dass Millionen meiner Hirnzellen während des Films Harakiri begangen haben, aus dem Kinosaal. Bumblebee ist kein perfekter Film, aber ein guter Blockbuster und alles das nur, weil Bayhem ausgetauscht wurde gegen familienfreundliches Staun-Kino der Marke Spielberg. Endlich konnte ich mich auch ein wenig so fühlen, wie das Kind, das sieht wie ein Transformers neben ihm aus dem Pool steigt. Vielleicht sollte ich es nicht sein, aber ich fühle durchaus ein wenig Dankbarkeit.

Mit freundlichen Grüßen

PS: Eine Sache, die ich noch ankreiden möchte, auch wenn sie mich während des Films das ein oder andere Mal belustigt hat, ist der Zufall. Autorin Christine Hodson scheint viele Situationen vor allem dadurch einzuleiten, dass ganz zufällig dieses oder jenes passiert. Daran ist nichts wirklich verwerflich, nur schröpft sie die Mechanik wirklich sehr penetrant.

Bumblebee startet am 20. Dezember 2019 deutschlandweit in den Kinos.

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