Kritik: Halloween (USA 2018)

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I have prayed every night that he would escape

Pünktlich zum 40-jährigen Jubiläum von John Carpenters stilbildendem Slasher-Klassiker Halloween – Die Nacht des Grauens hat sich Regisseur David Gordon Green mit seinen Co-Autoren Jeff Fradley und Danny McBride zusammengetan, um die große Horror-Ikone Michael Myers noch einmal auf der Kinoleinwand zu entfesseln. Dabei werden im neuesten Film der Reihe alle anderen Teile des Halloween-Franchise ignoriert. Nur die Ereignisse von John Carpenters Original sind von Bedeutung und hallen als Echo durch eine Gegenwart, die in vielerlei Hinsicht in einem traumatischen Schockzustand gefangen ist.

Schon der atmosphärische Vorspann, in dem sich ein zermatschter Halloween-Kürbis zu den dezent modernisierten Klängen von John Carpenters unverkennbarem Original-Theme vor den Augen des Zuschauers wieder zusammensetzt, ist ein Mahnmal für die Unsterblichkeit des hühnenhaften Serienkillers. Zu Beginn von Greens Halloween begeben sich zwei Podcast-Betreiber in die Heilanstalt, in der Michael Myers seit 40 Jahren inhaftiert ist, um dem Mythos mit eigenen Augen nachzuspüren. Dabei zückt einer von beiden sogar die berüchtigte Maske des Mörders, um in diesem eine Reaktion auszulösen oder ihm womöglich ein paar Worte zu entlocken. Nach einem abrupten Schnitt stellt sich wenig später jedoch heraus, dass Michael Myers nahezu leblos keinerlei Anzeichen einer Reaktion von sich gegeben hat.

Überaus lebendig, wenngleich kaum mehr mit der jungen Frau aus John Carpenters Ursprungswerk zu vergleichen, ist auch Laurie Strode, die von den beiden Podcast-Betreibern anfangs ebenfalls aufgesucht wird. Die deutlich gealterte Paraderolle von Schauspielerin Jamie Lee Curtis entpuppt sich in diesem Halloween als verbitterte, traumatisierte sowie paranoide Persönlichkeit. Schnell wird deutlich sichtbar, dass Laurie keinen Tag seit den schicksalshaften Ereignissen von vor 40 Jahren ohne einen Gedanken an die Gestalt verbracht hat, die ihre Freunde grausam ermordet hat. Im Drehbuch von Green, Fradley und McBride erweist sich Laurie erneut als Schlüsselfigur, die im neuesten Teil des Franchise jedoch sinnvoll ergänzt wird.

Neben Laurie selbst thematisiert Halloween eine ganze Generation von Menschen, die unter dem Einfluss eines schwerwiegenden Traumas existieren müssen, das innerhalb einer Familie von Mitglied zu Mitglied weitergetragen wird und 40 Jahre später ganz Haddonfield infiziert hat. In einer Szene des Films, in der Lauries jugendliche Enkelin mit ihren Freunden durch die Vorstadt läuft, macht sich einer von ihnen fast schon darüber lustig, wie belanglos die Morde von damals heutzutage erscheinen würden, da lediglich fünf Menschen zu Tode gekommen seien. Während Greens Halloween den Slasher-Wurzeln sowie der altbewährten Formel des Subgenres streng treu bleibt, verpflanzt der Regisseur den Mythos von Michael Myers zugleich in einer Gegenwart, die offenbar ebenso in der Zeit stehengeblieben ist, wie sie den modernen Zuständen des irritierenden Chaos entspringt.

Während der Regisseur über die anfänglich holprig erzählte halbe Stunde seines Films hinweg Schwierigkeiten hat, stimmig an die Essenz von John Carpenters Erstling anzuknüpfen, erstrahlt Halloween spätestens in der zweiten Hälfte als mitunter erstaunlich stilsicher inszenierter Horrorfilm. Nachdem Michael Myers bei einem geplanten Transfer in eine neue Haftanstalt wenig überraschend der Ausbruch gelingt und dieser nach einer geradezu gespenstischen Sequenz wieder nach Haddonfield zurückkehrt, wütet der Serienkiller hier auf faszinierende Weise genauso im Geiste von John Carpenters Original wie er stellenweise auch an Rob Zombies eigensinnige Neuauflage erinnert. Frei von jeglicher Psychologisierung, zeigt Green Michael Myers einerseits als geisterhaften Boogeyman, der im Schatten des Hintergrunds lauert, bevor er in manchen Szenen mit einer erschütternden Brutalität zur Tat schreitet, die an Rob Zombies bestialischen Grindhouse-Charakter angelehnt zu sein scheint.

Dabei gelingen dem Regisseur einige überaus beeindruckende Spannungssequenzen, die nicht nur von einer exzellenten Kamera- und Schnittarbeit, Lichtsetzung und dem hervorragenden Score leben, sondern generell von der zeitlos beängstigenden Ausstrahlung Haddonfields. Die grünen Vorgärten, weißen Gartenzäune und beschaulich eingerichteten Einfamilienhäuser der Vorstadt weichen in der zentralen Halloween-Nacht einmal mehr einer schier alles verschlingenden Dunkelheit. Und doch ist Greens Halloween keineswegs als reine Replik aufzufassen. Vielmehr gehen der Regisseur sowie seine Co-Autoren einige Wagnisse ein und versehen manche Dialoge mit überraschendem Humor, welcher nicht einmal deplatziert wirkt, während sich der ausgiebige Showdown zwischen Michael Myers und mehreren Generationen des Traumas als ultimative Konfrontation mit weitreichenden Entscheidungen aus der Vergangenheit, unüberwindbaren Ängsten und unausweichlicher Endgültigkeit erweist. [Achtung Spoiler] Ganz zum Schluss genügt die Einstellung eines blutverschmierten Messers, um zumindest der unausweichlichen Endgültigkeit noch einmal eine neue Form der Gänsehaut erzeugenden Andeutung und Vorahnung zu verleihen.

Halloween ist ab dem 25. Oktober 2018 im Kino zu sehen.

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