Kritik: Loro – Die Verführten (IT, FR 2018)

Loro 2019 Film Kritik Review

Der italienische Filmemacher Paolo Sorrentino hat ein Lieblingsthema, das sich wie ein roter Faden durch seine Filmografie zieht: Alte weiße Männer in überholten Machtgefügen, die vergangenen Zeiten nachtrauern. Großartig überspitzt dargestellt in dessen „La dolce vita“-Meisterwerk La Grande Bellezza (2013), einem wunderschön anzusehenden Abgesang auf die italienische Gesellschaft. Auch in Loro – Die Verführten kann Paolo Sorrentino wieder auf einen der Eckpfeiler seines Erfolges zurückgreifen: den italienischen Meistermimen Toni Servillo. Dieser gibt in Loro – Die Verführten unter Zuhilfenahme einiger Schichten Latex den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi.

Dieser versuchte im Jahr 2008 zum vierten Mal Ministerpräsident Italiens zu werden, doch Skandale politischer und persönlicher Natur und sein extravaganter Lebensstil erschweren dessen politische Ambitionen. Loro – Die Verführten ist so etwas wie eine Scheinbiografie über eine der einflussreichsten, zugleich aber auch streitbarsten Figuren der jüngeren italienischen Politikgeschichte – und genau hier liegt auch das große Problem des Films, denn der fiktionale Silvio Berlusconi steht stets im Schatten seines realen Vorbilds. Ähnliches mussten schon die South-Park-Schöpfer Trey Parker und Matt Stone einsehen, die in Anbetracht einer politischen Führungsfigur wie Donald Trump die Segel streichen mussten und sich aus der politischen Comedy zurückziehen mussten, da sie mit der Absurdität der realen Ereignisse nicht mehr mithalten konnten. Gleiches gilt auch für den Film Loro – Die Verführten, denn auch hier kann die Satire die Absurdität des eigentlichen Sachverhalts nicht überstrahlen, sondern muss sich der Korruption, den Bunga-Bunga-Partys und dem patriarchalischen Größenwahn des realen Silvio Berlusconis geschlagen geben.

Es ist nicht so, dass Loro – Die Verführten ein schlechter Film wäre. Gerade das erste Drittel des Films, in welchem der Zuschauer dem korrupten Lokalpolitiker/Zuhälter Sergio (Riccardo Scamarcio) dabei zusieht, wie dieser einen Callgirl-Ring aufbaut, um die leichten Mädchen Silvio Berlusconi feilzubieten und so seinen Einfluss unter den Mächtigen Italiens zu vergrößern, ist eine voyeuristische Körperschau in Werbefilm-Ästhetik, die die politischen Probleme des Landes schonungslos offenlegt. Politik wird hier von triebgesteuerten, korrupten Hedonisten betrieben, deren Verlangen nach mehr und immer mehr Geld, Macht, Drogen und jungen Frauen einen eigenen Wirtschaftszweig mit sich bringt, der nur dafür da ist, die Wünsche der Politiker zu befriedigen.

Auch sonst besitzt Loro – Die Verführten grandiose Einzelszenen. Wenn sich Silvio Berlusconi beispielsweise spät in der Nacht bei einer alleinstehenden Frau meldet, sich als Immobilienverkäufer ausgibt und der Dame aus heiterem Himmel eine Eigentumswohnung aufschwatzt, wird nicht nur die Dame am anderen Ende der Leitung schwach, auch die Zuschauer verfallen gnadenlos der so viel versprechenden Stimme am anderen Ende der Leitung. Der Erfolg Silvio Berlusconis geht – zumindest wenn man dem Film Glauben schenken will – von dessen unverschämtem Verkaufsgeschick aus. Silvio Berlusconi verkauft nicht nur Träume, sondern auch sich selbst: Ein Lacher hier, ein Schulterklopfer dort und eine unangebrachte Bemerkung später, scheint der stets kalkulierende Politiker plötzlich kumpelhaft, fast schon plump in seinen Bemühungen um Anerkennung – eine Fassade, von der man sich nur allzu gern einlullen lässt. Der italienische Wähler wird in Paolo Sorrentinos Polit-Satire zum dämlichen Schaf, das sich von schicken Fassaden blenden und vom Fernsehen einlullen lässt, bis es letztlich vollkommen entkräftet und ausgezehrt zusammenbricht.

Dass sich der Film letztlich nicht rund anfühlt, liegt auch daran, dass Paolo Sorrentino keinen roten Faden durch Loro – Die Verführten spinnt und sich in den einzelnen erzählerischen Episoden verzettelt. Sergio (Riccardo Scamarcio) und seine Bande koksschnüffelnder Callgirls, die dem tristen Treiben immer etwas Farbe eingehaucht haben, verschwinden ebenso kommentarlos von der Bildfläche, wie einige von Berlusconis intriganten Verbündeten. Wenn Paolo Sorrentino mit der erneuten Wahl Silvio Berlusconis zum Ministerpräsidenten sogar die Götter zürnen lässt und Naturkatastrophen heraufbeschwört, greift der Regisseur auf unnötig überhöhte Bilder zurück. Dass hinter der verzerrt grinsenden Fratze Silvio Berlusconis, die er dem Zuschauer wieder und wieder mit diabolischer Freude entgegenstreckt, kein Heilsbringer steckt, sollte zu diesem Zeitpunkt des Films jeder verstanden haben.

Loro – Die Verführten startet am 15. November 2018 in den deutschen Kinos.

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