Drama

Kritik: Quo Vadis, Aida? (BIH 2020) –  Die offene Wunde Europas
Demnächst im Kino, Drama, Kritiken

Kritik: Quo Vadis, Aida? (BIH 2020) – Die offene Wunde Europas

Eine Gastkritik von Sascha Böß In der für den besten fremdsprachigen Film Oscar-nominierten internationalen Koproduktion Quo Vadis, Aida erzählt die bosnische und mehrfach ausgezeichnete Regisseurin Jasmila Žbanić (Esmas Geheimnis, 2006; Zwischen uns das Paradies, 2010) die folgenschweren Ereignisse um Srebrenica während des Bosnienkriegs im Juni 1995, die später als Völkermord bzw. Genozid von Srebrenica in die europäische Geschichte eingehen sollten, bei dem mehr als 8000 muslimisch-bosnische Jungen und Männer im Alter von 13-78 Jahren ermordet wurden. Was dieses Drama dabei von Anfang an von anderen Kriegsfilmen unterschiedet, ist die weibliche Perspektive und das in gleich dreifacher Hinscht: Nicht nur die Regisseurin und die Kamerafrau (Christine A. Maier) bestimmen unseren Blickw...
Kritik: Der Rausch (DK 2020) – Ein Plädoyer für das gute Leben
Drama, Im Kino, Kritiken

Kritik: Der Rausch (DK 2020) – Ein Plädoyer für das gute Leben

Eine Gastkritik von Sascha Böß Das Leben ist eingerostet. Es gibt nichts mehr zu erleben, nichts mehr zu hoffen. Man hat sich mit der Lage abgefunden. Der Alltag ist durchgeplant, es gibt keinen Raum mehr für Träume. Als der Geschichtslehrer Martin (Mads Mikkelson) seine Frau fragt, ob er langweilig geworden sei, antwortet sie lapidar: Früher sei er anders gewesen. In der Schule ist er abwesend, unkonzentriert, leidenschaftslos. Seine Schüler, die kurz vom dem Abschluss stehen, beschweren sich bei der Schulleitung über ihn. Martin und ein paar seiner befreundeten Lehrerkollegen sind gefangen in ihrem lethargischen, kleinbürgerlichen Leben. Neudeutsch würde man sagen: Sie befinden sich in der Midlife-Crisis. Die Freunde machen Martin eines Abends auf den norwegischen Philosophen und Psyc...
Cannes-Kritik: Titane (FR 2021) – Julia Ducournaus Crash
Demnächst im Kino, Drama, Festivals, Französischer Film, Kritiken

Cannes-Kritik: Titane (FR 2021) – Julia Ducournaus Crash

– gesehen im Rahmen des Wettbewerbs der 74. Internationalen Filmfestspiele von Cannes – Das junge Mädchen Alexia verliert bei einem von ihrem Vater verursachten Autounfall fast ihr Leben. Nach der lebensrettenden Operation muss sie fortan mit einer Titanplatte in ihrem Kopf leben. So viel Introduktion gibt Julia Ducournau noch in ihrer nur schwer zu greifenden zweiten Regiearbeit, welche viel mehr in eine Midnight Madness Sektion passen würde, als in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes. Doch genau im dortigen Programm ist Titane gelandet, und das nicht ganz grundlos. Es ist der bisher mutigste Film des Jahres, ein ebenso erschütternder wie bewegender Cocktail aus Körperhorror, Rock and Roll und neonfarbenen Welten, der darüber hinaus aber einiges über das 21. Jahrhundert zu sag...
Cannes-Kritik: Benedetta (FR 2021) – Paul Verhoevens Nonnensploitation
Demnächst im Kino, Drama, Festivals, Französischer Film, Kritiken

Cannes-Kritik: Benedetta (FR 2021) – Paul Verhoevens Nonnensploitation

- gesehen im Rahmen des Wettbewerbs der 74. Internationalen Filmfestspiele von Cannes - Extraordinary accusations require extraordinary evidence. Wie gut kann ein Film schon sein, der mit pupsenden Nonnen in einem mittelalterlichen Kloster startet, die sich obendrein gegenseitig mit einem Dildo verwöhnen, der in eine hölzerne Madonnafigur geschnitzt ist? Das ist selbstverständlich vulgär. trashig und ein ziemlich unsubtiler Giftpfeil gegen religiöse Alltagsstrukturen. Doch in der neusten Regiearbeit des niederländischen Enfant Terrible Paul Verhoeven (Starship Troopers, Robocop*) sind das eigentlich nur Randnotizen, welche beim Publkum für schallendes Gelächter sorgen. Hinter all den Obszönitäten und der überspitzten Gewalt, die in Benedetta dargeboten wird, steckt jedoch wieder ei...
Kritik: Mulholland Drive (US/FR 2001) – Lynchs Meisterwerk bald in 4K
Drama, DVD & Bluray, Kritiken

Kritik: Mulholland Drive (US/FR 2001) – Lynchs Meisterwerk bald in 4K

Hey, pretty girl, time to wake up. 1999 standen die verwirrten Fragezeichen mal wieder über den Köpfen des Zuschauers. Wenn man nun noch die Information erhält, dass es sich in diesem Jahr um einen Film von Regisseur David Lynch handelte, dann sollte der Groschen gefallen sein, doch dieses Mal war es vollkommen anders. Mit seinem Road-Movie-Drama The Straight Story, in dem David Lynch Richard Farnsworth einen großen Auftritt schenkte, ging der Filmemacher einen sensiblen und philosophischen Weg, der über das Leben und das Alter erzählte und in jeder Szene pures Gefühl übertragen konnte. Seltsam daran ist auf den ersten Blick natürlich gar nichts und auch dieser Film ist bis heute ein besonderes Stück Kino, doch betrachtet man die gesamte Filmografie von Mr. Lynch, dann ist die Überrasch...
Kritik: Nomadland (USA 2020)
Drama, Im Kino, Kritiken

Kritik: Nomadland (USA 2020)

Mein Dank für diese englischsprachige Gastkritik geht an Cliff Galiher, Filmexperte & -liebhaber aus Kalifornien, der Nomadland im September 2020 digital im Rahmen des 45. Toronto International Film Festival gesehen hat. I’m not homeless, I’m just houseless. Chloé Zhao continues to weave a cinematic tapestry from the vast heartland of America. As Nomadland begins, Fern (Frances McDormand) is leaving her home in the small factory town on the edge of the Nevada desert, just as it ceases to exist - the factory offering the majority of the local jobs has closed, everyone has gone and the postal code has been discontinued. Piling her household into a storage facility and her most essential treasures and provisions into a white van, she sets off onto the endless road. Fern seems well sui...
Kritik: In der Glut des Südens (USA 1978) – Terrence Malicks Melodrama neu auf Blu-ray
Drama, DVD & Bluray, Kritiken

Kritik: In der Glut des Südens (USA 1978) – Terrence Malicks Melodrama neu auf Blu-ray

Nobody's perfect. There was never a perfect person around. You just have half-angel and half-devil in you. Bill (Richard Gere) aus Chicago hat sich in einer Stahlfabrik mit einem Vorarbeiter angelegt und diesen bei einem Kampf getötet. Zusammen mit seiner Geliebten Abby (Brooke Adams), die sich als seine Schwester ausgibt, und deren kleiner Schwester Linda flüchten sie nach Texas. Dort reihen sie sich in die Scharen von Erntehelfern auf den riesigen Weizenfeldern eines wohlhabenden Farmers ein. Bill belauscht ein Gespräch und erfährt, dass der Farmer nur noch ein Jahr zu leben hat. Und Bill ist nicht entgangen, dass der Farmer ein Auge auf Abby geworfen hat. Und so ermutigt er sie, diesen zu heiraten. Es ist die Geschichte eines kurzen Aufstiegs, aufgebaut auf einer Lüge, die gleic...
Kritik: Wenn die Gondeln Trauer tragen (GB/IT 1973) – Nicolas Roegs Venedig-Trip jetzt in 4K
Drama, Horror, Kritiken

Kritik: Wenn die Gondeln Trauer tragen (GB/IT 1973) – Nicolas Roegs Venedig-Trip jetzt in 4K

Christine is dead. She is dead! Dead! Dead! Dead! Dead! Dead! John Baxter (Donald Sutherland) kommt mit seiner Frau Laura (Julie Christie) nach Venedig. Beide trauern um ihre Tochter, die erst kürzlich ertrunken ist. Als sie zwei mysteriösen Schwestern begegnen, geraten beide in den Bann unheimlicher Visionen. Daphne du Maurier sollte jedem Filmfan ein Begriff sein, schuf die britische Autorin doch die Vorlagen zu zahlreichen Filmklassikern, vornehmlich Hitchcock-Werke, von Rebecca (1940) bis Die Vögel (1963). Für die Verfilmung ihrer Erzählung Don't Look Now (zu Deusch: "Dreh dich nicht um") wurde allerdings der aufstrebende Regisseur und ehemalige Kameramann Nicolas Roeg verpflichtet, der aus der symbolreichen Geschichte einen okkultistischen Fieberalptraum schuf, der mit Alfred ...
Kritik: Laurence Anyways (FR/CA 2012) – Kleider machen Leute
Amazon Prime, Drama, Kritiken, Streaming

Kritik: Laurence Anyways (FR/CA 2012) – Kleider machen Leute

Eine Gastkritik von Florian Feick Unsere Generation ist bereit dafür. Wir können es schaffen. Der 34-Jährige Laurence (Melvil Poupaud= ist Lehrer für Literatur, führt seit zwei Jahren ein bescheidenes, dafür aber umso glücklicheres Leben mit seiner Freundin Frédérique (Suzanne Clément) und wird von den Kollegen respektiert und geschätzt. Doch tief in ihm brodelt bereits lange der leidenschaftliche Drang nach der Veränderung, die eigentlich gar nicht erst nötig sein sollte. Bereits seit 2009 gilt der aufstrebende Xavier Dolan als das Regiewunderkind des 21. Jahrhunderts, wurde sein erstes Werk I Killed My Mother doch vielfach von der Kritik gefeiert und dem damals erst 20-jährigen Dolan, der bereits im Kindesalter als Schauspieler erste Filmerfahrung sammelte, eine vielversprechend...
Kritik: Irreversibel (FR 2002) – Gefangen zwischen Schmerz und Sinnlosigkeit
Drama, Französischer Film, Kritiken

Kritik: Irreversibel (FR 2002) – Gefangen zwischen Schmerz und Sinnlosigkeit

Willst du dich rächen oder willst du, dass er in den Knast kommt? Nach seiner provokanten und extremen Gesellschaftskritik Menschenfeind setzte Regisseur Gaspar Noé mit Irreversibel 2002 genau auf diesem Härtelevel wieder an und schleuderte uns einen Film entgegen, der den Zuschauer genau da erwischt, wo es ihn am meisten schmerzt. Und dieser Schmerz bleibt. Die Kameraarbeit von Benoît Debie beginnt absolut irre, anstrengend und äußerst eigenwillig. Das Bild dreht sich unaufhaltsam in alle Richtungen und treibt den Zuschauer in wahre Schwindelgefühle. Doch je näher wir dem Anfang kommen, desto ruhiger werden auch die Aufnahmen. Der Soundtrack von Irreversibel ist nicht minder gewöhnungsbedürftig. Thomas Bangaltes Musik dröhnt und brennt sich in die Köpfe und lässt nicht nur einmal Gäns...