Die besten Filme des Kinojahres 2018 – Stefan stellt seine Lieblinge vor

2018 war ein holpriges Kinojahr, was weniger an der Qualität der in Deutschland angelaufenen Filme lag, als vielmehr an der Tatsache, dass gerade während der traditionell hierzulande schwachen Sommermonate aufgrund von WM zusätzlich tote Hose im Kinoprogramm angesagt war. Und auch die Netflix bereitet mir Kopfzerbrechen, denn neben grottigen Eigenproduktionen, die der Konzern auf seine scheinbar weitestgehend anspruchslose Kundschaft loslässt, kauft der Streaminggigant Filme kurz vor Kinostart und verhindert so, dass wir diese im Kino zu sehen bekommen. Ein limitierter Kinostart, wie es im Falle von Roma geschehen ist, ist da nur ein kleiner Trost.

Was gab es noch? Ach ja, Clint Eastwood ist vollkommen dem eigenen republikanischen Wahnsinn verfallen und verkauft dem Zuschauer in The 15:17 to Paris Urlaubsdias, Plattitüden, Waffenpropaganda und christlichen Idiotismus („my god is bigger than your statistics“) als relevantes Kinoerlebnis. Auch an der Blockbusterfront gab es dieses Jahr wenig Neues: Disney-Marvel bläst seinen Zuschauern in Avengers: Infinity War die Rübe weg und vergisst über all den Pathos die elementaren Stärken einer simplen Spannungskurve, DC versucht mit Aquaman erneut den Fingerabdruck des übergroßen Konkurrenten zu kopieren und Solo: A Star Wars Story ist zumindest an den Kinokassen ein Komplettausfall und begräbt bei der Box-Office-Bruchlandung gleich alle Pläne der Star-Wars-Anthology-Filmreihe. Einen Lichtblick gab es dann doch noch: Den Animationsfilm Spider-Man: A New Universe, der unbeschwert und frei im Spinnenmannuniversum umherkrabbelt und mit visuellen Spielereien ein frisches Seherlebnis bietet. Es ist nur schwer vorstellbar, dass dieser Film aus dem gleichen Hause stammt, das nur wenige Wochen zuvor den Augenkrebs-Blockbuster Venom auf die Menschheit losgelassen haben.

Lobende Erwähnungen: Climax (Noé), Der seidene Faden (PTA), Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (del Toro), Augenblicke: Gesichter einer Reise (Varda), Der Hauptmann (Schwentke), The Disaster Artist (Franco), Roma (Cuarón), The House That Jack Built (von Trier), Your Name. – Gestern, heute und für immer (Shinkai)

Enttäuschungen: The 15:17 to Paris (Eastwood), Suspiria (Guadagnino), Aquaman (Wan), Venom (Fleischer)

Die schlimmsten Filme des Jahres:  Mortal Engines: Krieg der Städte (Rivers). The 15:17 to Paris (Eastwood), Weltengänger (Mokritskiy), The Nun (Hardy), Ghostland (Laugier), Der Nussknacker und die vier Reiche (Hallström), Alpha (Hughes), Pacific Rim 2 (DeKnight), Destination Wedding (Levin), Winchester (Spierig), I Feel Pretty (Kohn, Silverstein)

Leider noch nicht gesehen:Transit (Christian Petzold), Werk ohne Autor (Florian Henckel von Donnersmarck), Zwei Herren im Anzug (Bierbichler), Die dunkelste Stunde (Wright), The Rider (Zhao), Shoplifters (Koreeda),  First Reformed (Schrader)

Meine Top 10 2018

Platz 10: Mandy  (Panos Cosmatos)

Nicolas Cage in Bestform. Mandy ist ein filmischer Drogentrip mit einer unglaublichen Sogwirkung, der seine Zuschauer von der erste Sekunde an zu fesseln vermag. In blau-rot getränkten Bildern schickt Regisseur Panos Cosmatos seine Zuschauer an den Rand des Wahnsinns. Mandy suhlt sich in schicker 80er-Jahre-Ästhetik, schert sich wenig um das Narrative, berauscht mit einem hypnotischen Soundtrack von Jóhann Jóhannsson und lässt im finalen Akt einen ungebremsten Nic Cage auf das Publikum los. Mandy ist ein stylisch-abgefuckter Over-the-Top-Höllentrip, keine einfach zu verdauende Kost, die aber gerade deshalb verdammt viel Spaß macht!

Platz 09: Lady Bird (Greta Gerwig) 

Regisseurin Greta Gerwig ist mit Lady Bird ein wunderschön melancholischer Coming-of-Age-Film gelungen. Christine McPherson (Saoirse Ronan), die sich von allen nur Lady Bird nennen lässt, wächst im Sacramento auf. Hier scheinen die Uhren noch anders zu ticken: Antiquierte Vorstellungen von Moral und Anstand bestimmen den schulischen Alltag der 17-jährigen Rebellin, die an einer katholischen Highschool ihren Abschluss macht und nur ein Ziel vor Augen hat: Ihre Heimatstadt hinter sich zu lassen und im hippen New York endlich ihr großes Glück zu finden. Lady Bird ist ein wunderbarer Film über das Erwachsenwerden, über all die Wunschgedanken und Möglichkeiten, die sich einem als Teenager auftun und dem unangenehmen Einbruch der Realität, der selbst die größten Träumer zurück auf den Boden der Tatsachen holt.

Platz 08: Isle of Dogs – Ataris Reise (Wes Anderson)

Wes Anderson lässt in Isle of Dogs – Ataris Reise nach Der fantastische Mr. Fox (2009) wieder einmal die Puppen tanzen. Wie üblich hat Anderson auch in seinem neusten Projekt eine namhafte Star-Riege um sich gescharrt. Diesmal stehen Edward Norton, Tilda Swinton, Bob Balaban, Jeff Goldblum und Bill Murray jedoch nicht selbst vor der Kamera, sondern leihen ihre Stimmen lediglich den wunderbar detailverliebt animierten Stop-Motion-Hunden, die sich gemeinsam mit dem kleinen Japaner Atari auf den Weg machen, dessen Hund Spots zu retten. Isle of Dogs – Ataris Reise ist ein visuelles Feuerwerk, ein Rausch der Sinne, fast in jeder Szene gibt es liebevolle Kleinigkeiten zu bestaunen – also eigentlich ein typischer Anderson. [Kritik + Trailer]

Platz 07: Florida Project (Sean Baker)

Florida Project ist wahrscheinlich der ehrlichste Film auf dieser Liste, erzählt er doch ohne Beschönigungen von der neuen „Lost Generation“ in Amerika: Kinder und Jugendliche, die ohne Schulbildung und Perspektive am untersten Ende der Sozialkette aufwachsen. Absolut großartig: Die junge Schauspielerin Brooklynn Prince, die den Film über weite Strecken fast alleine trägt.

Platz 06: Aufbruch zum Mond (Damien Chazelle)

Damien Chazelles Neil-Armstrong-Biopic Aufbruch zum Mond ist weit entfernt von typischer „American-Hero“-Propaganda. Neil Armstrongs (Wie immer fantastisch: Ryan Gosling) Weg zum Mond ist eine verlustreichen Einbahnstraße, die in Isolation und Entfremdung enden muss und von emotionalen Entbehrungen gezeichnet ist. 

Platz 05: Blackkklansman (Spike Lee)

Spike Lee ist mit BlacKkKlansman ein wunderbar abgedrehter Copfilm mit Retro-Charme und Gegenwartsbezug gelungen, bei welchem der Zuschauer – in Anbetracht der aktuellen politischen Lage in den USA – zu oft nicht weiß, ob er lachen oder weinen soll. [Kritik + Trailer]

Platz 04: Nanouk (Milko Lazarov)

Nanouk muss auf der großen Leinwand gesehen werden, allein die stille Kraft der unbändigen Naturbilder rechtfertigt den Kauf eines Tickets. Nanouk gewährt dem Zuschauer sehr intime Einblicke in das naturverbundene Leben des Rentierjägers, der in der Eiswüste Jakutien gemeinsam mit seiner Frau ein verlorenes Leben führt. Doch das Leben in der Tradition der Ahnen ist dem Untergang geweiht: Die Rentiere sind verschwunden, ebenso wie ihre Tochter Aga, die dem Leben in der Eiswüste den Rücken gekehrt hat und in die Bequemlichkeit der modernen Zivilisation gezogen ist. Nanouk ist ein poetischer, unaufgeregter Film mit einer unglaublichen emotionalen Strahlkraft.

Platz 03: Spider-Man: A New Universe (Bob Persichetti und Peter Ramsey)

Wer hangelt sich da von Hauswand zu Hauswand? Falsch, es ist nicht Peter Parker, der hyperintelligente Musterschüler, der als Spinnenmann mit losem Mundwerk in New York für Recht und Ordnung sorgt und selbst inmitten der größten Gefahren noch einen kecken Spruch auf den Lippen hat, sondern Miles Morales, seines Zeichens unbeholfener Teenager. Der neue Mann im Spinnenanzug schafft es dem festgefahrenen Franchise mal wieder neuen Schwung zu verleihen. Dies liegt zum einen an dem wunderbaren Animationsstil und der kreativen Inszenierung, die die Möglichkeiten des Animationsfilms großartig zu nutzen weiß. Spider-Man: A New Universe ist ein wunderbar verspielter Farbenrausch, vollgestopft mit Spider-Man Querverweisen, der als actionreiche Animationskomödie eine wunderbare Coming-of-Age-Geschichte zu erzählen weiß. Schlichtweg der beste und visuell innovativste Superheldenfilm seit Jahren!

Platz 02: In den Gängen  (Thomas Stuber)

Der neue deutsche Film macht einfach Spaß. In den letzten Jahren gab es kleine und große Überraschungen aus deutschen Filmschmieden: Western, Tony Erdmann, Der Nachtmahr, um nur einige zu nennen. Solche Filme entschädigen auch etwas dafür, dass Til Schweiger, Matthias Schweighöfer, Elyas M’Barek und Florian David Fitz noch immer Filme drehen dürfen. Auch dieses Jahr gab es wieder großartige Filme aus Deutschland, so beispielsweise Robert Schwentke filmische Rehabilitation Der Hauptmann – eine grausame Schauermär mit wahrem Kern über Macht & Missbrauch, Philip Grönings unglaublich sperriges Philosophie-Experiment Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot oder eben Thomas Stubers In den Gängen. Wie fühlt sich eigentlich ostdeutsche Großmarktromantik an? In den Gängen ist eine wunderbare Liebeserklärung an das Leben im Kleinen. Der Mikrokosmos Supermarkt wird zu einem märchenhaften Spielplatz menschlicher Emotionen und Franz Rogowski und Sandra Hüller sind wohl sowieso das sympathischste Liebespaar des aktuellen Filmjahres.

Platz 01: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (Martin McDonagh)

Kann ein solches Thema überhaupt als skurril-schwarzhumoriges Drama inszeniert werden, oder bleibt dem Zuschauer dabei nicht das Lachen im Halse stecken? Irgendwie gelingt Martin McDonagh dieser unmöglich erscheinende Spagat zwischen emotional-aufwühlendem Drama und absurder Komödie. Vielleicht auch, weil der Regisseur stets mit dem nötigen Feingefühl in der Charakterentwicklung vorangeht – und diese ist wirklich, wie schon in Brügge sehen… und sterben? oder auch seinem Oscar-prämierten Kurzfilm Six Shooter, das Herzstück des Films. Wie kaum ein anderer Regisseur versteht es McDonagh seine Charaktere nicht in erster Linie sympathisch, sondern menschlich zu zeichnen. Kein Anbiedern beim Publikum, keine Stützfigur, die dem Zuschauer stets in unverwundbarer moralischer Erhabenheit zur Seite steht. Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ist emotional ambivalentes Kino, wie es sein muss, wie es nur noch viel zu selten produziert wird und für mich [jetzt am Ende des Jahres kann ich das mit Gewissheit sagen] der beste Film des Jahres. [Kritik + Trailer]

HIER geht es zu Conrads, Leonhards, Pascals und Philippes Lieblingsfilmen des Jahres 2018.

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