"District 9" (NZ/USA 2009) Kritik – Auf der Flucht vor Veränderungen

„Was ist dein Geheimnis?“

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Aliens, Raumschiffe und fremde Planeten. All diese Dinge zählen zum Genre der Science-Fiction, einem der beliebtesten Themen der Filmgeschichte, das jährlich unzählige neue Vertreter bekommt, zuletzt erst mit Ridley Scotts „Prometheus“, in dem der Regisseur auf die Frage nach dem Ursprung des Menschen einging. Aber wenn man sich das Sci-Fi-Genre etwas genauer anguckt, dann vermisst man doch irgendwie die richtigen Klassiker und Meilensteine, die sich nicht nur als laues Lüftchen erweisen, sondern sich in den Köpfen der Zuschauer verankern und irgendwann einen unantastbaren Status in der Filmwelt genießen dürfen. Filme von einem Kaliber wie „Krieg der Sterne“, „Blade Runner“, „Alien“ und „Planet der Affen“ werden schmerzlich vermisst, auch wenn sich die goldenen Ausnahmen wie Duncan Jones‘ „Moon“ oder „Star Trek“, der die Anfänge der weltbekannten Crew dokumentiert, immer wieder in die Filmwelt einschleichen. Jedoch darf ein anderes Highlight der jüngeren Filmgeschichte nicht unterschlagen werden: Neill Blomkamps „District 9“ aus dem Jahre 2009.

Ein riesiges Raumschiff macht über Südafrika halt, genauer gesagt, positioniert es sich regungslos über Johannesburg. Die ersten Gedanken der Menschen zielen natürlich in die Richtung eines Angriffes, doch die Wahrheit ist eine ganz andere. Das Raumschiff ist nämlich randvoll mit Aliens, die sich als Flüchtlinge erweisen und von einem fernen Planeten entflohenen sind. Da sich die Menschen nicht einig sind, wie man mit den Aliens umgehen, ob die Angst weiterhin bestehen soll, oder ob der technologische Fortschritt sich eventuell doch als Vorteil erweist, werden die Aliens in eine Art übergroßes Flüchtlingslager gepfercht, das von dem Konzern MNU überwacht wird, die das Schicksal der Außerirdischen kein Stück interessiert, sondern viel mehr die hochtechnologische Waffentechnik. Doch um diese Waffen bedienen zu können, muss man einer der „Schrimps“ sein. Der MNU-Mitarbeiter Wikus Van De Merwe infiziert sich versehentlich mit einem Virus an, der seine DNA verändert und ihn immer mehr zu einem der Aliens verwandeln lässt. Die Jagd auf ihn beginnt

Bei dem unheimlichen Internethype um „District 9“ wurde immer ein Name dick und fett eingeblendet: Peter Jackson, der Regisseur von „Herr der Ringe“, der inzwischen schon Legendenstatus für seine drei übergroßen Meisterwerke genießt und auch für seine Splatterfilme den Kult auf seiner Seite hat. Aber um die falschen Erwartungen direkt zu stoppen: Peter Jackson war lediglich Produzent und hat dafür gesorgt, das „District 9“ von einem 30 Millionen Dollar Budget zehren kann. Was viel interessanter ist, ist die mehr als gelungene Kameraarbeit von Trent Opaloch, der zu Anfang des Films mit der Wackelkamera arbeitet und „District 9“ in bester Mockumentary-Manier vorstellt, um dann immer weiter zur gefestigten Kamera überzugehen, die ihre Subjektivität zu keinem Zeitpunkt verheimlichen will. Und auch die Spezialeffekte sind ein Augenschmaus, damit sind natürlich ganz besonders die Aliens gemeint, die allesamt aus dem Computer kommen, aber zu keiner Sekunde einen künstlichen Eindruck machen. Ein weiteres Highlight lässt sich ebenfalls in der Besetzungsliste finden, die Regisseur Blomkamp ausschließlich aus unbekannten Darstellern zusammengestellt hat. Gemeint ist Sharlto Copley als Wikus van de Merwe, der zu Beginn noch einen unsortierten und hektischen Eindruck macht, im Laufe der Geschichte seine Verzweiflung und Ausweglosigkeit immer besser darstellt und eine wirklich mitleidserregende und starke Performance abliefert.

„District 9“ hat zwei entscheidende Ebenen, auf die Regisseur Blomkamp seinen Film stützt, das Gerüst dabei aber zu keiner Sekunde einbrechen lässt. Zum einen ist es natürlich der Sci-Fi-Bereich, mit Aliens, Raumschiffen und fortgeschrittenen Waffen. Auf der anderen Seite ist es jedoch der realistische Hintergrund, der sich unverkennbar an die Aparteidpolitik Südafrikas richtet und eine ungemein deutliche Sozialkritik miteinbringt. Während die Aliens in ihrem „Ghetto“ diskriminiert werden, gerade auch deswegen, weil diese Außerirdischen größtenteils wirklich keine angenehme Zeitgenossen sind und sich als gewaltbereit und kriminell erweisen, wollen die Menschen nur ihren eigenen Vorteil aus den fremden Wesen ziehen und Profit mit ihnen machen. So nimmt „District 9“ vorerst einen dokumentarischen Stil ein und zeigt den Protagonisten wie in einer Reportage über die Umstände in den Slums, lässt ihn dabei immer wieder in die Kamera sprechen und gerne auch ein Interview mit den Aliens führen, doch die Stimmung schlägt schnell um und die Metamorphose findet ihren Beginn. Zwischen der gesellschaftlichen Eingliederung wird einer der Menschen zum Mittelsmann, der sich zwischen den Fronten verheddert und schnell zum Opfer beider Seiten werden kann. Was Blomkamp uns in „District 9“ erzählt, ist ein Sci-Fi-Bildnis der dynamischsten Sorte, gefangen zwischen Flucht, Rassismus, Konflikten und ungewollter Integration. Dabei kennt Blomkamp auch keinen Halt vor den brutalen Szenen und lässt immer mal Gliedmaßen und Blut durch die Gegend fliegen, was hier aber zu keiner Sekunde zum banalen Selbstzweck verkommt. „District 9“ ist intensives, emotionales, symbolisches und authentisches Kino, mit realer Hintergrundstütze. Hätte Blomkamp das Finale etwas weniger auf Krawall und Action gebürstet, dann wäre „District 9“ noch einen Schritt näher am Meisterwerk.

Fazit: Wer sich von „District 9“ hirnloses Sci-Fi-Kino mit insektoiden Aliens, die mal wieder die Menschheit auseinandernehmen dürfen, erwartet, der täuscht sich gewaltig. Regisseur Blomkamp setzt auf Sozialkritik, spannt ein Netz aus Rassismus und Vorurteilen und verbindet dieses Netz mit astreiner Action, die trotzdem ihren Tiefgang nie verliert. Mit den fantastischen Effekten, der gekonnten und sinnvollen Kameraführung, einem starken Protagonisten und der packenden Atmosphäre wird „District 9“ zu einem der Highlights der jungen Sc-Fi-Geschichte, auch wenn der Film sich kleinere Fehler erlaubt.

Bewertung: 8/10 Sternen

3 Comments

  • Hallo!
    Es gibt Filme, die einfach an mir vorbei gehen, die aber unglaublich stark sind.
    „Gamer“ war ein solcher, auf ihn traf ich nur durch Zufall.
    Eines Abends macht ich den Fernseher an und sah: District 9! Ich war ob des guten Films, auf den ich zufällig traf, völlig baff und fand ihn richtig, richtig super.

    Wirklich zu empfehlen!

    Nur das Ende fand ich traurig. Gut, auch nicht super schlimm, aber eben kein richtiges Happy End.

    Dennoch ein wirklich guter Film!!!
    Schaut ihn euch an 😉

  • Entschuldige, da habe ich doch glatt vergessen zuschreiben: Deine Kritik empfinde ich als fundiert und intelligent vorgetragen.
    Ich kann sie komplett unterschreiben. Auch dass du so nette Nebeninfos wie das mit Peter Jackson eingebaut hast, ist positiv hervorzuheben.

    Interessant fand ich auch die Afrikaner im Film, die wie eine Mafia wirkten. Man kann sich vielleicht nun vorstellen, wo das Gesetz in den Slums Afrikas bleibt und wie der Schwarzmarkt dort in etwa aussieht.
    Ich glaube schon, dass das einen realistischen Hauch hatte! Wenn auch eventuell überzeichnet.

    So, das wars aber nu 😉

    • Vielen Dank. 🙂
      Ich muss sagen, mir hat das Ende gefallen, besser hätte man es meiner Meinung nach gar nicht machen können, einfach konsequent in bester Cronenberg-Manier bis zum Ende durchgezogen.
      Und es ist doch immer wieder schön, wenn man Filme entdecken kann 🙂

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