Kritik: Alpha (USA 2018)

Alpha-Kritik-Film-2018

Pain will journey with us.

„UGH!“, so grunzt der Urzeitmensch. Die Waffen zum Kampf erhoben schieben sich martialische Körper durch archaische Landschaften. Albert Hughes (Menace II Society, The Book of Eli), der für Alpha erstmals ohne seinen Zwillingsbruder Allen hinter der Kamera stand, inszeniert trotz des erstmalig erhaltenen PG-13 Ratings gewohnt körperlich. Bereits die erste Szene, in der die gestählten Körper der Urzeitjäger in eine gnadenlose Schlacht gegen eine in Panik geratene Bisonherde geschmissen werden, lässt Erinnerungen an Zack Snyders griechischen Bodyporn 300 wach werden. Ja, Alpha will den Kinosaal mit dem Moschusduft der Mannwerdung füllen, während der Zuschauer im brachialen Bilderrausch dem Überlebenskampf des jungen Häuptlingssohnes Keda (Kodi Smit-McPhee) beiwohnt. Letztlich erweist sich der Coming-of-Age Survival-Film als steinzeitliche und ziemlich zahnlose Neuauflage der altbekannten „Ein Junge und sein Hund“-Thematik, die neuzeitliche Menschenbilder und Problemstellungen eins zu eins in die Gesellschaft der Urzeitmenschen überträgt.

Vor 20.000 Jahren bricht im eisigen Europa eine Jägergruppe der Solutréen auf, um noch einmal vor dem Einbruch des unbarmherzigen Winters genügend Nahrung für den Stamm zu beschaffen. Unter ihnen auch der junge Stammesführernachkomme Keda (Kodi Smit-McPhee), der an der Seite seines Vaters Tau (Jóhannes Haukur Jóhannesson) zum ersten Mal mit zur großen Jagd genommen wird. Doch als die Gruppe auf eine Herde Bisons trifft, nimmt das Unglück seinen Lauf, denn Keda wird von einem wild gewordenen Tier erfasst und über den Rand einer Klippe geschleudert. Zwar überlebt der Junge den Absturz schwer verletzt, muss aber feststellen, dass die Gruppe ohne ihn den Rückweg angetreten hat. Keda begibt sich auf den langen Rückweg, doch der Winter naht und auch ein Rudel Wölfe hat bereits die Fährte des verletzten Keda aufgenommen…

Alpha gibt sich alle Mühe, als bildgewaltiger Survival-Blockbuster über die Menschwerdung, Freundschaft und den unbändigen Überlebenswillen durchzugehen – quasi eine urvölkliche und leicht verdauliche Version von Alejandro G. Iñárritus The Revenant – und scheitert dabei spektakulär. Die Geschichte um den jungen Keda kann weder als Coming-of-Age-Story noch als Survival-Abenteuer richtig überzeugen. Das liegt in erster Linie daran, dass Setting und Charaktere nicht zusammenpassen wollen. Keda, der schmächtige Hauptprotagonist des Films, sieht nicht aus, als würde er um das tägliche Überleben in einer lebensfeindlichen Umwelt kämpfen müssen – in jedem anderen Film hätte er die stereotypische Rolle des introvertierten Bücherwurms inne, der im Laufe des Films beweisen muss, dass Gehirnschmalz Muskeln schlagen kann. Auch die Problemstellung um Stammesführer Tau und dessen einfühlsamen Sprössling scheint aus der Zeit gefallen: Ist der empathische und einfühlsame Sohnemann etwa zu sensibel, um den Stamm angemessen führen zu können? Während diese für die Urzeit sicherlich typischen Konflikte auf der Leinwand ausgetragen werden, läuft in meinem Kopf leise „Wann ist ein Mann ein Mann?“ von Herbert Grönemeyer.

Warum ausgerechnet für diesen Film Bisons geschlachtet und gehäutet werden mussten, weiß wohl nicht einmal der Regisseur selbst. Ein äußerst fragwürdiger Akt, der umso verwunderlicher erscheint, da ein großer Teil der Fauna in offensichtlicher CGI-Künstlichkeit erstrahlt. Dass die American Humane Association Alpha dementsprechend das „No Animals Were Harmed“-Zertifikat verwehrte, ist kaum verwunderlich. Dem Realismusgedanken kann diese Aktion kaum geschuldet sein, denn dieser wird bei passender Gelegenheit oder für ein gutes Bild allzu schnell über Bord geworfen. So bleibt insbesondere der gesundheitliche Zustand des Protagonisten dem Zuschauer ein stetiges Rätsel. Quält sich Keda in einer Szene noch mit offensichtlich lädiertem Fuß durch die unbarmherzige Landschaft, hat er wenig später kein Problem damit einen Wolf zu schultern und diesen durch die Gegend zu tragen. Das mag sich vielleicht kleinlich anhören, der Zuschauer wird jedoch so um das Gefühl für und die Sorge um den Protagonisten betrogen. Bluthusten infolge einer Lungenentzündung, sowie gebrochene Knochen und schwere Verletzungen nach Auseinandersetzungen mit Wölfen und Säbelzahntigern, scheinen vom Drehbuch immer wieder – wenn es gerade nicht passt – vergessen zu werden. Gerade für einen Film, der von der eigenen narrativen Kohärenz lebt, sind solche Fehler pures Gift.

Fazit: Trotz der kurz gehaltenen Laufzeit von 96 Minuten ist Albert Hughes Survival-Urzeitfilm Alpha eine zähe Angelegenheit. Die Domestizierung des Wolfes wird zu einer unterhaltungsarmen Urzeitsuppe in beeindruckenden CGI-Bildern.

Alpha ist ab dem 17. Januar 2019 auf Blu-ray und DVD erhältlich.

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