Kritik von Marc Trappendreher
Masken, Begehren und ein Koffer voller Illusionen – Billy Wilders flirrender Komödien-Klassiker der Identitäten Manche mögen’s heiß erstmals in Deutschland in 4K
Ein Zug schneidet durch die Nacht, als würde er nicht nur Raum, sondern Wirklichkeiten durchqueren. Hinter den Fenstern flackert Licht, Stimmen überschlagen sich, Gelächter mischt sich mit Nervosität – und irgendwo zwischen Kofferstapeln, Federn und falschen Wimpern beginnt sich eine Ordnung aufzulösen, die eben noch unverrückbar schien. Manche mögen’s heiß (Some Like It Hot) ist ein Film in Bewegung: eine rasende Flucht, die sich unmerklich in eine Reise ins Ungewisse verwandelt – dorthin, wo Identitäten nicht mehr feststehen, sondern ausprobiert werden.
Die Handlung setzt im Chicago der Prohibitionszeit ein: Die beiden erfolglosen Musiker Joe (Tony Curtis) und Jerry (Jack Lemmon) geraten zufällig in die Nähe eines Mafia-Massakers und werden zu unliebsamen Zeugen. Um der Verfolgung durch Gangster zu entgehen, bleibt ihnen nur ein radikaler Ausweg: Sie schließen sich – verkleidet als Frauen – einer reisenden Damenkapelle an. Als „Josephine“ und „Daphne“ gelangen sie so in einen Zug nach Florida, wo ein Engagement in einem Luxushotel wartet. Doch die Tarnung bringt neue Verwicklungen mit sich. Joe verliebt sich in die Sängerin Sugar Kane (Marilyn Monroe) und erfindet eine weitere Identität, um sich ihr zu nähern, während Jerry alias Daphne unerwartet die Aufmerksamkeit des exzentrischen Millionärs Osgood Fielding III. (Joe E. Brown) auf sich zieht. Zwischen Täuschung, Begehren und wachsender Verstrickung geraten die beiden immer tiefer in ein Spiel, das sie längst nicht mehr vollständig kontrollieren.
Billy Wilder entwirft seine Komödie als bewusst instabiles System. Schon die Anfangssequenz – ein Leichenwagen, der sich als Transportmittel für Schmuggler entpuppt – unterläuft jede Erwartung. Leben und Tod liegen hier dicht beieinander, Komik entsteht aus der Nähe zur Katastrophe. Die berühmte Gangsterszene, angelehnt an das St.-Valentinstag-Massaker, bringt eine Härte ins Spiel, die im klassischen Komödienkontext irritiert. Wilder verweigert die klare Trennung von Tonlagen: Das Heitere ist nie frei vom Bedrohlichen, das Leichte stets durchzogen von einem Unterstrom der Gewalt. Diese Störung setzt sich in der Struktur fort. Chicago erscheint als kalte, maskuline Welt der Ordnung und der Kriminalität; Florida hingegen als scheinbar heiterer Raum weiblicher Leichtigkeit und erotischer Versprechen. Dazwischen liegt der Zug – ein Übergangsraum, ein Schwebezustand, in dem sich die Figuren neu erfinden. Gerade hier entfaltet sich die eigentliche Dynamik des Films: Joe und Jerry, gezwungen zur Verkleidung, überschreiten nicht nur äußerlich Geschlechtergrenzen, sondern geraten in eine existentielle Verschiebung ihrer selbst. Wahrnehmung wird zur verhandelbaren Größe.
Was zunächst wie klassische Verwechslungskomik erscheint, entwickelt sich zu einem präzisen Spiel mit Identität. Joe nutzt seine Maskerade strategisch: Als „Josephine“ entkommt er der Verfolgung, als vermeintlicher Millionär nähert er sich Sugar. Seine Identität wird zur kalkulierten Inszenierung. Jerry hingegen verliert sich zunehmend in seiner Rolle als „Daphne“. Was als Tarnung beginnt, kippt in eine eigenartige Form von Zugehörigkeit – bis hin zu dem Moment, in dem die Grenze zwischen Spiel und Ernst nicht mehr eindeutig zu ziehen ist. Gerade in dieser Verschiebung liegt die eigentliche Radikalität des Films. Unter den Bedingungen des zur klassischen Studiozeit noch geltenden „Hays Codes“ wirkt Wilders Umgang mit Geschlecht und Begehren beinahe provokativ. Die Travestie ist hier nicht bloß Gag, sondern ein Mittel, die vermeintliche Stabilität von Rollenbildern offenzulegen. Identität erscheint als etwas Performatives, als ein Konstrukt, das sich situativ verändert. Die berühmte Schlusszeile – „Nobody is perfect“ – ist dabei weit mehr als ein humorvoller Abschluss: Sie fungiert als lakonisches Fazit eines Films, der seine produktiven Ambivalenzen bewahrt.
„How do they walk in these things, huh? How do they keep their balance?“
Auch Sugar Kane fügt sich in dieses Geflecht ein. Marilyn Monroe verleiht der Figur eine Mischung aus Unschuld und Melancholie, die sie über das Klischee hinaushebt. Ihr Leinwandimage – die berühmte „blonde Sexbombe“, reduziert auf Charme, Körper und scheinbare Naivität – wird von Wilder zugleich bedient und unterlaufen. Denn hinter der koketten Oberfläche schimmert eine leise Verletzlichkeit: Sugars Sehnsucht nach Liebe ist keine bloße romantische Pose, sondern Ausdruck einer wiederkehrenden Enttäuschung, die sie in die Arme immer neuer Illusionen treibt. Gerade in dieser Spannung zwischen Projektionsfläche und gebrochener Figur gewinnt sie an Kontur. Ihre Begegnungen mit Joe – gleich in welcher Maskierung – machen deutlich, wie sehr Begehren an Vorstellungen gebunden ist, während das „echte“ Gegenüber kaum je greifbar wird.
Umso bemerkenswerter wirkt diese Darstellung im Kontrast zu neueren Deutungen wie das Biopic Blond von Andrew Dominik, in dem Ana de Armas die Ikone verkörpert. Der Film zeichnet Monroe weitgehend als passives, fremdbestimmtes Opferbild und suggeriert dabei implizit eine künstlerische Leere, die ihr schauspielerisches Vermögen marginalisiert. Der nähere Blick auf Wilders Inszenierung steht dazu indes in deutlichem Widerspruch: Sie zeigt eine eigenständige Darstellerin mit feinem Gespür für Timing, Ironie und emotionale Nuancen. Gerade in dieser Differenz zeigt sich, wie sehr Manche mögen’s heiß nicht nur ein Spiel mit Masken ist, sondern auch ein Zeugnis der oft unterschätzten darstellerischen Intelligenz seiner Hauptdarstellerin.
Formal spiegelt sich diese Ambivalenz in Wilders Inszenierung wider. Musik, Rhythmus und Dialoge erzeugen eine permanente Bewegung, eine Turbulenz – bereits angelegt in der Typographie der Anfangscredits – die jede feste Größe unterwandert. Die Figuren streiten, flirten, improvisieren – oft wie ein altes Ehepaar, das sich längst in seinen Rollen eingerichtet hat, ohne sie je vollständig zu verstehen. Der Film wird so zu einer Art kontrolliertem Chaos, in dem Gegensätze nicht aufgelöst, sondern produktiv gemacht werden.
Mit der am 30. April 2026 erscheinenden Mediabook-Edition von Capelight Pictures erhält dieser Klassiker – besser gesagt eine der legendärsten Komödien aller Zeiten – nun auch endlich in Deutschland eine würdige Neupräsentation. In den USA ist Manche mögen’s heiß bereits länger sowohl bei KL Studio Classics* als auch bei Criterion* auf 4K Blu-ray erhältlich. Alle drei Editionen bietet den passenden Rahmen für diese vielschichtige Komödie. Die Restaurierung hebt die fein abgestuften Grautöne eindrucksvoll hervor und verleiht dem Film eine visuelle Klarheit, die seine präzise Bildgestaltung neu erfahrbar macht; auch die Tonspur präsentiert sich sauber, differenziert und angenehm ausbalanciert. Besonders hervorzuheben ist die separate Bonus-Blu-ray bei Capelight Pictures, die das Werk um zahlreiche Hintergrundmaterialien erweitert: darunter ausführliche Dokumentationen zur Entstehungsgeschichte, Retrospektiven zur Karriere Billy Wilders, Interviews mit Cast und Crew sowie Analysen zur kulturhistorischen Bedeutung des Films. Ergänzt durch Audiokommentare und ein informatives Booklet entsteht so eine Edition, die weit über die reine Präsentation des Films hinausgeht und ihn als vielschichtiges, bis heute nachwirkendes Meisterwerk des klassischen Hollywood-Kinos erfahrbar macht.
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Dt. Kinostart: 17. September 1959
Release 4K Blu-ray: 30. April 2026
Verleih Blu-ray: Capelight Pictures
Regie: Billy Wilder
Darsteller: u.a. mit Tony Curtis, Jack Lemmon und Marilyn Monroe
FSK-Freigabe: ab 16
Laufzeit: 2 St. 02 Min.
★★★★★★★★
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