Löschen kostet nichts: Wie Netflix & Co. gegen Blackfacing vorgehen

Die aktuell grassierende Welle an Löschungen seitens großer Streamingdienste wie Netflix oder Hulu zeigt, wie Schreckensnarrative rechtspopulistischer Strömungen als symbolischer Aktionismus bedient werden, um notwendigen Debatten über Repräsentation, Kunstfreiheit, Eigentum und Antirassismus aus dem Weg zu gehen.

Filme und Serien gehören uns nicht (mehr). Sie gehören weder dem Publikum, noch den Autor*innen. Sie gehören internationalen Konzernen, die uns für eine monatliche Abgabe ein volatiles Angebot bereitstellen. Wir schauen, was verfügbar ist, nicht unbedingt, was wir sehen wollen. Und das Angebot ist oftmals so flüchtig, dass ich eigentlich nur mit Freude auf meine, zugegeben nicht günstige, Sammlung aus Blurays und DVDs schauen kann. Würde ich den Kaufwert meiner Sammlung in Summe den monatlichen Kosten eines Netflix-Abos gegenüberstellen, ich müsste wohl Jahrzehnte lang Netflix konsumieren, um auf eine ähnliche Summe zu kommen. Einzelne Filme sind im Vergleich sehr viel teurer. Die Versuchung, aber auch schlicht die Notwendigkeit für einen bezahlbaren Zugang zu Medien ist also offensichtlich. Der Aufpreis ist allerdings der Eigentumsverlust. Die DVD in meiner Sammlung bleibt. Bei Netflix kann meine Lieblingsserie theoretisch jeden Moment verschwinden. Das scheint auf den ersten Blick ein kleinliches Problem zu sein, aber insbesondere im Hinblick auf Archivierung und das historische Fortbestehen von Streamingmedien wird es wahrscheinlich noch zu größeren Problemen führen.

Im Falle der Archivierung muss immer entschieden werden, was archiviert wird. Das ist zwar vornehmlich eine ökonomische als eine ästhetische Entscheidung, aber bei Fragen der Kanonisierung gibt es klare Ungleichheiten. Als HBO im Zuge der aktuellen BlackLivesMatter-Proteste den rassistischen Hollywood-Klassiker Vom Winde verweht aus dem Angebot nahm, gab es einen medialen Aufschrei seitens rechter und konservativer Bewegungen. Der Empörungsjournalismus fand im Auge des Shitstorms eine dankbare Quelle an Engagement. Eine Debatte war das kaum, insbesondere weil sich HBO der historischen Bedeutung des Films bewusst ist und ihn als kommentierte Fassung zurück ins Programm holen wird. Darüber hinaus kann der Film in zig Editionen als DVD oder Bluray erstanden werden. Zensur sieht anders aus. Zutiefst problematische Artefakte der Filmgeschichte, wie z.B. Die Geburt einer Nation, Triumph des Willens oder Jud Süß können auf irgendeine Weise gesehen werden, wenn auch in kommentierter Fassung oder in Bildungskontexten. Der Zugang zu derlei Filmen ist per se zu begrüßen, weil die kritische Auseinandersetzung stets besser ist als die vorenthaltende Bevormundung. Als Donald Trump im Bezug auf den Oscar-Sieg des südkoreanischen Films Parasite twitterte, dass er sich lieber wieder Filme wie Vom Winde verweht als Gewinner wünscht, wurde deutlich, wie entscheidend die populäre Aneignung von Medien ist. Vom Winde verweht sollte sichtbar bleiben, um ihn kritisch zu analysieren und seine Versuchungen zu entlarven. Filme können nicht imaginiert, sie müssen gesehen werden. Ein lexikalischer Eintrag über die Rassismen eines Films, macht diese nicht verständlich und somit angreifbar. Im gleichen Zug sollte stets die hegemoniale Aneignung und Kanonisierung hinterfragt werden. Wenn Donald Trump einen Film favorisiert, sollte man  vielleicht zweimal hinschauen und überlegen, welchen Stellenwert wir diesem Film als Kultur-Aushängeschild beimessen wollen.

Vom Winde verweht

Was hat das nun mit Sitcoms wie 30 Rock, Community oder Golden Girls zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel und das ist genau der Punkt. Bevor es Streaming gab, gab es DVD-Boxen von Serien, die zum Bingen einluden. Serienboxen waren recht teuer und nahmen viel Platz weg. Das Hauptaugenmerk der großen Streamingdienste sind nach wie vor Serien und wir alle sind schnell auf den Zug aufgesprungen. Serien streamen: das spart Platz und Geld. Und wenn wir ehrlich sind, das Angebot von Serien im DVD- und Bluray-Sektor ist äußerst unsexy. Von vielen Serien gibt es nur DVD-Fassungen in SD. Die Boxen an sich wollen auch selten ein Schmuckstück im Regal sein und ohnehin gelten Serien doch eher als Verbrauchs- denn als Kunstware. Letzteres mag zwar nicht für kanonisierte Drama-TV-Sternstunden des neueren „Golden Age of Television“ gelten, allerdings gilt es höchstwahrscheinlich für Sitcoms. Die Sitcom erweckt nicht den Eindruck von Kunst, weil sie der naturalistischen Ernsthaftigkeit heutiger Kunstnormen mit ihrer primären Fokussierung auf Komik zuwiderläuft. Sie ist zudem ein ungemein standardisiertes und durchformatiertes Genre, eine wahrhaftige Geburt des kommerziellen Network-TV. Jede Folge endet wie sie angefangen hat, eine ewige Wiederkehr des Gleichen. Im Zentrum ein meist diverses, sich sowohl anziehendes als auch abstoßendes Ensemble an Figuren, die über Jahre zu guten Freund*innen bzw. zur perfekten Familie werden. All diese klassischen Sitcom-Merkmale stehen natürlich den Merkmalen des Quality-TV diametral entgegen, die eher die Toxizität von Gemeinschaften und die Ambivalenz ihrer vornehmlich weißen, cis-männlichen Antihelden in Form einer epischen, horizontal erzählten Handlung beinhalten. Es sind Serien, die künstlerisch Aufsehen erregen, die man – so der Volksmund – gesehen haben muss.

All dieses Aufsehen geht oft an der Sitcom vorbei. Sie erfährt weder den Archivierungsanspruch zutiefst problematischer aber „erhaltenswerter“ Filmklassiker, noch wird sie als Text insoweit ernst genommen, dass ihre ästhetischen, sozialen und politischen Dimensionen genügend diskutiert werden, wie im Fall von Dramaserien. Die Achillesverse scheint die Komik selbst zu sein. Begriffe wie „Satire“ oder „Humor“ werden als Schilde genutzt. Der Ausspruch „Das ist doch nur Satire.“ erinnert an die Replik eines Chauvinisten nachdem er einen misogynen Spruch abgelassen hat: „War doch nur ein Witz.“ Es gilt irgendwie das Missverständnis, dass Humor zum einen alles darf, aber letztendlich harmlos ist. Nichts davon ist der Fall. Komische Texte sind komplexe Texte, die zum Lachen bringen sollen. Das ist schön. Das verbreitet Freude. Warum wir lachen, hat allerdings ernst zunehmende Ursachen. Sei es aus freudianischer Sicht, die Abfuhr von Spannung zwischen unterbewussten Trieben und zivilisatorischen Ansprüchen oder als Ausdruck von Überhöhung. Wir lachen über jemanden, um uns selbst aufzuwerten. Das sind nur Theorien, aber sie verweisen auf reale, soziale Gefüge, die ernst genommen werden müssen. Vielleicht würde es der Humorkultur in diesem Land gut tun, Komik an sich sowie komische Filme und Serien ernster zu nehmen.

Die geringe Wertschätzung der Sitcom fördert letztendlich den Anschein, sie wäre quasi „Wegwerfware“. Auf sie kann eher verzichtet werden als auf Vom Winde verweht oder Mad Man. Den Anfang machte Autorin Tina Fey, die die Streaminganbieter bat, fünf Folgen ihrer Serie 30 Rock in denen Blackfacing vorkam aus den Katalogen zu entfernen. Gesagt, getan, Amazon und Sky reagierten prompt. Nach meinem aktuellen Wissensstand kann man die besagten Folgen nur noch sehen, wenn man die Serie als DVD-Boxen zuhause hat. Auch wenn ich Feys Motiv nachvollziehen kann, zeugt die Löschung wahrlich nicht von einem verantwortungsvollem Umgang, weder mit dem Thema Blackfacing und Antirassismus, noch dem eigenen Werk. Es ist letztendlich symbolischer Aktionismus, der von einer seltsamen Bevormundung vornehmlich schwarzer Menschen zeugt, die angeblich zu empfindlich sind, um diese Folgen sehen zu dürfen.

Blackfacing in 30 Rock

Blackfacing in 30 Rock wird in erster Linie als rassistische und verwerfliche Handlung dargestellt, die es uns erlaubt, uns über die angemalte, weiße Figur lustig zu machen; sie auszulachen für ihr Fehlverhalten. Der Philosoph Henri Bergson sah im Lachen über andere stets eine erzieherische Funktion, in der das Abnorme verlacht und langfristig korrigiert wird. Ein zweischneidiges Schwert, weswegen es so wichtig ist, Humor ernst zu nehmen und zu hinterfragen, wer über was lacht. Mario Barth macht Witze über Frauen. Kaum ein Comedyformat kommt ohne Witze über dicke Menschen aus. Es sind nicht nur Witze. Sie kritisieren oder affirmieren Machtverhältnisse. Die Löschung der 30 Rock-Folgen hat letztendlich diese kritische Repräsentation von Blackfacing unsichtbar gemacht und leider auch rassistische Weiße, zumindest innerhalb der Serie, vor der Schmach bewahrt, ausgelacht zu werden.

Die Nachahmer blieben nicht aus. Viele Streamingdienste scheinen nun ihre Kataloge zu durchforsten und Folgen oder Szenen zu löschen. Seltsamerweise stehen Sitcoms zuerst auf der Löschliste. So wurde aktuell eine Folge der Kultserie Golden Girls entfernt, in der die titelgebenden, weißen, älteren Damen mit Schlammmasken zusehen sind, was laut dem Streamingdienst einen Löschgrund darstellt. Der daran gekoppelte Blackfacing-Witz ist zwar wahrlich schlecht gealtert, die Folge behandelt aber zudem explizit reale Probleme von Paarbeziehungen zwischen Schwarzen und Weißen. Die Löschung hat diese Auseinandersetzung nun buchstäblich ausgelöscht.

Ein ähnlich absurdes Beispiel ist die Löschung der ersten Dungeons-and-Dragons-Folge der Sitcom Community, in der die Figur Chang als Dunkelelf geschminkt (weiße Haare, spitze Ohren, komplett schwarz geschminkte Haut) auftaucht. Zum einen wird die frappierende Ähnlichkeit zum Blackfacing von der schwarzen Figur Shirley explizit gemacht, wodurch Chang unfreiwillig zum lächerlichen Rassisten wird. Zum anderen verschwindet Changs Figur nach wenigen Minuten aus der Folge. Im Zentrum steht dagegen der Außenseiter Neil, der unter Depressionen und Fatshaming leidet. Innerhalb der Serie bildet die Folge zudem eine bedeutende Zäsur, nicht nur als eine der beliebtesten Episoden, aber auch als Wendepunkt innerhalb der marginal erkennbaren horizontalen Erzählung. War die Figur Pierce Hawthorne zuvor noch ein nicht wirklich ernst genommener Boomer mit problematischen Ansichten, entpuppte er sich hier als erschreckendes Scheusal, dessen Schatten seine Figur bis zum Ende der Serie begleiten sollte. Mit der Löschung der Folge geht nun all das verloren.

Warum macht man so etwas? Wie schon gesagt, ich möchte nicht die antirassistischen Motive kritisieren, die den Löschungen zugrunde liegen. Mit Blick auf die Streaminganbieter würde ich allerdings eher kapitalistisches Kalkül unterstellen. Mit einem einzigen Klick auf die Löschtaste entgehen die Konzerne potenziellen Vorwürfen des Rassismus und können sich im gleichen Zug als Handelnde inszenieren, die „etwas“ gegen Rassismus unternehmen. Diese Löschungen kosten nichts und haben Strahlkraft. Die Medien berichten und das Engagement steigt. Nebenbei werden rechtspopulistische Narrative linker Zensur und wuchernder Political Correctness bedient. Den Firmen scheinen irgendwie die Hände gebunden, denkt man. Die böse Cancel Culture ist letztendlich schuld. Wir kommen ihr nur zuvor, tönt es zwischen den Zeilen.

Schlammmasken in Golden Girls

Wären die Streaminganbieter und Autor*innen wie Tina Fey wahrhaftig an (anti-)rassistischen Repräsentationen in den Medien interessiert, würden sie ihr Publikum nicht so bevormunden. Es gäbe zahlreiche, bessere Lösungswege. Sei es der HBO-Weg, indem kommentierte Fassungen angeboten werden oder Begleitmedien zu Rassismus in Film und Fernsehen. Grundsätzlich ist es immer besser, eine bestimmte Szene zu löschen anstatt gleich die ganze Folge. Ein anderer Weg wäre, bei der Auswahl des Films oder der Folge die Zuschauer*innen per Texttafel zu informieren und ihnen die Wahl zu lassen, welche Version sie schauen wollen. All diese Lösungen sind allerdings komplizierter und finanziell aufwendiger als einfach nur zu löschen, klar. Deswegen ist es auch unwahrscheinlich, dass die Streamingkonzerne einen dieser Wege gehen werden, es sei denn, es handelt sich um einen Film wie Vom Winde verweht oder eine hochdekorierte Dramaserie. Sitcom-Episoden in ihrer scheinbar fabrizierten Einheitlich- und Austauschbarkeit werden dagegen ohne Nachzudenken gelöscht, mühelos. Dabei hat es gesellschaftlich noch nie genützt, kulturelle Werke, egal wie bedeutend, zu vernichten. Es hilft nur, dass man über sie spricht. Da uns diese Episoden nicht gehören, können wir wenig dagegen unternehmen. Das einzige, was wir tun können, ist uns nicht mit diesen hohlen Gesten zufrieden zu geben. Jede Nachricht über eine weitere Löschung ist schlussendlich nur PR, im positiven wie im negativen. Jede dieser Meldungen wird zig mal wiedergekaut, verstopft die Aufmerksamkeitskanäle, verschiebt den Diskurs und läuft dem antirassistischen Kampf zuwider. Kein Like meinerseits.

von Conrad Mildner

Nachtrag: Wer mehr zu Racial Humor erfahren möchte und wie dieser speziell in den Arbeiten Tina Feys genutzt wird, dem kann ich nur diesen hervorragenden Video-Essay von T1J empfehlen.

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