Kritik: Sisters – Schwestern des Bösen (USA 1972)

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Erinnere dich!

Grace Collier (Jennifer Salt) beobachtet wie ein Mann in der Wohnung gegenüber bestialisch ermordet wird. Als die Polizei nichts findet bzw. nichts finden will, macht sich Grace selbst auf den Täter zu finden. Bei der Suche stößt sie auf den Fall eines verschwundenen, siamesischen Zwillingspaares.

Nicht im Geringsten fällt es leicht das zu glauben, was da auf dem Bildschirm vor sich geht. Selbst wenn man Alfred Hitchcocks Werk in und auswendig kennt und man sogar die Handlung von Sisters – Die Schwestern des Bösen (beinahe) mühelos vorhersehen kann, man glaubt es doch nicht. Schwarzer Engel (1976), Brian de Palmas Durchbruch, mag zwar die stringentere Hitchcock-Hommage sein, aber sie ist auch gefährlich nah am Plagiat. Sisters dagegen zerlegt Hitchcock in seine Einzelteile und ordnet sie überraschend neu an, schon allein was die Perspektive auf den unschuldig Verfolgten angeht. Brian de Palma hat seinen Film mit Anspielungen und Zitaten übersät und bringt es doch fertig sie so für sich zu vereinnahmen, dass sie schon fast originell erscheinen. Man braucht nur an die erste Mordszene zu denken. Der Cutter Paul Hirsch unterlegte die Szene damals zu Demonstrationszwecken mit Musik aus Alfred Hitchcocks Psycho (1960), was Brian de Palma so begeisterte, dass er mit viel Geld Bernard Herrmann ins Boot holte, den er vorher für tot gehalten hatte. Gerade Bernard Herrmanns Score sorgt für den stärksten Hitchcock-Touch, obwohl sich der Meister gekonnt selbst reflektiert. Die Musik von Sisters wirkt manchmal wie eine Karikatur seiner alten Werke, weniger originell, aber dafür wild geremixt bis an die Grenze zur Penetranz.

Anstatt, wie in Schwarzer Engel, die Handlung von Alfred Hitchcocks Vertigo – Aus dem Reich der Toten (1958) neuzuspinnen, bearbeitet Sisters eine Geschichte aus Brian de Palmas eigener Feder. Wunderlicherweise nimmt sein Film bereits Eigenarten von David Cronenberg zuvor, der zwei Jahre später sein Kinodebüt mit Shivers ablieferte und erst 1988 eine ähnliche, wenn auch weitaus taktvollere, Zwillingsgeschichte (Die Unzertrennlichen) auf die Leinwand brachte. Man sieht: Nicht nur Brian de Palma kann „kopieren“, man kann auch Brian de Palma „kopieren“. Dieses Wechselspiel ist in der Postmoderne ohnehin geläufig, obwohl ich bezweifle, dass es wirklich so etwas wie eine Postmoderne gibt, da jeder Filmemacher jeder Epoche darauf aufbaut, was seine Vorgänger geschaffen haben, aber das ist eine andere Geschichte.

Sisters ist ein Frühwerk Brian de Palmas mit äußerst geringem Budget. Das sieht man dem Film auch teilweise an, aber es erstaunt wie mitreißend er dennoch ist. Der Stilwille fesselt und kittet die komplett amoklaufende Dramaturgie, die in ihrer Unausgegorenheit schon wieder sympathisch wirkt, vom Trashfaktor ganz zu schweigen. Die minutenlange Splitscreen-Sequenz mit ihren Überschneidungen war zwar nichts Neues, denn Brian de Palma holte sie praktisch aus der Mottenkiste hervor, trotzdem wurde sie sein Markenzeichen. Spätestens mit Carrie (1976) wurde die Technik wieder salonfähig.

Brian de Palmas (postmoderne) Krakenarme reichen natürlich noch viel weiter. Im grenzdebilen, aber faszinierenden Finale taucht der Film metertief in die Psychen seiner Figuren ein, vermischt Roman Polanski mit Luis BuñuelRosemary’s Baby trifft auf den andalusischen Hund. Die wahre Meisterschaft Brian de Palmas liegt also nicht im Verschleiern seiner Referenzen, sondern in seiner Ehrlichkeit. Er huldigt seinen Vorbildern und schlachtet sie dennoch gnadenlos aus, verkürzt sie, denkt sie neu, so weit bis sie ihm gehören, bis sie dem Film dienen, der unterm Strich ein Brian de Palma Film ist.

Sisters ist letztendlich ein einzigartiger Thriller, der ganz auf die Kraft des Kinos vertraut, der manchmal eine saubere Geschichte nur des Effekts wegen vernachlässigt. Allein darin erscheint die Essenz großer Frühwerke. Da ist ein Filmemacher, der etwas zu sagen hat, aber niemand hört auf ihn. Er baut sich ein kleines Podest, um die Massen zu überragen. Was bliebe ihm anderes übrig, als laut zu brüllen? Für die einen laut genug, damit sie ihn gerade hören können, andere dagegen müssen sich bei dem Lärm die Ohren zu halten.

Sisters ist ab dem 25. Juni 2020 auf Blu-ray im Mediabook erhältlich. Falls die Kritik dein Interesse geweckt hat, dann unterstütze uns gerne, indem du den Film via einer der folgenden Links bestellst.

1 Comment

  • holly

    ja, in der beschränkung(der mittel)zeigt sich oft die wahre meisterschaft.das gilt für de palma wie für carpenter und auch noch einige andere.spannend, blutig und efefektvoll orchestriert.ein highlight der seventies

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