"Seelen" (USA 2013) Kritik – Ein Liebesdreieck im Quadrat

Autor: Jan Görner

null

„If our memories are still alive…are we?“

Die Erde in einer nicht allzu fernen Zukunft: Nachdem außerirdische Parasiten, die so genannten ‚Seelen‘, begonnen haben, sich in Menschen einzunisten, ist nichts mehr, wie es war. Nur wenige Überlebende haben in abgeschiedenen Regionen ihres einstigen Heimatplaneten überlebt und befinden sich auf der ständigen Flucht vor den Häschern des neuen Systems. Melanie (Saoirse Ronan) ist eine dieser Überlebenden. Als sie bei einem Beutezug mit ihrem Bruder Jamie (Chandler Canterbury) droht, den Aliens in die Hände zu fallen, misslingt die Flucht und sie stürzt mehrere Stockwerke in die Tiefe. Doch Melanie überlebt. Angetrieben von dem Willen ihren Geliebten Jared (Max Irons) noch einmal wiederzusehen, übersteht auch ihr Bewusstsein die Verschmelzung mit dem Wanderer genannten Parasiten. Allmählich gelangen die Zwei zu einer Verständigung. Doch als ihnen schließlich die Flucht gelingt, heftet sich eine Sucherin (Diane Kruger) an ihre Fersen, um den gesamten menschlichen Widerstand auszuheben.

Von High-Concept-Science-Fiction reden wir, wenn sich ein Konzept in wenigen Worten beschreiben lässt. In diese Kategorie gehört auch „Seelen“: Wie wäre es, wenn ein außerirdischer Symbiont den Geist einer Jugendlichen übernimmt, die dagegen ankämpft?. In dieser Hinsicht lässt sich auch die Wahl von Andrew Niccol deuten, der als Regisseur von „Gattaca“ und zuletzt dem etwas bemühten „In Time“ sowie Drehbuchautor von „Die Truman Show“ sicherlich als Könner in diesem Bereich gelten darf. „Seelen“ ist trotzdem handwerklich der ein oder andere Schnitzer vorzuwerfen, gerade das behäbige Erzähltempo tut der Geschichte nicht gut. Dennoch, das Problem liegt leider ganz eindeutig beim Drehbuch.

Im Vorfeld der Bucherscheinung wurde „Seelen“ allen Ernstes als „Science Fiction für Leute, die keine Science Fiction mögen“ beworben. Wer damit in Wirklichkeit gemeint war, dürfte klar sein: Frauen. Dass man sich mit einer derart eingeschränkten Sicht eigentlich nur in die Nesseln setzen kann, sollte jedem klar sein, zu dem sich inzwischen rumgesprochen hat, dass eine fesselnde Story und interessante Charaktere keine (konstruierten) Geschlechtergrenzen kennen. Einem Erfolg an den Kinokassen stand dies jedoch ebenso wenig im Wege wie einem Platz auf den Bestsellerlisten. Die Marschrichtung war klar: Was Meyer für das Vampir-Genre getan hat, überträgt sie mit „Seelen“ auf die Science Fiction.

Und so überrascht es nicht, dass im Zentrum der Erzählung die emotionale Zerrissenheit einer jungen Frau steht. Während Melanie sich nichts sehnlicher wünscht als wieder mit ihrem Freund Jared zusammen zu kommen, entwickelt der Wanderer (oder Wanda, wie er später genannt wird) Gefühle für Ian (Jake Abel), den Bruder des Mannes (Boyd Holbrook), der den Hybriden auf recht rabiate Weise kaltmachen wollte. Dieses Liebesdreieck im Quadrat füllt praktisch den gesamten zweiten Akt der Geschichte und wird auf dermaßen hanebüchene Weise geklärt, dass sich der Zuschauer nicht als Erwachsener ernstgenommen fühlen kann. Es sollte nicht explizit erwähnt werden müssen, aber Drama entsteht nun einmal durch Konflikt. Dass sich die Geschichte diesen zu einem Gutteil schon aufgrund der Prämisse von den friedliebenden Aliens selbst versagt, kann eine bestenfalls zweitklassige Autorin wie Meyer nicht als Herausforderung begreifen. Stattdessen demontiert sich die von ihr erschaffene Welt von Minute eins an selbst. Übrig bleibt müder Kitsch. Die inhärenten Tugenden, welche das Drehbuch der menschlichen Rasse unterstellt, geraten darüber hinaus völlig aus dem Fokus. Wie soll der Wanderer den Wert menschlichen Lebens entdecken, wenn jegliches moralisches Dilemma entweder umgangen oder im Verlauf der Geschichte ignoriert wird?

Politisch lässt sich die bekennende Mormonin Meyer indes nicht in die Karten sehen. Eine Welt ohne Lügen, Ladendiebstahl oder Geschwindigkeitsüberschreitungen, so sieht die Dystopie von „Seelen“ aus. Ist die Herrschaft der wohlmeinenden Tyrannen ein Hieb gegen das linksliberale Obama-Klientel, welches in den Augen vieler Konservativer das historisch höchste Gut der amerikanischen Gesellschaft, die Freiheit, verspielt? Eine Diktatur der Gutmenschen, die in Hybridautos umherfahren, im Brustton der Überzeugung vom Wohle der Mehrheit schwärmen und den Planeten schützen wollen, dafür aber den Menschen ihre gottgegebene Freiheit nehmen auch mal die eigenen Artgenossen zu dezimieren. Sie sitzen in sterilen Büros, starren auf Computerbildschirme und sind so entfremdet wie es nur geht von der eigentlichen Wertschöpfung. Gleichzeitig wird Melanies wertbewusste, mit einer Schrotflinte bewaffnete Onkel (William Hurt) als ehrlicher Arbeiter glorifiziert, der seine Schützlinge lehrt, dass Demokratie da nicht hingehört, wo sie zu Diskussionen führen kann. Dafür kann er sie – Kraft der Scholle! – ernähren und beschützen. Ist die junge Frau, die sich unversehens ihren Körper mit einem anderen Lebewesen teilen muss, Teil einer Pro-Life-Botschaft? All dies lässt sich aufgrund der Geschichte konstruieren. Ob aber überhaupt eine gesamtgesellschaftliche Lesart zu irgendeinem Zeitpunkt angedacht war, darf wohl bezweifelt werden.

Tatsächlich nämlich nimmt dieser Themenkomplex auch im Subtext von „Seelen“ nur einen der hinteren Ränge ein. Vorrangig geht es um ein junges Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, das sich fremd im eigenen Körper vorkommt. Dies entspricht auch dem Publikum, das sich Meyer mit ihrer „Twilight“-Saga erschlossen hat. Auch wenn diese nur eine mehrbändige Abhandlung darüber sein sollte, warum man auf keinen Fall Sex vor der Ehe haben sollte. Und so geht es auch in „Seelen“ reichlich züchtig zu. Da wird geschmachtet, dann und wann ein flüchtiger Blick ausgetauscht und wenn die Gefühle überschwappen, sogar mal geküsst. Dass die männliche Darstellerriege aus einer Phalanx junger blonder Schönlinge besteht, macht die Austauschbarkeit des Nebenpersonals dabei nur noch offensichtlicher. Denn wessen Bruder jetzt wen umbringen will oder wer da wem seine wahren Gefühle verschweigt, das hat zumindest diesen Zuschauer einen Gutteil der Handlung über verwirrt.

Fazit: „Seelen“ ist zahnloses Zielgruppen-Kino, das es nicht wagt sein Publikum mit moralischen Fragen zu fordern. Trotz eines durchaus kompetenten Regisseurs wird der Science Fiction auf diese Weise sicherlich kein neuer Fan-Kreis erschlossen.

6 Comments

  • @dexter-morgan: mein Gott, das hört sich ja fürchterlich an… Stephenie Meyer ist also im Grunde mit ihrem plumpen Script an die Wand fahren wieder einmal dafür verantwortlich, das in Seelen genau jetzt wieder dieselben Mechanismen wie schon in den unsäglichen (und vergessenwerten) Twilight Ablegern rotieren und „entsprechende“ Bedürfnisse befriedigt arivierter Personengruppen werden müssen? Sprich der Film entpuppt sich also als weitere (heimliche) Verkuppelungshilfe für das dann gleiche meist ab und zu auch „zu“ junge Publikum wie schon in „Twilight ? Hab ich das richtig verstanden? Statt Edward und Bella Swan darf man jetzt anderen „austauschbaren“ Protagonisten beim rumturteln zugucken, während die interessante Thematik von „Seelen“ vollkommen in den Hintergrund tritt…Na super… Twilight schlecht getarnt…Nur in einem anderem Gewand versteckt…Ein anderes Genre wird lediglich bedient, nicht das Fantasy Genre sondern das Science Fiction Genre muß sogar dafür diesmal bluten…Es ist auch nicht schon leergeblutet genug. Na ja…

    • Hallo tobe78,

      dexter-morgan hat die Kritik nur hochgeladen, ich nehme mal an, dass deine Frage an den Autoren der Kritik ging. Das wäre dann ich. Um es kurz zu machen: ja. Zwar muss ich gestehen, dass ich keinen „Twilight“-Film in Gänze durchgestanden habe, aber deine Einschätzung ist nicht verkehrt. Dabei bin ich der Meinung, dass Meyer exakt das abliefert, was sie will bzw. das, was, von dem sie denkt, dass das Publikum es erwartet. Wie gesagt „Science Fiction für Leute, die keine Science Fiction mögen.“ Dabei ist die moralische Fragestellung, welche dieses Liebesdreieck in sich trägt, durchaus interessant und ich war überrascht, wie gut unterhalten ich mich über die ersten 30 Min. fühlte. Auch die demographisch von mir weit entfernte Zielgruppe ([vor-] pubertäre Mädchen) wüsste so etwas zu schätzen, wenn es gut gemacht ist. Aber leider flacht die Handlung völlig ab, es passiert fast eine Stunde so gut wie nichts. Zumindest nichts, was Konsequenzen für die Geschichte hätte. Vielleicht hätten diverse Schwächen der Vorlage (die ziellose Erzählung, eindimensionale Charaktere etc.) ausgebessert werden können, wenn das Drehbuch von jemandem verfasst worden wäre, dem der Stoff fremd war, also einem Außenstehenden. Aber so lässt sich die Schuld recht einfach auf Meyer abwälzen. Die Gute ist einfach keine gute Autorin. Punkt.

      Viele Grüße

      Jan

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.