Kritik: Serpico (USA 1973) – Sidney Lumets brillanter Cop-Thriller jetzt in 4K

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© StudioCanal Germany

Ach Frank, seien wir doch mal ehrlich. Wer traut schon einem Cop, der nicht bestechlich ist?

Sidney Lumet zählte seiner Zeit zu den ganz großen Regisseuren, der die Erwartungen immer auf ganz eigenen Wegen umging und sich den Konventionen des Publikums nie beugen wollte. Er war sein eigener Herr und die Filme waren 100% Lumet. Sein Debütfilm Die zwölf Geschworenen* mit Henry Fonda und Montgomery Clift gilt längst als ewiger Klassiker und einer der Jahrhundertfilme. Schaut man sich seine weitere Filmografie an, fallen Namen wie Hundstage oder Network* auf, die sicher zu den besten Genrebeiträgen überhaupt zählen. Doch dann gibt es da noch einen anderen Film von Lumet, der ebenfalls in die Filmgeschichte einging und auch heute noch zu den besten Polizeifilmen überhaupt zählt: Serpico aus dem Jahre 1973.

Frank Serpico träumte schon immer davon, Polizist zu werden. Als er sein Ziel erreicht hat, wird er eines besseren belehrt und sieht die wahren Gesichter der New Yorker Polizei. Hier herrschen Korruption und taube Ohren. Jeder Versuch, den Serpico unternimmt, um seine Kollegen zu melden, scheitert und er wird schnell zum Außenseiter und als Verräter abgestempelt. Egal, an wen er sich wendet, alle scheinen sie unter einer Decke zu stecken, bis er seine Geschichte einem Reporter der New York Times erzählt und endlich Ermittlungen unternommen werden. Doch dann kommt es zu einem schweren Zwischenfall bei einem Einsatz von Serpico in den Straßen von New York.

Ein Jahr zuvor konnte sich der blutjunge Al Pacino in Francis Ford Coppolas Mafia-Epos Der Pate einen Namen machen und sich in die Unsterblichkeit spielen. In Serpico schenkte ihm Sidney Lumet seinen zweiten großen Auftritt, diesmal auf der anderen Seite des Gesetzes. Als Officer Frank Serpico, ein gerechter Gesetzeshüter, spielte er mit einer intensiven Hingabe, die bis heute zu seinen stärksten Leistungen zählt. Seine Wutausbrüche und sein Temperament sind schon immer bekannt gewesen, doch selten konnte er sie so dermaßen authentisch übermitteln wie als Polizist Frank Serpico. Die Kamera klebt durchgehend an Al Pacino und er nimmt jeden Raum vollkommen für sich ein. Die anderen Polizisten, die von John Randolph oder Biff McGuire verkörpert wurden, sind sicher gut besetzt, dürfen aber nur sehr selten aus ihrem Rahmen schlüpfen. Parole bietet Al Pacino hier niemand, doch das konnte in seinen 70er Jahre Filmen sowieso kaum jemand.

Die Geschichte vom aufrechten Polizisten, der von der harten Realität erwischt wird und an dieser langsam zerbricht, sollte uns inzwischen bekannt genug sein. Oft genug wurde sie uns schon erzählt, doch dabei wurden immer wieder andere Schwerpunkte in der Zeichnung der Handlung und Entwicklung gesetzt. Beispiele im us-amerikanischen Kino wären Bullitt mit Steve McQueen oder auch Training Day, in dem Ethan Hawke mit der falschen Seite des Gesetzes konfrontiert wird. An der intensiven Charakterisierung von Sidney Lumet und Al Pacino sind jedoch unzählige gescheitert und in den durchschnittlichen Genresumpf versunken.

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Frank Serpico kommt voller Euphorie und Freude zur Polizei, er will die Stadt vom Verbrechen befreien, seinen Traum leben und seiner Berufung folgen, um es irgendwann auch zum Detective zu schaffen. Seine Pfadfindermentalität wird jedoch schnell auseinandergerissen und als Serpico bemerkt, dass er einer aussterbenden Spezies angehört, nämlich dem ehrlichen Polizisten, wird die Lage um ihn herum immer enger. Seine Kollegen halten zu gerne die Hand auf und der junge Polizist, dessen Polizeibild von Grund auf erschüttert wurde, entfernt sich immer weiter aus den Reihen seiner Kollegen. Die letzte gerechte Seele wird langsam ausgeschlachtet und die psychischen Folgen, mit denen Serpico zu kämpfen hat, übertragen sich auch auf sein persönliches Umfeld. Der verdeckte Ermittler, der nur noch als Außenseiter belächelt wird, muss die Wahrheit irgendwie ans Licht bringen. Sidney Lumet konzentriert sich hier wirklich durchgehend voll und ganz auf seinen Protagonisten und es gibt keine klare Szene, in der die Kamera nicht auf Serpico gerichtet ist. Wer es nun als Schwachpunkt sieht, dass wir es hier nur mit einem ausgereiften Charakter zu tun bekommen und die Abwechslung fehlt, der hat nicht richtig verstanden, worauf Sidney Lumet mit Serpico, der auf einer wahren Geschichte beruht, hinaus will.

Ich stehe wie ein Verbrecher da, weil ich es ablehne Geld zu nehmen.

In Serpico entspricht nichts den geleckten Versprechungen der Gesellschaft. Angefangen bei unserem Protagonisten, dessen Auftreten mit zerzausten Haaren, großer Sonnenbrille und Vollbart eher einem ungepflegten Straßendealer gleicht und dem Idealbild der Polizei so schon einen Strich durch die Rechnung macht. Die Fokussierung des Regisseurs auf seinen immer schwerer zweifelnden Idealisten stellt sich als eines der ernüchterndsten und schwärzesten Bilder der Polizei heraus, die im Kino gezeigt wurden. Hier bekommen wir es mit einer Welt zu tun, in der einzig und alleine das Geld gewinnt. Korruption, Verrat und das Desinteresse an Gerechtigkeit stehen an der Tagesordnung. Zu Anfang regt sich Serpico noch über das Fett in seinem Essen auf, doch das ist nicht mal ein Bruchteil von dem, was er noch in den folgenden Jahren durchleben muss. Serpico lebt an erster Stelle natürlich von seinem grandiosen Al Pacino, der den Film trägt, doch auch der pessimistische Ton, den der Film wirklich zu keiner Sekunde loslässt, zeichnet ihn aus. Wir werden in einen düsteren Schlund gezogen, in der Loyalität ein Fremdwort ist und Selbstzweifel unseren ehrlichen Polizisten langsam zerfressen. Sidney Lumet sprach hier eine Wahrheit aus, die weh tut und erschüttert. Einem jungen Mann werden alle Träume genommen, denn in dieser Welt, in der nur noch die größte Brieftasche zählt, sind wir längst gefangen.

Fazit: Serpico ist ein schonungslos ehrlich erzählter, dreckig inszenierter und brillant gespielter Krimiklassiker. Das feine Bild der gesetzestreuen Polizei wird von Sidney Lumet konsequent auseinandergenommen und am Ende steht nur noch das wackelige Grundgerüst aus Lügen und zwielichtigen Machenschaften.

Serpico ist ab dem 19. November 2020 erstmals digital restauriert in 4K als Blu-ray und als limitiertes Steelbook erhältlich. Falls unsere Kritik Dein Interesse geweckt hat, dann unterstütze uns gerne, indem Du den Film über einen der folgenden Links bestellst.*

Hier geht es zum Trailer auf Youtube.

Hier könnt ihr euch die Filmmusik von Mikis Theodorakis anhören.

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