Kritik: Apocalypse Now (USA 1979) – Gefangen im Grauen

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Zwei Seelen wohnen in dir. Eine, die tötet. Und eine, die liebt.

Die 70er Jahre könnte man gut und gerne als das Jahrzehnt von Francis Ford Coppola bezeichnen. Angefangen mit dem Mafiaepos Der Pate von 1972. Coppola ging in die Filmgeschichte ein. Zwei Jahre später setzte er mit Der Pate 2 dieses einmalige Familienepos gleichwertig fort und schrieb zum zweiten Mal Filmgeschichte. Nun begeben wir uns in das Jahr 1979, in dem Francis Ford Coppola mit seinem Antikriegsfilm Apocalypse Now zum dritten Mal einen cineastischen Meilenstein drehte. Apocalypse Now ist ohne weiteres einer der besten Kriegsfilme überhaupt, thematisiert dabei allerdings den Krieg im inneren der Soldaten.

Auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges erhält Captain Willard (Martin Sheen) den gefährlichen Auftrag, gemeinsam mit ein paar Soldaten eine Flussreise an die kambodschanische Grenze zu unternehmen, um dort den hochdekorierten Colonel Kurtz (Marlon Brando) ausfindig zu machen. Kurtz hat sich mit seiner ihm ergebenen Einheit tief im Dschungel verschanzt und beachtet keinerlei Befehle mehr. Er gehorcht nur noch seinem eigenen Wahnsinn und richtet schreckliche Blutbäder an. Captain Willards Mission ist klar: Er muss dem Terror ein Ende setzen und Kurtz liquidieren.

Apocalypse Now lebt von seiner undurchdringlichen Atmosphäre, die den Zuschauer schnell in seinen unaufhaltsamen Sog zieht. Vittorio Storaros hitzige und fiebrige Bilder übertragen die Wärme des undurchsichtigen Dschungels auf den Zuschauer, der so direkt Teil dieser schrecklichen Höllenfahrt wird. Carmine Coppola, Vater von Francis Ford, kann mit seiner komponierten Musik ebenso überzeugen wie die brennende Optik. Der Terror dieser Reise wird immer deutlicher und auch die toll gewählten Songs wie „The End“ von den Doors und Richard Wagners „Walkürenritt“, der in der wohl berühmtesten Szene eingespielt wird, passen genau ins Bild.

Martin Sheen übernimmt die Hauptrolle und fungiert als Captain Willard auch gleichzeitig als Erzähler aus dem Off. Captain Willard sind die Strapazen der Vergangenheit und dieser Reise deutlich ins Gesicht geschrieben. Martin Sheen war schon immer ein guter Schauspieler, doch als Captain Willard bringt er eine Glanzleistung, die man so nicht besser hätte verkörpern können. Die Nebenrollen stehen Martin Sheen allerdings in keinem Stück nach. Robert Duvall als Lieutenant Colonel Bill Kilgore interessiert sich viel mehr für den Wellengang, als für die Kriegsgeschehen. Robert Duvall liefert in seiner recht kleinen Rolle ebenfalls eine tolle Leistung und sorgt mit seinem fragwürdigen Verhalten für den einen oder anderen Schmunzler. Das wahre Highlight kommt hingegen erst gegen Ende des Films. Marlon Brando als Colonel Walter E. Kurtz zählt zu den angsteinflößendsten schauspielerischen Darbietungen der Filmgeschichte. Marlon Brando, zumeist nur im halbdunkeln zu erkennen, kann alleine durch seine Augen und die minimalistische Gestik und Mimik das Maximum aus seinem unheimlichen Charakter holen. In Worten ist das kaum zu beschreiben, ganz simpel gesagt: besser geht es einfach nicht. In weiteren kleinen Rollen überzugen Dennis Hopper, Frederic Forrest, Sam Bottoms, Laurence Fishburne und Harrison Ford.

Apocalypse Now ist bei weitem kein Kriegsfilm im herkömmlichen Sinne. Kriegshandlungen, also Kämpfe an den Fronten, gibt es hier nicht. Einzig ein Angriff der Luftkavallerie, angeführt durch Lieutenant Colonel Bill Kilgore, auf ein kleines Dorf ist zusehen. Im Anflug mit dem Walkürenritt wird alles zu Schutt und Asche zerlegt und der Dschungel mit Napalm zerstört. Für Kilgore ist es hingegen viel schlimmer, dass sich Willard mit Surfer Lance wieder aus dem Staub macht und dazu noch sein geliebtes Surfbrett klaut. An diesem Punkt setzt erst die richtige Handlung ein.

Captain Williard ist Dreh und Angelpunkt des Films. Er selbst ist längst ohne Heimat und Halt. Ist er zu Hause, will er zurück in den Krieg. Ist er im Einsatz, will er nur noch nach Hause. Seine Ehe ist längst gescheitert und er befindet sich in einem ewigen Kampf mit sich selbst. Er braucht einen Auftrag und den soll er auch bekommen. Tief in den kambodschanischen Dschungel muss er reisen und den angesehenen und harten Colonel Walter E. Kurtz, der sich dort sein eigenes Reich geschaffen hat und auf Befehle nicht mehr reagiert, töten. Keinem Feind soll Willard sich auf dem Schlachtfeld stellen, sondern einem Mann aus den eigenen Reihen. Willard willigt ein und mit ein paar Männern macht er sich mit dem Patrouillenboot auf den Mekong-Fluss Richtung Norden. Es beginnt eine Reise in die eigene, endlose Abgründigkeit. Eine Reise, ohne Ende und ohne Anfang.

Francis Ford Coppola thematisiert mit Apocalypse Now den Krieg und die Kämpfe in den Männern selbst. Die Gefechte, die immer da sind und die man mit eigener Kraft nie gewinnen wird. Das Boot treibt den Fluss hinunter, immer tiefer in das Herz der Finsternis. Immer näher drängt sich die grüne Hölle auf und wird ein Teil dieser Menschen. Die Flussfahrt wird zu einer unberechenbaren Reise durch die eigene Verlorenheit und Hoffnungslosigkeit. Die Soldaten sind längst Gefangene des Dschungels und von sich selbst. Doch ebenso gefährlich sind sie auch. Willard tötet, nicht weil er es muss, sondern weil er es kann. Der Schmerz dieser Lage zerreißt ihn immer mehr, der Dschungel hingegen bleibt durchgehend unheimlich still. Kaum ein Ton ist entwicht dem Dschungel links und rechts des Mekongs, doch wenn er will, schlägt er tödlich zu. Die Natur ist so unberechenbar wie Willard und seine Gefährten. Die Selbstverlorenheit wird immer deutlicher. Es gibt keinen Ausweg mehr. Versuche, die Heimat etwas aufleben zu lassen, sind wirkungslos. Die eigene Hölle hat die Männer längst in sich gezogen. Das Grauen, der Terror und der Hass sind immer identitätslos. Einschränkungen sind unmöglich. Das Grauen steckt in allem und in jedem. Wenn die Reise bei einer französischen Familie halt macht, die weder gehen noch bleiben kann, dann wird die Sinnlosigkeit des Ganzen deutlich. Sie sind Vertriebene, Fremde und wollen doch nicht aufgeben und weiterziehen. Nicht schon wieder. Die Erbärmlichkeit, die Unsinnigkeit und die Wahrheit über den Krieg sind überdeutlich. Die Apocalypse in jedem nimmt Überhand und verschlingt die Männer.

Das Grauen… das Grauen…

Wenn Willard und seine Kumpanen dann auf den Tempel treffen, in dem Kurtz sich verschanzt hat, dann brennt die Luft. Die unberechenbare Situation spannt sich von Sekunde zu Sekunde mehr und mehr an. Der gewaltige Tempel selbst und der Weg hinein, sind gepflastert mit Köpfen und Leichen. Kurtz selbst, lange seinem eigenen Irrsinn verfallen, strahlt eine Aura aus, die jedem Angst und Respekt beibringt. Doch Willard, innerlich völlig zerrissen, darf seine Mission nicht vergessen und muss sich dem endlosen Chaos und Horror stellen.

Apocalypse Now erscheint mit seiner 183 minütigen Laufzeit (Final Cut, unsere bevorzugte Fassung)  zunächst unheimlich mächtig und abschreckend. Jedoch vergehen die Minuten wie im Flug, denn viel zu sehr wird man von den Bildern hypnotisiert und vergisst jegliches Zeitgefühl. Anstrengend und schwer ist der Film wegen seines Themas und seiner Darstellung dennoch. Man sollte sich in jedem Fall aber die Zeit nehmen, denn andernfalls verpasst man einen der wichtigsten und besten Filme aller Zeiten. Ohne Helden, ohne Patriotismus und ohne Glorifizierung blicken wir in den Abgrund des (Vietnam-)Krieges und in den Abgrund, der in jedem von uns lauert.

Fazit: Mit Apocalypse Now inszenierte Francis Ford Coppola einen fiebrigen und paralysierenden Albtraum, mitten durch die grüne Hölle, tief in die eigene Abtrünnigkeit. Die visuelle Meisterklasse, der grandiose Soundtrack, die mehr als herausragenden Darsteller und Coppolas schonungslose wie konsequente Inszenierung machen Apocalypse Now zu einem zeitlosen Meisterwerk, welches heute noch genauso intensiv wirkt wie im Jahr 1979.

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