Klassiker-Kritik: Der Pate 2 (USA 1974)

Times are changing.

Das beste Sequel zu einem der besten Filme aller Zeiten, das ist Der Pate 2, ein in jeder Hinsicht stimmiges Familiendrama über gesellschaftliche Werte wie Liebe und Freundschaft, Rücksicht und Anerkennung, Politik und Geschäfte und den Wandel, den diese Normen mit der Zeit vollziehen. Denkt man zurück an den Anfang von Der Pate, als Michael Corleone (Al Pacino) nichts von den Geschäften seines Vaters wissen und ein anständiges Leben führen wollte, so kann man am Ende von Der Pate 2 nur resümieren, dass Michael Corleone (Al Pacino) eine der tragischsten Figuren der Filmgeschichte ist. Um sein persönliches Desaster noch ausdrucksvoller und nervenaufreibender zu gestalten, stellte Francis Ford Coppola die beschwerliche Fortführung des Familiengeschäfts dem rasanten Aufstieg von Vito Corleone (Robert de Niro) während der 20er Jahre entgegen. Nichts wird dabei mit Samthandschuhen angefasst, sondern Francis Ford Coppola legt geradezu alles offen, was seiner Meinung nach in unserer Welt schief läuft. Die sich bis in die höchsten politischen Positionen erstreckende Korruption bringt er dabei hervorragend zur Geltung und dem amerikanischen Traum wird, als ob es eine Nebensächlichkeit wäre, ein verheerendes Ende gesetzt.

Die brillante Erzählweise wird nur noch von der Inszenierung übertroffen. Mehr ist hier schlichtweg nicht möglich. Ob es nun die prachtvollen Kulissen des 20er Jahre New Yorks mit seinen nicht enden wollenden Häuserschluchten und Menschenmassen, begleitet von Nino Rotas sagenumwobenen Melodien oder das schneebedeckte Anwesen Michael ist, man kann sich einfach nicht satt sehen. Die fast dreieinhalb Stunden Film lassen einen in längst vergangene Zeiten eintauchen, uns all ihre Facetten entdecken. Die Kamera begleitet die Menschen bei ihrer alltäglichen Arbeit. So auch Vito Corleone, der nach der Ermordung seiner Familie aus Italien geflohen ist, um in New York ein neues Leben zu beginnen. Vom ersten eigenen Schlafraum, dem ersten Kind, dem ersten Geschäft und schließlich dem ersten Anwesen, Coppola geht geradezu biographisch detailliert vor. Dagegen läuft als zweite Handlungsebene im hier und jetzt das Leben von Michael, der immer mehr das Ansehen seines Vaters in den Ruin treibt. Selten hat man im Kino das Geschichtenerzählen so schön ausgewogen, in solcher Vollendung erlebt. Der Pate 2 ist dabei keine Minute zu lang, da die Charaktere wie aus dem Leben gegriffen scheinen.

Glaubt man zu Beginn noch, dass die Fortsetzung des Mammutwerks nicht ohne Marlon Brando leben kann, wird man ziemlich schnell eines Besseren belehrt, denn in fast jeder Szene darf man entweder Al Pacino oder Robert De Niro dabei zusehen, wie sie sich um den Verstand spielen. Man könnte natürlich noch die vielen emotionalen Szenen hervorheben, beispielsweise, wenn sich Al Pacino und Diane Keaton streiten und er die Kontrolle über sich verliert und auf sie einschlägt. Oder eben auch das noch schockierendere Finale. Letzten Endes ist Der Pate 2 wie sein Vorgänger ein Erlebnis, welches sich kaum in Worte fassen lässt und ein Paradebeispiel dafür, wie genial Kino sein kann, wie perfekte Filme auszusehen haben und wohin sie uns führen können, nämlich an einen Ort, in den man sich verliert und verliebt, um mehrere Stunden später schweißtreibend davon überzeugt zu sein, man hätte gerade eben das Leben eines anderen Mannes gelebt. Francis Ford Coppola darf stolz auf sich sein, denn es gibt nicht viele Regisseure, die dazu im Stande sind.

„This is the business we’ve chosen.“ Wenn man an einem bestimmten Lebensabschnitt angelangt ist, ist es schwer, einen anderen Weg einzuschlagen. Das ist wohl die primäre Aussage, welche auch Diane Keaton mit „I think it´s too late for changes, Michael.“ auf den Punkt bringt. Man sollte nicht handeln, ohne über die Folgen nachgedacht zu haben. Jeder Schritt kann fatal enden, jede Entscheidung für die Mitmenschen folgenschwer sein. Michael Corleone sieht das leider nicht, und so reißt er, wenn auch ungewollt, seine Familie in einen tiefen Abgrund.

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