Kritik: Three Thousand Years of Longing (USA/AUS 2022)

– gesehen im Rahmen des 75. Festival de Cannes (außerhalb des Wettbewerbs) –

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© Leonine

My name is Alithea. My story is true. I am a solitary creature. I have no children, nor siblings, nor parents; I did once have a husband.

Alithea Binnie (Tilda Swinton) ist scheinbar zufrieden mit ihrem Leben, trifft eines Tages jedoch auf einen Flaschengeist (Idris Elba), der ihr anbietet ihr im Austausch für ihre Freiheit drei Wünsche zu erfüllen. Das Gespräch der beiden in einem Hotelzimmer in Istanbul führt dabei schnell in eine Richtung, mit der keiner gerechnet hat. Alithea ist nämlich viel zu gebildet, um ignorieren zu können, dass Wunschgeschichten in Märchen böse enden. So versucht der Dschinn ihr Vertrauen zu gewinnen, indem er ihr von seiner Vergangenheit erzählt. Von seinen Geschichten verführt, formuliert sie schließlich einen höchst überraschenden Wunsch.

Im stolzen Alter von 77 Jahren und damit sieben Jahre nach Veröffentlichung des ebenso erfolgreichen wie beliebten Action Opus Magnum Mad Max: Fury Road hat sich George Miller definitv das Recht verdient, zu drehen, was er möchte. Bevor jedoch die Franchise-Fortsetzung Furiosa in die Produktion ging, hatte George Miller noch ein ganz persönliches Anliegen vor Augen: Und zwar einen Film über das Geschichtenerzählen zu drehen. Immerhin begeistert sich Miller bereits sein ganzes Leben für Narrotologie. Und daher vermute ich, dass Three Thousand Years of Longing dank der Narrenfreiheit, welche er mit dem Erfolg von Mad Max: Fury Road gewonnen hat, fast genau so geworden ist, wie es sich der australische Regisseur vorgestellt hat. Warum nur „fast“, dazu später mehr.

Basierend auf A.S. Byatts Kurzgeschichte „The Djinn in the Nightingale’s Eye“ hat George Miller einen cleveren, originellen Blockbuster gedreht, an dem sich Disney (man vergleiche mit dem Aladdin-Debakel mit Will Smith) gerne ein Beispiel nehmen darf. Three Thousand Years of Longing ist zwar nicht perfekt, stellt aber die richtigen Fragen zur richtigen Zeit und ist obendrein ein wundervoll überbordendes Fantasy-Spektakel geworden, in dessen Bilderfluten und märchenhaften Anekdoten man sich nur allzu gerne verliert.

Im Kern ist „Dreitausend Jahre der Sehnsucht“ eine moderne Parabel über die Bedeutung und die Grenzen des Geschichtenerzählens. Gerade heutzutage, wo es für fast sämtliche Phänomene eine wissenschaftliche Erklärung gibt. Es geht darum, dass wir, auch wenn wir die Geheimnisse unserer Welt größtenteils nicht mehr durch Fabeln erklären müssen, immer noch das Geschichtenerzählen verwenden, um unser Innenleben oder das Weltliche zu erklären. Aus den Geschichten, die der Dschinn erzählt, ist keine moralische Lektion zu ziehen. Es sind Geschichten über das Menschsein, über Vergangenes ebenso wie über Gegenwärtiges. Für Alithea ist die Konfrontation mit dem Dschinn und seinen fantasievollen Erzählungen eine Konfrontation mit sich selbst. Am Ende muss sie sich eingestehen, dass sie sich in ihrer intellektuellen Abkapselung (sie sei selbstständig und bräuchte niemanden mehr in ihrem Leben) eigentlich nur selbst angelogen hat.

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© Leonine

I do have a question. What does one do with three wishes?

Dabei glänzt Tilda Swinton in ihrer Rolle als Narrotologistin Alithea ein weiteres Mal in Cannes, wenn auch nicht im offiziellen Wettbewerb wie zuletzt vergangenes Jahr in Apitchatpong Weerasethakuls meditativem Drama Memoria, einer Zustandsbeschreibung unserer heutigen Welt. Die größte Hürde der Hauptcharaktere der beiden Filme ist dieselbe: In Memoria versucht Tilda Swinton das Rätsel hinter einem seltsamen Geräusch zu lösen (auch das teils über Sinn suchende Gespräche, beispielsweise mit einem bolivianischen Bauern) und in Three Thousand Years of Longing führt sie einen psychologischen Austausch mit einem Dschinn. Beide Figuren sind in ihrer Form ebenso eigenwillig wie auch mit einer Prise tragischen Humors von Tilda Swinton verkörpert. Unnötigerweise gibt es hierbei leider immer wieder Anmerkungen von Swinton aus dem Off. Dies wirkt komplett unnötig, kann der Zuschauer doch allein aus ihrer Präsenz,  ihren subtilen Gesichtsausdrücken, auf das Notwendige über Alithea schließen.

Ein weiteres Problem ist am Ende auch, dass Three Thousand Years of Longing die überbordernde Originalität ein wenig zum Verhängnis wird. Narrenfreiheit hin oder her. Es sind zu viele Themen, die George Miller am Ende nur anschneidet. Und doch ist das Meckern auf hohem Niveau. Kann man einem Film, der in Zeiten des seelenlosen Sequel-, Prequel-, Realverfilmung- und Remakewahns mit einem solchen Herzblut daherkommt, wirklich vorwerfen, dass er in Einfallsreichtum ertrinkt?

Die Zeit wird es zeigen. Ich zumindedt wurde unerwartet zauberhaft unterhalten und habe mit einem breiten Grinsen das Kino verlassen. Und es könnte leicht sein, dass George Millers erster Spielfilm seit Mad Max: Fury Road mit der Zweitsichtung noch weiter wächst. Es ist einfach ein größtenteils bezaubernder Blockbuster mit Tiefgang, der es sich wagt auf die Suche nach der richtigen Gratwanderung in der menschlichen Existenz zu gehen. Zwischen dem Drang, die Wissenschaft und Technologie immer weiter voranzutreiben, ohne hierbei jedoch immer weiter sich selbst bzw. allgemein an Menschlichkeit zu verlieren. In Cannes ist die Rezeption bisher mäßig ausgefallen, was ich absolut nicht verstehen kann. Ich hoffe daher darauf, dass bei der breiten Kinoausstrahlung deutlich mehr Menschen die Stärken von George Millers bildgewaltiger Vision für sich entdecken und schätzen werden.

Three Thousand Years of Longing startet am 1. September 2022 deutschlandweit in den Kinos.

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