Kritik: Der Eissturm (USA 1997) – Ang Lees unterschätzter Geniestreich

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Well, it’s great that we can all be together. And this Thanksgiving, no yelling, no hysteria, especially with your grandpa not here, although we miss him.

Die amerikanische Gesellschaft und die mit ihr verbundene Vorstadt-Idylle mitsamt ihrer Scheinheiligkeiten wurde schon von einigen Regisseuren genauestens auseinandergenommen und in ihre oft schmerzhaft ehrlichen Einzelteile zerlegt. Interessant ist hierbei der Punkt, dass gerade Ang Lee und Sam Mendes, also zwei Nicht-Amerikanern, die besten Zeichnungen gelangen, welche die Fassaden punktgenau zerschnitten. American Beauty von Sam Mendes aus dem Jahr 1999 ist inzwischen zu Recht schon ein Meilenstein der jüngeren Filmgeschichte, doch auch Todd Fields Little Children (2006) zeigte uns die gepflegte Vorstadt und die wahren Gesichter hinter den weißen Türen und gemähten Rasen. Nun könnte man an dieser Stelle noch David Lynchs Blue Velvet mit ins Boot nehmen, der sich ebenfalls einer amerikanischen Vorstadt annahm und unnachahmlich in die größten Abgründe eintauchte. Aber hier geht es um den bereits erwähnten Ang Lee und sein Drama Der Eissturm aus dem Jahr 1997, in dem taiwanesische Regisseur mit intensiver Präzision die amerikanische Gesellschaft innerhalb der 70er Jahre grandios darstellte.

Connecticut, 1973: Thanksgiving ist wieder vorbei und die Kälte der Jahreszeiten zieht über das Land hinein. Dabei verändern sich aber nicht nur die äußeren Umstände, sondern auch die Menschen selbst. Elena und Benjamins Ehe ist beinahe auf dem Nullpunkt angekommen und Benjamin hat ein Verhältnis mit der Nachbarin Janey. Benjamins Sohn Paul reist derweil in die Stadt, um mit einer hübschen Klassenkameradin einen Abend zu verbringen, Tochter Wendy will ihre Sexualität mit den Nachbars Kindern erforschen und Abends steht für die Erwachsenen eine der berühmten Schlüsselpartys an. Doch in dieser Nacht, sollte auch der schlimmste Eissturm überhaupt aufziehen und die Tragödie nimmt ihren Lauf.

Ang Lee setzte in Der Eissturm nicht auf große Gefühlsausbrüche oder übergroße Gesten, sondern er setzte bei den Darstellungen auf ein unaufdringliches, aber extrem ausgefeiltes Schauspiel. Da hätten wir an erster Stelle den gerne unterschätzten Kevin Kline als Familienvater Benjamin „Ben“ Hood, der hier nicht nur eine seiner besten Karriereleistungen zeigte, sondern wirklich in jedem Augenblick mit seiner hervorragenden Mimik begeistert. Joan Allen als Bens Frau Elena steht dem in nichts nach und ihre zerbrechliche Darbietung kann sich auch ohne weiteres als großes Schauspiel bezeichnen lassen. Sigourney Weaver (Alien) als unausgeglichene Nachbarin Janey ist ebenfalls grandios und kehrte dem Ripley-Image den Rücken zu. Aber auch die Jugenddarsteller, von denen heute fast alle etablierte Schauspieler in Hollywood sind, zeigen tolle Leistungen. Tobey Maguire als Paul, Adam Hann-Byrd als Sandy, Christina Ricci als Wendy und Elijah Wood als Mikey, allesamt zeigen sie starke Vorstellungen und runden den fantastischen Cast wunderbar ab.

Wir begeben uns zurück in das Amerika des Jahres 1973. Richard Nixon war noch an der Spitze, bevor er ein Jahr später wegen der Watergate-Affäre als einziger Präsident zurücktrat. Der Vietnamkrieg war noch in vollem Lauf die politische Lage war allgemein natürlich unheimlich angespannt. In dieser Zeit lehnte sich die amerikanische Nation gegen die Prüderie der alten Tage auf und pochte auf sexuelle Befreiung. Der Pornofilm Deep Throat von 1972 wurde zu einem einmaligen und beliebten Erfolg, den jeder Erwachsene zu dieser Zeit gesehen hatte und ein Ruck musste durch das Land ziehen. Allgemein war die Pornofilmindustrie angesagter denn je. Über Sex konnte öffentlich geredet werden, es durfte experimentiert werden und niemand musste sich vor seinen klaren Bedürfnissen verstecken. Der sexuelle Umschwung war im vollen Gange. In diesem Jahr finden wir uns also auch in Der Eissturm wieder und blicken in die Leben zweier Familien, in denen dieser sexuelle Befreiungsschlag auf ganz eigene Weisen eine Rolle spielt. Die Jugend will sich entdecken, schmecken und fühlen. Das Verlangen dieser Jugendlichen zieht größere Kreise, Sex mit 14 genauso vertreten wie die Partys, auf denen die Autoschlüssel von anderen Menschen gezogen werden, um dann mit ihnen eine Nacht zu verbringen. In diese Zeit, in der der Sex eine schwerwiegendere Rolle denn je gespielt hat, schaltete sich Ang Lee ohne jegliche Zeigefingermoral ein und dokumentierte mit einmaliger Eindringlichkeit.

Ang Lee nahm hier das amerikanische Gesellschaftsbild zur Zeit der sexuellen Revolution auseinander, doch er zerstörte es nicht. Viel mehr nahm er feine Schnitte vor, die uns den Blick in das Innenleben dieser Zeit und der Menschen erlaubten. Lee verurteilte dabei zu keiner Sekunde, er stellte fest und beobachtete die Umstände mit einem feinen Fingerspitzengefühl, wie man es so nur selten zu sehen bekommt. Offene Gespräche über Sex waren erlaubt, Ehekrisen völlig normal, fremdgehen und Partnertäusche an der Tagesordnung und Geschlechtskrankheiten ein Fremdwort. ‚Der Eissturm‘ ist eine Sozial- und Gesellschaftsstudie über die Menschen, die sich der unverblümten Offenheit hingeben wollten, die sich weiterentwickeln und verändern wollten und von den aufgelegten Zwängen befreien. Ang Lee inszenierte seinen Film so unaufdringlich, aber doch so bitter ehrlich, dass ein emotionaler Fausthieb der eindringlichsten Art entfacht wird, der am Ende jeden Zuschauer eiskalt erwischt. Ein Katastrophenfilm voller Explosionen und erschütternden Beben, doch alle sind sie tief verankert in den Menschen und entfalten sich in ihrer schmerzhaften und emotionalen Unerschrockenheit erst im letzten Augenblick. Der Eissturm ist keine leichte Kost und sicher nicht für zwischendurch geeignet, doch gesehen haben sollte man ihn, denn hier erwartet einen wirklich eine unvergessliche Tragödie.

Fazit: Der Eissturm ist ein Katastrophenfilm ohne Effekte und ohne Trara. Hier geht es um Emotionen, um Bestandsaufnahmen einer Nation inmitten eines Umbruches und um die damit verbundenen Folgen. Die fantastischen Schauspieler, die kühle visuelle Klasse, der feine Score und Ang Lees feinfühlige wie ausgereifte Inszenierung machen Der Eissturm zu einem kleinen Meisterwerk, welches immer noch viel zu unbekannt, aber mehr als nur einen Blick wert ist.

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