Kritik: Ferrari (USA/IT 2023)

Eine Gastkritik von Michael Gasch

– gesehen im Rahmen der 80. Filmfestspiele von Venedig 2023 –

Ferrari 2023 Film

If you get into one of my cars, you get in to win.

Als sich vor Jahren Matt Damon und Christian Bale (Le Mans 66 – Gegen jede Chance) oder Daniel Brühl und Chris Hemsworth (Rush – Alles für den Sieg) vor der Kamera versammelten, hielt sich die Spannung und Neugier für meine Verhältnisse in Grenzen. Mein ursprünglicher Gedanke, Rennsportfilme würden meine nicht vorhandene Begeisterung zum Motorsport wenig ändern, musste nach beiden Sichtungen ein wenig revidiert werden, da beide Filme dank ihrer famosen Inszenierung zumindest leicht meine Faszination dafür wecken konnten. Die Erkenntnis, die sicherlich jeder schon einmal gemacht hat, sollte daher nicht unterschätzt werden: Unabhängig davon, ob einen die Thematik eines Films anspricht oder nicht, gibt es doch hier und da immer mal wieder Filme, die überraschen und am Ende für ein verblüfftes Gesicht sorgen. Ähnlich verhielt es sich bei den Erwartungen an den diesjährigen Rennsportfilm, ich rede nicht von Gran Turismo, sondern Michael Manns Ferrari, der soeben auf den Filmfestspielen in Venedig Weltpremiere feierte.

Hierbei kommt nicht minder viel Staraufgebot wie in Le Mans zusammen: Adam Driver, Shailene Woodley und Penélope Cruz sind mit von der Partie und auch Regisseur Michael Mann ist sicherlich ein Begriff (kurze als Erinnerung, es handelt sich um den Macher des Klassikers Heat (1995) sowie weiteren Actionthrillern wie Miami Vice und Collateral). Die Frage, die sich Ferrari gefallen lassen muss, ist daher ziemlich offensichtlich: Handelt es sich um ein ebenso gelungenes Biopic wie Le Mans?

Viel zu schwer fällt das Urteil aus, es kann daher keine kurze Antwort auf jene Frage geben. Das liegt in erster Linie daran, dass bei diesem Film viele Fässer geöffnet werden können, um den Film mehrschichtig unter die Lupe zu nehmen. Fangen wir ganz vorn beim Fundament eines jeden Biopics an: Der geschichtsträchtigen Figur, in diesem Fall Enzo Ferrari, der von Hollywood-Star Adam Driver (Marriage Story, House of Gucci) mal mehr, mal weniger ausdrucksstark verkörpert wird. Was war das für ein Mann, der in die Geschichte einging? Michael Mann versucht dies zu analysieren, wobei es stets nur beim Versuch bleibt. Es beschäftigt ihn hierbei unter anderem Enzo Ferraris Trauer um seinen verstorbenen Sohn, um charakterliche Tiefe zu kreieren. Das wirkt jedoch eher abgedroschen als tiefgründig.

Ferrari Adam Driver

Es ist nicht das einzige Beispiel und eh haben diese persönlichen Komponenten eines gemein – sie werden viel zu schnell abgearbeitet als wirklich ausgehöhlt. Eine starke Charakterisierung bleibt somit aus beziehungsweise zeigt sich diese nur selten. Als der Trainer, Mentor und Innovator in einer Person 1957 vor dem prestigeträchtigen 1000-Meilen-Rennen Mille Miglia quer durch Italien seinen Fahrern motivierende Worte mit auf den Weg gibt, zeigt sich dies besonders anschaulich. Szenen wie jene stechen deutlich hervor, da das Wesen der Rennfahrer-Koryphäe endlich präziser freigelegt wird und sehr gut zum Vorschein kommt. Nur leider sind diese Momente zu rar gesät, von einem tiefgehenden Psychogramm kann nicht die Rede sein.

Machen wir das zweite Fass auf, indem wir die Frage stellen, wofür Ferrari als Marke stand oder noch immer steht. Schließlich bietet sich hier allerhand potentielle Finesse, mit dem sich das Biopic noch weiter aufpeppen lässt. Sicherlich wird es bei der Frage sehr individuell, darum kann ich mich nur auf meine Assoziationen beziehen. Ingenieurskunst, eine Marke italienischer Kultur und Luxus kommen als erste Impressionen in meinem Kopf auf. Michael Mann interessiert diese Themen recht wenig, doch sind Assoziationen wie jene nicht nachvollziehbar? Dass Themen wie diese links liegen gelassen werden, liegt mitunter an dem dialoglastigen Aufbau, in dem es ausschließlich um die titelgebende Figur und sein Vermächtnis geht. Und doch steht Ferrari eben für mehr als nur einen Name, nämlich für einen milliardenschweren Konzern und für den einen oder anderen bestimmt ebenso für italienisches Kulturgut. Themen wie Markenanalyse oder symbolische Bedeutung finden daher nur wenig Platz, eine Entscheidung, die nicht gerade förderlich für den Film ist. Der Vergleich zum diesbezüglich meiner Meinung nach gelungeneren Film House of Gucci, welcher präzise eben jene Symbolkraft einer weltweiten Marke beleuchtet, muss sich Ferrari daher gefallen lassen,

Anknüpfend daran kommt die Frage hinzu, welche Fußabdrücke, oder besser gesagt Reifenspuren, der Film in der heutigen Zeit hinterlässt. Der aktuelle Trend im Kino ist schließlich deutlich erkennbar: Gran Turismo, Barbie, Tetris, Super Mario, die Liste wird länger und länger, der aktuelle Fokus auf populäre Marken ist unübersehbar. Es erweckt vor diesem Hintergrund jedoch (zum Glück) nicht den Eindruck, dass in Ferrari heftig auf die Trommeln geschlagen wird, um dem Rennsport-Imperium ein bisschen mehr Absatz zu bescheren. Dafür fällt die Geschichte dann doch zu theatralisch aus, dem Ende sei Dank.

Das Urteil zu Ferrari kann, wie eingangs erwähnt, nur als kompliziert beschrieben werden. Für das Prädikat durchschnittlich reicht es zwar aus, dafür sorgen allein Michael Manns adrenalinreiche Inszenierung einiger Rennszenen. Was in jenen Minuten passiert, wird natürlich nicht verraten – Rennsport-Aficionados werden den Braten natürlich von weitem riechen, alle anderen dürfen sich überraschen lassen. Ebenfalls sind die Momente zwischen Adam Driver und Filmfrau Penélope Cruz erinnerungswürdig. Doch insgesamt kann Ferrari kaum Begeisterung für den Rennsport sowie für die Politik und das Geschäft dahinter entfachen – und das ist ganz einfach ein Anspruch, welchem sich Ferrari bei der Rezeption stellen muss. Die beiden eingangs genannten Filme sind, was das betrifft, deutlich sehenswerter.

Ferrari startet, ohne vorherige Kinoauswertung, am 1. März 2024 exklusiv bei Amazon Prime.

★★★★☆☆☆☆


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