Kritik: The Zone of Interest (USA, GB, PL 2023)

Eine Gastkritik von Michael Gasch

– gesehen im Rahmen der 76. Internationalen Filmfestspiele von Cannes –

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Evil thrives on apathy and cannot exist without it. (Hannah Arendt)

Wenige Filme habe ich in meinem Leben bisher gesehen, die durch Mark und Bein gingen und mir einen Teil meiner Seele raubten. Mother! von Darren Aronofsky, Lars von Triers The House That Jack Built oder Werke von Gaspar Noé fallen mir spontan zuerst ein. Zu denen gesellt sich jetzt ein weiterer, der auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes seine Premiere feierte: Jonathan Glazers The Zone of Interest.

Überraschend kam dies jedoch nicht, als die Synopsis kurz überflogen wurde, welche sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Im Mittelpunkt der Handlung steht die Familie von Rudolf Höß (Christian Friedel), der als Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz direkt neben der Menschenvernichtungsanlage wohnt.

Es lässt dabei nicht lange auf sich warten, bis man das Konzept hinter Jonathan Glazers Werk erkennt: Horror in Form von Bildern der menschlichen Vernichtung wird es hier nicht geben. Stattdessen schlägt sich dieser nicht ausschließlich, aber zu großen Teilen in der akustischen Ebene nieder. Minute für Minute wird dies deutlich, wenn die Juden der Geräuschkulisse nach gefoltert, erschossen oder verbrannt werden und man als Zuschauer eine filmische Offenbarung bekommt: Horror braucht keine Visualität, die Akustik reicht vollkommen aus. So lässt sich sagen: Viele Filme gibt es sicherlich, bei denen man am liebsten weggucken möchte, wohingegen The Zone of Interest der erste Film ist, bei dem man weghören will.

Die Akustik brennt sich fortan intensiv ins Gedächtnis ein, die Bilder, die man durch andere Filme wie Steven Spielbergs Schindlers Liste, Claude Lanzmanns Shoah, Alain Resnais’ Nacht und Nebel oder den Geschichtsunterricht noch im Kopf hat, erledigen den Rest. Dazu gesellt sich jedoch noch ein weiterer Faktor, der sich aber erst nach und nach und eher subtil einstellt. Es sind die Figuren, die ganz ins Zentrum des Films gestellt werden und die sich jeder Sekunde bewusst sind, was ein paar Meter weiter entfernt vor sich geht. Wie Verkehrslärm wird diese Geräuschkulisse fortan abgetan und das trifft einen echt wunden Punkt. Wie um alles in der Welt ist dies überhaupt möglich, dass diese Figuren aufgrund der absoluten Unmenschlichkeit, die um sie herum passiert, nicht verrückt werden? In Hinblick auf diese Frage spielt sich der Horror nicht ausschließlich auf der akustischen, sondern auch auf der psychologischen Ebene ab.

Jonathan Glazer wäre aber nicht Jonathan Glazer, würde er nicht auch ein paar kunstvolle Komponenten hineinpacken. Hier und dort tauchen immer wieder vereinzelte Schwarz-Weiß-Szenen auf, die fast schon märchenhaft in Szene gesetzt werden und entkoppelt von der restlichen Geschichte wohl nur als künstlerisches Mittel dienen sollen. Es sind gerade diese Szenen, in denen man einmal kurz aufatmen kann, wobei man da doch die Frage stellen kann, ob das nicht paradox oder widersprüchlich zum restlichen Film ausfällt. An sich ist The Zone of Interest nämlich pures psychologisches Horrorkino, welches jede Sekunde auf einem hohen Niveau spielt.

Jonathan Glazers Schilderung des Lebens außerhalb des Konzentrationslagers ist damit ein absolut gelungener Konzeptfilm, der das Geschichtskino ein Stück weit neu erfindet, sich mit seiner Stilistik aber teils auch selbst limitiert. Zu schade sind da doch die vereinzelten Kritikpunkte, die das Werk in seiner Gänze etwas herunterziehen, vor allem der teilweise unnötige künstlerische Touch sowie das Ende, beides hält davon ab mit einer noch besseren Bewertung zu belohnen. Auch Hannah Arendts Gedanken zur Banalität des Bösen sind im Film spannend integriert, jedoch nicht konsequent genug durchdacht, da Jonathan Glazer diese Banalität gelegentlich mit zu trivialen stilistischen Mitteln verwechselt.

Fazit: The Zone of Interest ist eine Arthouse-Geschichtslektion, die noch lange nachhallen und für viel Diskussion sorgen wird. Und die man – positiv konnotiert – nicht noch einmal sehen muss. Wenn ein filmisches Portrait den Zuschauer so sehr verstört, dann ist der Plan ja eigentlich auch aufgegangen. Genau das muss man Jonathan Glazer für sein neuestes Werk lassen, mit dem er sich ganz weit oben auf der Liste der unerträglichsten Filme der letzten Jahre positioniert. Aber auch nicht ganz die künstlerische Brillanz vergleichbarer Historienmeisterwerke erreicht. Zum Abschluss bleibt noch die sagenhaft gute Leistung von Sandra Hüller (Toni Erdmann) als Ehefrau des KZ-Kommandanten hervorzuheben. Da sie aus dem diesjährigen Cannes-Wettbewerb ebenfalls noch mit ihrem Schauspiel in Justine Triets Anatomy of a Fall hervorragt, sollte ihr der Preis für die beste Darstellerin sicher sein.

★★★★★★☆☆

The Zone of Interest startet am 29. Februar 2024 deutschlandweit im Kino.

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