Netflix-Kritik: Marriage Story (USA 2019)

Criminal lawyers see bad people at their best, divorce lawyers see good people at their worst.

Marriage Story ist Noah Baumbachs „Szenen einer Ehe“, eine emotionale Achterbahn der Gefühle und nach Roma und dem erst im November erschienen Scorsese-Meisterwerk The Irishman ebenfalls einer der (Netflix-)Filme des Jahres, die erfolgreich in das Rennen um die bedeutendsten Filmawards gingen bzw. gehen werden.

Mitreißend, lebensnah, relevant: Der US-amerikanische Autorenregisseur Noah Baumbach hat (nach u.a. Mistress America) eine weitere herausragende Tragikomödie gedreht, welche mitten aus dem Leben des Künstlerpaares Charlie (Adam Driver) und Nicole (Scarlett Johannson) erzählt, die seit vielen Jahren scheinbar glücklich miteinander verheiratet sind, einen Sohn haben und in der New Yorker Theaterlandschaft, Charlie als Regisseur und Nicole als Schauspielerin, bekannt sind.

Mit dieser Annahme startet die Tragiekomödie Marriage Story, indem sie Charlie und Nicole sich gegenseitig ebenso emotional wie amüsant porträtieren und damit die beiden, fast schon wie im Reality-TV, wechselseitig ihre/seine Zuneigung zeigen lässt. Nachfolgend muss der Zuschauer jedoch feststellen, dass es sich bei den gegenseitigen Porträts um Texte handelt, die den beiden als Aufgabe im Rahmen einer Paartherapie gestellt worden ist. Dazu, dass die beiden einander vorlesen, was sie am anderen wertschätzen oder nicht leiden können, kommt es jedoch nicht mehr. Johannson und Driver haben in Marriage Story zwei Rollen von seltener Energie gefunden, mit denen sie Körper und Seele (insbesondere die ambivalenten Gefühle) der beiden Eltern auf ihrem Scheideweg verkörpern. Es ist lange her, dass wir Scarlett Johansson (Match Point) dermaßen außergewöhnlich auf der großen Leinwand (bzw. in diesem Fall auf Netflix) gesehen haben. Sie zeigt einen Aufruhr an Energie, der bei ihr während des letzten Jahrzehnts, in dem sie hauptsächlich an Marvel gebunden war, selten geworden ist. Adam Driver (BlacKkKlansman) steht ihrem emotionalen Schauspielgewitter dabei in nichts nach (bitte gebt ihm den verdienten Oscar!).

Ebenfalls unvergessliche Schauspielkunst bieten in diesem Rahmen Laura Dern und Ray Liotta als Anwälte, die sich einen extensiven (Geschlechter-)Streit während der Scheidungsprozedur von Charlie und Nicole liefern. Dermaßen emotional entladen hat sich dieses Jahr sonst wirklich kein anderes Schauspielensemble. Ob in intensiveren oder in ruhigeren Momenten, Regisseur Noah Baumbach findet immer den richtigen Ton, wenn sich seine Schäfchen verletzen, einfühlen, berühren, belustigen oder förmlich an den Kragen gehen. Marriage Story entwickelt sich hierbei obendrein mit seinen subtilen politischen und gesellschaftlichen Botschaften zu Noah Baumbachs bisher wichtigstem Film. Weiter so!

Marriage Story erscheint am 6. Dezember 2019 auf Netflix.

-Gesehen im Rahmen der 76. Internationalen Filmfestspiele von Venedig 2019-

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