Komm und sieh (UdSSR 1985) – Elem Klimovs Antikriegsmeisterwerk erstmalig restauriert auf Blu-ray

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© Bildstörung

Here I am… here. I want to love… I want to have children… Do you hear? 

Weißrussland, 1943: Fljora, noch mehr Kind als Jugendlicher, buddelt am Strand nach alten Gewehren, um endlich Partisan werden zu können. Als er fündig wird, lässt er sich trotz Flehens seiner Mutter rekrutieren und zieht stolz in den Kampf. Der kindliche Traum von Heldentaten und Abenteuer zerplatzt allerdings schon bei der Ankunft im Truppenlager, denn der Kommandant will ihn beim Einsatz nicht dabeihaben. Und so beginnt für ihn auf seinem Rückweg eine Odyssee, die ihn in nur wenigen Tagen mitten in die Hölle des Zweiten Weltkriegs führt.

Elem Klimovs letzter Spielfilm, dessen Drehbuch von der sowjetischen Zensur wegen seiner angeblich zu schmutzigen und naturalistischen Ästhetik sieben Jahre blockiert wurde, gilt vielen als eines der letzten großen Meisterwerke des Sowjetkinos und als bester Kriegsfilm der Kinogeschichte. Dem schließe ich mich an: Mit Komm und sieh (Originaltitel: Idi i smotri) findet der, meiner Meinung nach auf einer Augenhöhe mit Francis Ford Coppolas Apocalypse Now (1979), größte Antikriegsfilm aller Zeiten am 27. November 2020 seinen Weg auch endlich nach Deutschland – dank den Kollegen von Bildstörung, die bereits diskussionswürdigen Meilensteinen wie Andrzej Żuławskis Possession* (1981) oder John McNaughtons Henry – Portrait of a Serial Killer* (1986) ihre volle Aufmerksamtkeit gewidmet und in bester Bild- und Tonqualität veröffentlicht haben.

Jetzt also hat auch endlich Komm und sieh eine aufwendige Restaurierung erhalten und Elem Klimovs knapp zweieinhalbstündige Schilderung der Grauen des Zweiten Weltkriegs wirkte noch nie so intensiv. Natürlich konnte sich Komm und sieh schon vorher als einer der wenigen Kriegsfilme überhaupt den Stempel „Anti-Krieg“ aufdrücken, ohne dass der Zuschauer ihm diesen auch nur eine Sekunde aufgrund fragwürdiger Kriegsdarstellungen streitbar machen müsste. In Komm und sieh gibt es keinen Patriotismus, keine Helden und keine groß inszenierten Schlachten, vielmehr ist der Film zwischen seinen unvergesslichen naturalistischen Aufnahmen und den expressiv geschilderten Gräueltaten der Kriegsparteien eine Erinnerung daran, was Krieg wirklich ist – nicht greifbar, surreal, menschenfeindlich, ohne klare Trennlinien von Gut und Böse, kurz gesagt: nicht nachvollziehbar. Warum werden Kinder zu Bestien? Wieso werden ehrbare Menschen an der Front zu emotionslosen Massenmördern? Diesen und anderen komplexen Fragen ging Elem Klimov auf bis heute unnachahmliche Weise während der brutalen Odyssee seines Schützlings Fljora auf die Spur und gibt dabei nie einfache Antworten.

Alles in allem ist Komm und sieh am Ende auch ein Horrorfilm, der einen nicht nur emotional, sondern auch körperlich auf eine Weise mitnimmt, wie es nur wenige Filme jemals tun werden. Ein Ausnahmewerk also, welches in sämtlicher Hinsicht verstört und den Diskurs fördert. Und damit einer der essenziellsten Filme, die jemals auf Zelluloid gebannt wurden. Die Bildstörung-Edition wird die russische Originalfassung mit dt. Untertiteln sowie folgendes Bonusmaterial enthalten:

– Audiokommentar: mit Barbara Wurm (Auswahlkomitee Berlinale) und Filmkritiker Olaf Möller
– Klimow: Eine Dokumentation von Ron und Dorothea Holloway (ca. 50 Min.)
– Aus dem Feuerdorf: Drei Kurzdokus von Wiktar Daschuk (ca. 50 Min.)
– Wer keine Erinnerung hat, hat auch kein Leben: Videoessay von Michal Kosakowski und Marcus Stiglegger (ca. 35 Min.)
– Interviews mit: Elem Klimow (ca. 20 Min.), Hauptdarsteller Aleksei Krawtschenko (ca. 13 Min.), Set-Designer Viktor Petrow (ca. 8 Min.), Regieassistent Wladimir Kozlov (ca. 22 Min.)
– Making Of (ca. 10 Min.)
– Booklet inkl. Fotos und dem sehr lesenswerten Essay „Elem Klimows Vermächtnis“ von Dr. Marcus Stiglegger

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Hier geht es zum Trailer auf Youtube.

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