Kritik: Aufbruch zum Mond (USA 2018)

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That’s one small step for man, one giant leap for mankind.

Es erscheint nur konsequent, dass sich Damien Chazelle in Aufbruch zum Mond mit dem Astronauten Neil Armstrong beschäftigt. Schon in seinem vorherigen Film La La Land tanzten und sangen sich Ryan Gosling und Emma Stone durch ein Los Angeles, das als City of Stars funkelte und das Paar auch in das bekannte Griffith-Observatorium führte, wo sich ihr Blick nach oben in den Himmel richtete. Während Damien Chazelle seine Figuren schließlich zum Schweben brachte und beide als Silhouetten über den Wolken in den Sternen tanzen ließ, ist Aufbruch zum Mond nun die Geschichte des Mannes, dem es tatsächlich gelungen ist, als erster Mensch überhaupt den Mond zu betreten. Damit stellt der vierte Spielfilm des erst 33-jährigen Regisseurs, rein oberflächlich betrachtet, sicherlich dessen bislang konventionellstes Werk dar, das sich aufgrund des erstmals fremden Drehbuchs von Josh Singer als klassisches Biopic bezeichnen lässt.

Trotzdem ist auch Aufbruch zum Mond wieder ein filmisches Erlebnis, das von Damien Chazelle bereits mit unglaublichen Bildern und vor allem Tönen eröffnet wird, die Armstrong 1961 noch als Testpiloten zeigen, der eine X-15 fliegt. Ganz ohne unnötigen 3D-Effekt stellt sich der Streifen nach nur wenigen Minuten als unglaublich immersiv heraus und versetzt den Betrachter in den Körper von Armstrong, der zwischen dem verschwimmenden Sichtfeld innerhalb des Cockpits sowie den beunruhigenden Geräuschen rüttelnder Schrauben und anderer Mechanik ganz bewusst die Kontrolle zu verlieren scheint. Dieser Kontrollverlust im Beruflichen erweist sich als elementar für den Verlauf der Handlung, die kurz darauf von einem privaten Kontrollverlust überschattet wird. Damien Chazelle schildert gleich zu Beginn eine einschneidende Tragödie aus dem Familienleben Armstrongs, als dieser und seine Frau die erst zwei Jahre alte Tochter Karen an einen Gehirntumor verlieren.

Noch bevor überhaupt daran zu denken ist, dass dieser Neil Armstrong unweigerlich als historische Persönlichkeit in die Geschichte eingehen wird, reduziert der Regisseur das bedeutsame Ausmaß der realen Ereignisse auf ein intimes Drama im kleineren Rahmen. Diese Intimität ist es auch, die Aufbruch zum Mond entscheidend von gewöhnlichen Biopics abhebt und zusammen mit Chazelles inszenatorischem Können über vergleichbare Vertreter des Genres befördert. Auf dem Weg der Reise zum Mond behandeln der Regisseur und sein Drehbuchautor die wichtigsten faktischen Stationen. Dabei schildern sie die jahrelangen Vorbereitungen, Testläufe und Versuche als beschwerliches Auf und Ab zwischen erleichternden Durchbrüchen und herben Rückschlägen, bei denen einige mitunter gar ihr Leben lassen, damit andere den Traum vom menschlichen Fortschritt weiterträumen können. Inmitten dieser Entwicklungen inszeniert der Regisseur Armstrong als ambivalente Schlüsselfigur, die im Zentrum der Geschichte oftmals den stummen Leidenden gibt. Von Hauptdarsteller Ryan Gosling wird dieser selbstverständlich ein weiteres Mal mit vollkommen vereinnahmender Präsenz verkörpert.

Am deutlichsten wird das innere Dilemma von Armstrong in der Szene, in der dieser von seiner Ehefrau Janet förmlich dazu gezwungen wird, sich vor seinem Flug zum Mond von seinen beiden Söhnen zu verabschieden und ihnen mitzuteilen, dass er von dieser Reise womöglich nicht mehr zurückkehren wird. Als sich die Familie am Küchentisch versammelt hat, spricht Armstrong mit nervösen Handbewegungen zu seinen jungen Kindern, als befände er sich noch auf der Pressekonferenz, die er kurz zuvor geben musste. Eindringlich bringt Damien Chazelle das Kernmotiv seines Films damit auf den Punkt, das den berühmten Astronauten als einen Menschen beschreibt, der auf der Erde jeglichen Boden unter den Füßen verloren hat und fest daran glaubt oder besser hofft, dass er durch die Schwerelosigkeit des Alls sowie das Betreten von bislang völlig unerforschtem Boden wieder zu sich selbst und seiner Familie finden kann.

Neben den 16-mm-Bildern, die dem Film eine brüchige Schönheit sowie angemessen nostalgische Qualität verleihen, einem bis ins letzte Detail ausgeklügelten Sound-Design und dem Schnitt, welcher dem erzählerischen Rhythmus immer wieder eine fast schon assoziative Poesie verleiht, findet Aufbruch zum Mond nach einigen dramatischen und äußerst packenden Höhepunkten in den letzten 15 Minuten zu einer schier atemberaubenden Vollendung. Ähnlich wie Christopher Nolan, der in seinem Science-Fiction-Epos Interstellar ebenfalls ganz nah am Menschen blieb und globale Auswirkungen in den kleinsten Gesten fand, entfaltet auch Aufbruch zum Mond mit dem Betreten des Mondes eine emotionale Wucht von einzigartiger Intensität. Wenn sich das Bildformat plötzlich über die gesamte Fläche der IMAX-Leinwand erstreckt und der historische Augenblick mit dem persönlichen Schicksal eines einzelnen trauernden, immer noch zutiefst verletzten Mannes kollidiert, endet Chazelles Film mit einer bestürzenden Intimität, die nur noch von der allerletzten Szene der stillen Anerkennung gekrönt wird.

Aufbruch zum Mond ist ab dem 08. November 2018 im Kino zu sehen.

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